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Castorf findet zum Trash-Humor zurück

Der Regisseur hat bei seiner «Ring»-Jubiläumstetralogie in Bayreuth am Montagabend wieder nachgelegt – und hat eine Synthese aus den ersten beiden Teilen «Rheingold» und «Die Walküre» geschaffen.

Kommunistische Variante des Mount Rushmore: Castorf ersetzt die US-Präsidenten durch Marx, Lenin, Stalin und Mao.
Kommunistische Variante des Mount Rushmore: Castorf ersetzt die US-Präsidenten durch Marx, Lenin, Stalin und Mao.
Bayreuther Festspiele
Berlin, Alexanderplatz: Das harte Grossstadtleben bei Castorf.
Berlin, Alexanderplatz: Das harte Grossstadtleben bei Castorf.
Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath, AFP
In der Berliner Nacht: Wotan (Wolfgang Koch) und Alberich (Martin Winkler).
In der Berliner Nacht: Wotan (Wolfgang Koch) und Alberich (Martin Winkler).
Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath, AFP
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Der Trash und der Humor kommen wieder zu ihrem Recht, ohne dass Castorf darüber die solide Theaterarbeit vernachlässigt. Insofern stellt «Siegfried» einen echten Castorf dar - der erwartbar vom Publikum überwiegend mit lauthals vorgetragenen Buhs bedacht wurde, während erneut das ausgesucht gute Ensemble und die Leistung von Kirill Petrenko am Pult bejubelt wurden.

Kontinuität über die einzelnen Teile der Tetralogie ist Castorfs Sache nicht. Hatte der Auftakt in einer Tankstelle an der Route 66 («Rheingold») gespielt und der zweite Teil in einer aufwendigen Holzkonstruktion («Die Walküre)», tummeln sich Siegfried, Wotan und Co diesesmal am Berliner Alexanderplatz und einer kommunistischen Variante von Mount Rushmore. Bei dieser sind die gigantischen Büsten der vier US-Präsidenten durch Marx, Lenin, Stalin und Mao ersetzt.

Schneller Szenenwechsel

Der erneute Einsatz der Drehbühne ermöglicht den schnellen Wechsel zwischen pastosen Szenen, vielfach begehbaren Felsen und dem harten Grossstadtleben am Alexanderplatz. So besiegt Siegfried dort den als Zuhälter arbeitenden Riesenwurm Fafner, fängt ein Techtelmechtel mit dem Waldvogel an, der eher eine Bordschwalbe ist, oder trifft Wotan Erda zur letzten, alkoholbefeuerten Aussprache.

Dies alles geschieht mit grossem Witz - ist die Coming-of-Age-Story des «Siegfried» doch gleichsam die Burleske des «Rings». Das bei Castorf obligate Element Video kommt hingegen deutlich spärlicher zum Einsatz.

Gefeierte Sänger

Zu Herzen nahmen sich die meisten Zuschauer die Leistung der Sänger. Lance Ryan, schon seit Jahren als Siegfried auf dem Globus unterwegs, setzte seinen Tenor von Beginn weg in voller Intensität ein, wobei der Kanadier bis zum Ende durchhielt. Einen herrlich unsympathischen Mimen gab Burkhard Ulrich, der seinen zwergigen Pflegevater mit filmreifer Diabolik und entsprechendem Timbre samt hoher Textverständlichkeit anlegte.

Wolfgang Koch komplettierte seinen Wotan als Wanderer, der optisch an Paulus Manker erinnerte und ausdrucksstark blieb. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand Catherine Foster als Brünnhilde zu ihrem für die Rolle ungewohnt leichten Sopran. Und stimmlich deutlich besser disponiert als beim «Rheingold» zeigte sich Sorin Coliban als Fafner.

Scheuer Star

Der grosse Star bleibt allerdings der kleine Kirill Petrenko, der sich beim Schlussapplaus stets beinahe nicht vor den Vorhang zu trauen scheint, und von den Bayreuthern dennoch geliebt wird. Er ist nicht der grosse Parfümeur wie Christian Thielemann, sondern arbeitet sehr kleinteilig im Mikrobereich die passenden, durchaus kontrastreichen Lösungen heraus. Er sucht nicht per se den grossen Bogen, ohne dabei den Gesamtzusammenhang zu vergessen. So blieb er dem eingeschlagenen Weg treu, eine fein ziselierte Arbeit vorzulegen, die sich letztlich ganz in den Dienst der Sänger stellt.

Mit der gestrigen Arbeit kristallisiert sich also langsam heraus, dass der Castorf-«Ring» durchaus das Potenzial hat, zu einer der legendären Arbeiten am Grünen Hügel zu werden. Der Intendant der Berliner Volksbühne greift nicht auf die grossen Mythen der germanischen Sagenwelt zurück, sondern auf die Mythen des 20. Jahrhunderts. Nicht jede Idee wird dabei von jedem verstanden - das muss bei ihm aber auch nicht sein.

SDA

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