Burka oder nicht Burka?

Die Short-Pieces-Reihe am Theater Spektakel befasste sich mit Genderfragen, und manche Künstlerin packte sich in das umstrittene Stoffstück ein.

Intensive Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Stück Stoff: «La même» am Theater Spektakel. Bild: Christian Altorfer

Intensive Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Stück Stoff: «La même» am Theater Spektakel. Bild: Christian Altorfer

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Am Schluss sind die jungen palästinensischen Performerinnen in der Roten Fabrik beide vollverschleiert, tragen schwarze Handschuhe und dunkle Strümpfe: Farah Saleh und Salma Ataya durchlaufen und durchtanzen in der halben Stunde ihrer Arbeit «La Même» ohne grosse Worte eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Stück Stoff, das weltweit für so viel Aufregung sorgt. In der Schweiz ist die Volksinitiative für ein Verhüllungsverbot lanciert, im Tessin ist das Tragen von Burkas in der Öffentlichkeit ohnehin verboten. In Deutschland argumentiert man derzeit für ein teilweises Burkaverbot. Und nicht nur Gesichter will man an französischen Stränden sehen; es gilt: Burkinis unerwünscht. Andererseits wurde das Burkiniverbot zumindest für den Badeort Villeneuve-Loubet justament vom Staatsrat einkassiert. Saleh und Ataya reflektieren in ihrem vor kurzem uraufgeführten Stück dieses schwierige Lavieren zwischen Werten: Was tun, wenn der Kampf für die Freiheit der Frau dem Einstehen für die Freiheit des Individuums (und seiner Kleiderwahl) zuwiderzulaufen scheint? Wenn der Blick von aussen die eigenen Absichten unterläuft?

Mal wünscht sich in «La Même» eine Zehnjährige den Hijab («Die anderen haben das auch»); mal wird er ihr aufgedrängt («Die anderen haben es auch»). Die Tänzerinnen stellen ihren Körper aus, führen dann wieder seine allmähliche Verhüllung vor – und dies in einem fabelhaften imitativen Wechselspiel, das, in feiner Ironie, zur «Carmen» von Georges Bizet zu seiner Vollendung kommt. Da ist auf einmal nicht mehr klar, wer die «Fanatikerin» ohne Freiheit ist und wer die Liberale. Sie sind «la même», die gleiche. Plötzlich zeigt sich die Burka nicht bloss als bedrohliches Zelt mit unbekannter, alienhafter Bewohnerin.


Wir (und) die Aliens

Die palästinensischen Künstlerinnen nähern sich den Frauen hinter den Schleiern an, machen sie als träumende und auch als ängstliche Wesen erfahrbar, wie wir alle es sind – ohne dabei Burka oder Islamisierung zu verteidigen. «La Même» war ein Highlight der diesjährigen Short-Pieces-Reihe am Zürcher Theater Spektakel, die offenbar auf die Genderfrage hin programmiert wurde – von der Unterdrückung der Frau in Ländern wie Südafrika bis hin zum abwertenden Blick des Westens.

Eine zweite Arbeit rund um die Burka und ihre Aussenwahrnehmung haben die Wahlzürcherinnen Malika Khatir und Fiamma Camesi von der Cie. Sündenbock geschaffen. Sie wagen es in «Do You Know Schubiduwuah?», die Thematik ins Komisch-Karikatureske zu drehen. Ihre Figuren schwitzen unter einem orangen und einem grünen Ikea-Überwurf, sehen aus wie unförmige Barbapapas ohne Gesicht und trällern gern auch mal den «Barbapapa»-Jingle. Ihre Harmlosigkeit kippt ins Groteske, als sie, in einem irren Stummelenglisch, von ihrem Lebenslauf berichten. Horrorklischee folgt auf Horrorklischee. Da gabs den Missbrauch durch den Onkel, Mobbing des einen, behinderten Kindes, Kriminalität des anderen, nicht behinderten Kindes, Prostitution ...

Flötenspiel, orientaleske Gesänge, herzige Tänze und eine humoreske Diashow akzentuieren die komische Note noch. Nach der ersten Hälfte verliert das Kurzstück, das gewagte Spiel, allerdings an Zug, verläppert sich hilflos in der Repetition: eine verpasste Chance.

Erstellt: 28.08.2016, 16:21 Uhr

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