«Da ritt mich der Teufel»

Nach dem Eklat am Theater Chur erklärt Regisseur Samuel Schwarz, weshalb er Claus Peymann beschimpfte.

«Du A***loch!», brüllte Samuel Schwarz (im Bild) der Theaterlegende Claus Peymann hinterher, als dieser aus Protest auf zu «dumme» Fragen die Bühne verliess.

«Du A***loch!», brüllte Samuel Schwarz (im Bild) der Theaterlegende Claus Peymann hinterher, als dieser aus Protest auf zu «dumme» Fragen die Bühne verliess. Bild: zVg

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Zuallererst: Was war da los, Ihrer Meinung nach? Und wie geht es Ihnen dabei?
Ich bin nachdenklich und am überlegen, wie es dazu kam. Es ging alles so schnell. Das Theater Chur und ich haben eine sehr riskante, wohl zu spannungsvolle Setzung vorgenommen und das Gespräch mit Claus Peymann vor einer offenen Probe von «Das Verhör des Lukullus» angesetzt. Denn bei «Das Verhör des Lukullus» wird ja einem «grossen Mann» in der Unterwelt der Prozess gemacht, einem General, der nicht merkt, dass die von ihm vorgetragenen Schilderungen seiner Heldentaten ihm in der Unterwelt nichts nützen – denn das Prinzip von «Grösse» gilt ja grundsätzlich nichts in dieser brechtschen Unterwelt. Das schien uns eine gute Basis für ein spannungsvolles Streitgespräch mit Claus Peymann, der bekanntermassen gern seine grossen Taten aufzählt.

War es Absicht, beim Gespräch zu provozieren?
Die Setzung war schon Provokation. Das merkte Peymann – nach meinem Empfinden – wohl mit erwachender Skepsis aber erst im Saal, auch wenn sie ihm kommuniziert wurde im Vorfeld. Auf Peymanns emphatisch vorgetragenes Zitat – «Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht», auch im Kontext von RAF-Gewalt – sah ich eine Möglichkeit nachzuhaken bezüglich des kolportierten gewalttätigen Umgangs Peymanns mit Schauspielern und wollte mich dabei beziehen auf den Brief Peter Turrinis 1994 an den Bundeskanzler Franz Vranitzky. Ich wollte die folgenden Zitate Turrinis über Peymann anbringen: «Er ist ein Choleriker», «Er schreit durch die Gegend», «Er quält seine Schauspieler bisweilen bis aufs Blut». Als sich Peymann nicht auf dieses Gespräch einlassen wollte, sondern meine Frage als «dumm» bezeichnete, hakte ich nochmals nach und insistierte, dass hier nicht ein Monolog vorgesehen sei, sondern ein Austausch. Worauf Peymann drohte, zu gehen. Und, nun ja, ich bin halt auch ein Schauspieler – da ritt mich der Teufel, und es reizte mich, nun einmal ihn vulgär anzuschreien und zu demütigen. Oder es zumindest zu versuchen. Das war eine ganz spontane Entscheidung in dem Moment.

Ist dieser allfällige Plan aus dem Ruder gelaufen?
Das kann ich nicht sagen, weil es keinen Plan gab. Nur diese Spannung, die durch die Dramaturgie gegeben war.

Finden Sie das Hausverbot, welches Frau Hafenburg gegen Sie ausgesprochen hat, angemessen?
Ja, sicher. Ich habe jenen Terror ausgeübt, gegen den ich mich des Öfteren schon öffentlich geäussert habe, denn ich lehne diesen Verbal-Terrorismus der «mächtigen» Regie ab. Ich habe in dem Saal genau diese unerträglich peinliche Stimmung erzeugt, die entsteht, wenn ein solcher Übergriff passiert. Das war ein schlechtes Lehrstück, weil ein nicht brechtsches, denn Brecht setzte auf weise, klare Gedanken. In dieser Stimmung kann man nicht mehr denken, da herrscht nur mehr Angst. Diese Spannungsdramaturgie ist zudem auch ein Mittel totalitärer Kunst und Politik.

Werden Sie sich bei Herrn Peymann entschuldigen? Oder erwarten Sie von gewissen Akteuren in dieser Angelegenheit etwas Bestimmtes?
Entschuldigen werde ich mich bei Claus Peymann als Person, aber nie gegenüber dem Prinzip seiner grossen Machtfülle. Meine Ablehnung des Machtprinzips, das er verkörpert, war zu gross für eine solche dramaturgische Setzung im Vorfeld der offenen Probe des «Lukullus». Was ich von mir erwarte, ist, dass ich nun sehr kritisch reflektieren muss, wie diese Fokussierung auf «Spannung» und «grosse Namen» nun doch zustande kam, obschon das Team sich eigentlich dagegen wehrt – auch gegen die Überbetonung meiner «charismatischen» Funktion im Team. Mit diesem Eklat habe ich auch das filigrane Galileo-Virtual-Reality- und das «Lukullus»-Projekt überlagert, also die präzise Arbeit anderer mit grober Gewalt infiziert. Ich bin in eine Falle gelaufen, die ich mir selbst gestellt habe. Zu meiner Verteidigung füge ich hier an, dass ich noch Anfang September daran gezweifelt habe, ob ich der Richtige bin für das Gespräch mit der «Legende». Zu kritisch ist meine Sicht auf seine «Grösse» und der singulären Intendanten-Macht. Leider liess ich mich dann von Ute Haferburg überreden, ich sei der Einzige, der das könne. Das schmeichelte mir. Nicht grundlos ist eine der Todsünden die Eitelkeit.

Wie geht es jetzt weiter?
Die Kultur der Spannung hinterfragen, mich und das Team nicht mehr diesen Spannungen aussetzen, die mich dazu verführen – denn ich habe eine Schwäche dafür, diese Rolle auszufüllen –, den grossen Berserker zu geben. Die eigentlich relevante Geschichte wird unabhängig von Eklats und Gewalttaten geschrieben, auch das ist eine weise Lehre aus «Das Verhör des Lukullus». Das Geschrei ist nur Windhauch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2018, 17:32 Uhr

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