Da wächst alles über sich hinaus

Heike M. Goetze zeigt im Theater Neumarkt «Nora» von Ibsen als düsteres, übergrosses Graffito. Sehr toll!

Als Nora verheddert sich Lucy Wirth in Selbstgestricktem und Verlogenem. Foto: Caspar Urban Weber

Als Nora verheddert sich Lucy Wirth in Selbstgestricktem und Verlogenem. Foto: Caspar Urban Weber

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Elf Kilometer Seil knäueln sich über den ganzen Raum, gefärbt und verstrickt zu einer phantasmagorischen Berg- und Flusslandschaft. Im Theater Neumarkt besteht die Bühnenwelt fürs «Puppenhaus» von Henrik Ibsen aus einer sich schier organisch schlängelnden Installation aus Schals für Titanen in Nachtblau und Taubenblau, Türkis und Teichgrün; im Fond wird die wuchernde Wolle durch ein riesiges, schwarzweisses Videogitter ausgebremst (Bühne: Simeon Meier; Video: Severin Kuhn). Aus diesem ungemütlichen Daheim gibts kein Entrinnen für die Titelheldin Nora, deren Hände von imaginären Handschellen auf den Rücken gefesselt werden.

Trailer zu «Nora. Ein Puppenhaus» am Theater Neumarkt.

Lucy Wirths halb nacktes Geschöpf in dem offenporigen, selbst gestrickten Pulli und den transparenten Feinstrumpfhosen windet sich etliche brutale Minuten lang, derweil die elektronisch-minimalistische Musik von Holly Herndon durch den Saal fegt wie ein arktischer Wind und die Sängerin dazu mit klirrender Stimme konstatiert: «I feel like I’m home on my own.» Den grossartigen Soundtrack des Abends gestaltete der Elektropopmusiker Fabian Kalker. Was für eine atemberaubende Ouvertüre! Und was für eine heftige, zu einem zweistündigen Denkanstoss geballte Inszenierung!

«Ich möchte so gern mal verfickte Scheisse sagen.»Lucy Wirth als Nora

Der norwegische Dramatiker hatte das Leben seiner anfangs unbefreiten Protagonistin ja auf Nanogrösse geschrumpelt: Ihr Mann Helmer, just zum Bankdirektor befördert, nennt sie ständig «Vögelchen» oder «Eichhörnchen» und hält sie im Käfig seines Machismo gefangen. Meiers gestrickte Bühnenskulptur wiederum verwandelt genau diese Mickrigkeit des Hausmütterchendaseins ins Monströse. Diese nur scheinbar kuschelige Existenz verheddert sich in Handarbeiten, Hausarbeiten und verlogenen Höflichkeiten: Das tägliche Klein-Klein überwältigt die Frau, verleibt sie sich sozusagen ein. Aber nicht nur Nora, alle sind hier in die ominösen Strickpullis gehüllt, alle sind verstrickt, hampeln an den Fäden der hierarchischen und kapitalistischen Gesellschaft. Sie sind wie gut dressierte Tierchen mit pawlowschen Reflexen; Güte ohne Untergrundgegurgel gibts nirgends.

Vergrössert ins Ungeheure

Da schaut Helmer (Maximilian Kraus) mit bösem Lächeln von der Leinwand auf den Irrsinn; er tut alles, um oben zu bleiben und sein Frauchen und seine Angestellten unten zu halten. Via Livecam beamt auch der unheimliche, unheimlich verzweifelte Rechtsanwalt Krogstad (Martin Butzke) sein Begehren in den Raum: Helmer hat ihm gekündigt, und er erpresst nun, arbeitslos und ehrlos geworden, die junge Frau Bankdirektor mit einem alten juristischen Fehltritt – sie soll Helmer dazu bringen, die Kündigung zurückzunehmen. Noras Freundin Christine mit schwarz verschmiertem Schnäuzchen und tiefer Furche auf der Stirn (Yanna Rüger), ohne Mann, Kinder und Aufgabe, sucht als dauerverfügbares Arbeitstier Sinn. Und Nora selbst, die unentwegt von einem «sorgenfreien Leben» faselt, biegt dafür alles – auch sich selber – so lange zurecht, bis es bricht: Cocooning ist keine Option, sondern eine Todesart.

Überhaupt vergrössert die Regie von Heike M. Goetze den Schrecken des falschen Lebens im falschen ins Ungeheure. Ihre «Nora» ist ein düsteres, dramatisches Graffito, bevölkert von Schauspielern, die grandios über sich hinauswachsen. Die 1978 geborene deutsche Regisseurin hat im Duktus von Elfriede Jelineks «Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte» das Drama aus dem Jahr 1879 aufgemischt. Es brodelt im Salon, und Goetze hebt den Deckel hoch: eine heisse Sache.

Und er küsst und tobt

Sie legt die Konflikte frei – mit Wiederholungen von Wörtern und ganzen Szenen, mit Übersetzungen der bourgeoisen Stilpirouetten in die Fäkalsprache von heute und mit Filmsequenzen, welche die erbarmungslose Ästhetik von TV-Shows ins Masslose blähen. Die Figuren – die Goetze als Kostümbildnerin selbst in diese Wolle gepackt hat, die nicht wärmt – rasen von Anfang an: Helmer als verunsicherter Kontrollfreak; Rank, der todkranke Hausfreund (Simon Brusis), als verklemmt-schleimiger Seelenvoyeur; die auch nicht ganz saubere Freundin Christine; und die schon halb verrückte Nora.

«Ich möchte so gern mal verfickte Scheisse sagen», deklariert die hilflose Heldin, deren – bei Ibsen sehr subkutan erotisches – Geturtel mit Dr. Rank bei Goetze durchaus animalisch ausfällt. «Die Gesellschaft ist so furchtbar langweilig.»

Die Nora der mehrfach preisgekrönten Zürcherin Lucy Wirth mit Jahrgang 1984 ist das jedenfalls nicht. Nicht einmal in der berühmten, seit 137 Jahren zu Tode zelebrierten Schlussszene, wo sie endlich den Strickpulli abgelegt hat, aus der Wolllandschaft hinausgetreten ist und, hinter dem Gitter!, am Küchentisch hockt. Lange schweigt sie, während Helmer tobt wegen der Erpressung durch Krogstad.

Und er küsst und tobt, wie sichs gehört: Das ist das Gezappel eines Hasenfusses ohne Haltung. Dann kommt Krogstads Verzichtbrief, und Helmer jubelt, trommelt auf den Tisch wie ein Primat. Nora schweigt; schiesst, spricht schliesslich und geht. Eine echte Befreiung ist das kaum: Hinter dem Gitter ist vor dem Gitter. Wie gesagt: Goetze zeichnet alles gross, übergross – aber das macht sie gut; verfickt gut.

Erstellt: 08.05.2016, 18:50 Uhr

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