«Erschiene mein Buch heute, gäbe es Ärger wegen #MeToo»

Mit dem Roman «I love Dick» wurde sie zur feministischen Ikone. Nun gibt es in Zürich eine Bühnenadaption. Chris Kraus über Abtreibung, Brett Kavanaugh und Trumps Kampf gegen die Armen.

Glaubt, dass Donald Trumps Amerika einen Kampf gegen die Armen führt: Feministin Chris Kraus. Foto: «New York Times», Redux, Laif

Glaubt, dass Donald Trumps Amerika einen Kampf gegen die Armen führt: Feministin Chris Kraus. Foto: «New York Times», Redux, Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Kraus, wie sehen Sie, als frühe Feministin, #MeToo?
Ich verstehe die Bewegung nicht. Sie ängstigt mich, erinnert mich zu sehr an die Manie der «wiedergewonnenen Erinnerung» der 80er-Jahre, als etliche sich an sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit erinnerten, Therapeuten es ihnen geradezu suggerierten. Damals wurden besonders Schwule und Lesben als Verdächtige verfolgt. In den USA scheint die Motivation hinter #MeToo vor allem Rachsucht zu sein. Es ist sehr wichtig, für die Zukunft im Arbeitsumfeld die Unkultur der Belästigung und des Missbrauchs abzustellen. Aber ist es wirklich sinnvoll, Leute Jahre nach den Vorfällen zu verfolgen – für Verhalten, das damals der Norm entsprach?

Ihre berühmt-berüchtigte Heldin aus Ihrem Kultbuch «I love Dick» von 1997 erkennt, dass sie bloss als ein Anhängsel ihres Mannes Sylvère gilt, nicht als eigenständige Künstlerin geschätzt wird. Ihnen erging es damals ähnlich. Wie ist die Lage von Künstlerinnen heute?
Der grösste Wandel ist, dass es so viele, auch bekannte Künstlerinnen gibt, dass man sie nicht mehr einfach in die Gender-Schublade stecken kann. Im Roman versuchte ich, die 1993 gestorbene Künstlerin Hannah Wilke zu rehabilitieren, die ihren Körper ausstellte, um eine neue, positive Sicht auf Weiblichkeit zu eröffnen. Sie war eine Feministin der zweiten Welle, der 60er, 70er, ihr Genie wurde seinerzeit nicht erkannt. In den 90ern waren die Frauen dann tougher. Leute wie Tracey Emin waren entscheidend, um Grenzen zu verschieben: Sie entschuldigten sich für nichts, kämpften erbittert. Seither änderte sich das ganze Konzept von Weiblichkeit.

Inwiefern?
Manche Themen galten früher als «weiblich», werden heute aber als universell betrachtet. Auch Elena Ferrantes neapolitanischer Vierbänder führte zu einem Durchbruch. In den USA haben inzwischen eine Menge Autoren und Kritikerinnen das Vorurteil ins Wanken gebracht, dass das Daheim, Emotion und Bindung spezifisch weibliche Themen sind. Zudem gibt es sowieso nicht den Feminismus, sondern viele verschiedene Feminismen. Eine trivial wirkende Geste wie eine Pussyhat-Parade hat ebenso ihren Nutzen wie grosse Theorie. Wandel geschieht, wenn eine kritische Masse an Widerstand erreicht wird. 

«Weiblich» meinte oft «persönlich» oder gar «sentimental»,  «narzisstisch». Ein wenig zu Recht? Schliesslich heissen die Figuren in «I love Dick» tatsächlich wie Sie, Ihr Mann und eben Ihr Angebeteter Dick.
Da zitiere ich gern Deleuze: «Das Leben ist nicht persönlich.» Auch mein Roman ist keine persönliche Beichte. Es ist doch eher so: Je persönlicher etwas ist, desto unpersönlicher wird es in der Kunst. Weil es an den Kern geht, Grunderfahrungen, Gefühle anspricht, die jeder teilt. Das Erzähler-Ich ist nicht ich, egal, wie ähnlich es mir zu sein scheint. Das hat 1997 nicht jeder kapiert, das Buch wurde als «emotionaler Druck» missverstanden. Erst im letzten Jahrzehnt würdigte man «I love Dick» allgemein als Kunstwerk. Und inzwischen habe ich auch Romane in ganz anderem Stil verfasst, die trotzdem weibliche Identität spiegeln. Allerdings: Erschiene «I love Dick» heute, gäbe es, wegen #MeToo, wohl noch mehr Ärger. Dabei verändert man sich doch ständig, es gibt so viele Ichs.    

Auch das Ihre wandelt sich. Über Ihre drei Abtreibungen schreiben Sie in «I love Dick» noch eher beiläufig – später härter. Wird Donald Trumps Kandidat, Brett Kavanaugh, Oberster Richter, ist das Recht auf Abtreibung in Gefahr.
Ich hoffe sehr, dass seine Ernennung verhindert werden kann. Ändert sich das Gesetz, hören die Abtreibungen ja nicht auf, sie werden nur gefährlicher sein und schwieriger zu organisieren. Mittelschichtsfrauen flogen früher nach Mexiko dafür, arme Frauen versuchten es mit risikoreichen Quacksalbermethoden.

Jetzt macht Kavanaugh ein #MeToo-Vorwurf, der sich auf einen 30 Jahre alten Vorfall bezieht, womöglich einen Strich durch die Rechnung.Ist das okay?
Auch wenn ich mir da selbst widerspreche: Ja! Was immer es braucht, um seine Bestätigung zu verhindern! 

Angesichts der hitzigen Debatte über die Abtreibung in den USA fragen Sieweniger nach Moral als nach der Klassenproblematik.
Allerdings! Ich denke, dass Donald Trumps Amerika einen Krieg gegen die Armen führt und die Klassenproblematik das wahre, vertuschte Geheimnis unserer Zeit ist. Trump hat perver­serweise die Armen gegen sich selbst militarisiert. Die ärmsten Gegenden sind am patriotischsten und von US-Flaggen überwuchert. Man hat die lokalen Kulturen und auch die Kultur der Arbeiterklasse demontiert – und der Trumpismus rollte voll in diese Leerstelle hinein. Auch die wachsenden Nationalismen in Europa finde ich recht beängstigend.

Armut beschäftigt Sie sehr. Sie setzten auch nie voll auf eine Uni-Karriere. In «Dick» jagt Chris besessen und angstvoll dem Geld nach, bewirtschaftet Immobilien wie Sie. Sie unterstützten auf diese Weise auch Ihren Mann; sogar die Krise 2008 meisterten Sie gut.
Ich brauchte Sicherheit und bekam sie weder an der Universität noch als Künstlerin. Als Immobilienbesitzerin gehe ich keine Risiken ein. Ich habe zum Beispiel alte Wohnblocks in Albuquerque gekauft. Aber nicht, um einen schnellen Dollar damit zu machen. Sondern wir haben sie renoviert, auch einen Künstler für Fassadenbilder engagiert und beschäftigen lokale Hausabwarte. Wir versuchen, die Wohnungen so sicher und attraktiv wie möglich zu machen, und vermieten sie an ehemalige Obdachlose. So lernte ich zahlreiche inspirierende Menschen ausserhalb der Kunstwelt kennen, die ich sonst nie getroffen hätte. 

Es sind zumindest temporär Gescheiterte; und Scheitern ist auch in Ihren Büchern ein gros­-ses Thema. In «Dick» schreiben Sie übers Floppen Ihrer ersten Filme – das Sie überhaupt erst zum Schreiben brachte. Was fesselt Sie daran, solche Geschichten festzuhalten?
Scheitern ist Teil von Entstehungsprozessen. Ich betone das deshalb gern, weil es der amerikanischen Ideologie des Erfolgs und der Ausnahmekarriere derart zuwiderläuft. Hinter jedem Erfolg stecken Hunderte Niederlagen.

Erstellt: 18.09.2018, 18:49 Uhr

Chris Kraus, Ikone wider Willen

Der Debütroman von Chris Kraus entstand aus Verzweiflung, Verwirrung, Schwärmerei – und der Chuzpe, daraus eine Art selbstironische Liebeskomödie zu machen. In «I love Dick» (1997) versammelt Kraus’ Heldin namens Chris ihre nicht abgeschickten sowie ein paar versandte Billets-doux (und weniger doux) an einen entschieden abgeneigten Literaturprofessor. Der ist ein Kollege ihres Mannes Sylvère. Gleichzeitig reflektiert das Buch das Verhältnis zur Kunstwelt (in der die kinderlose Filmemacherin und Performerin nicht recht Fuss fassen kann) und jenes zum Ehemann. Der unterstützt Chris selbst in Liebesdingen nach Kräften, aber sie sitzt fest. Bis sie – geht. Auch Chris Kraus’ Ehe mit Kulturwissenschaftler Sylvère Lotringer ging in die Brüche.

Der real existierende Titelheld dieses Romans hatte vergeblich versucht, die Publikation zu verhindern. Das am Briefroman des 18. Jahrhunderts orientierte Experiment über Wollen und Leiden einer klugen Frau unter dem «glass ceiling» fand schon beim Erscheinen Aufmerksamkeit. Vor drei Jahren wurde es neu entdeckt und diskutiert: Es gab den erwartbaren Stalking-Vorwurf, aber auch viel Jubel. 2017 wurde die Amazon-Serie «I love Dick» ausgestrahlt.

Bis heute wehrt sich die Romancière, Essayistin und Fil­memacherin dagegen, als Galionsfigur des Feminismus vereinnahmt zu werden. 1955 als Tochter eines einfachen Magazinverwalters und einer Sekretärin in den USA geboren, wuchs Kraus in Neuseeland auf. An der Wahlheimat Los Angeles mag sie vor allem die heterogene Gesellschaft. Die sympathisch unkomplizierte Frau steht für Diversität und Differenzierheit ein – auch beim Blick auf den Mann.

Sie engagiert sich im Independent-Verlag ihres Ex-Mannes und betreibt einen nach sozialen Kriterien geführten kleinen Immobilienkosmos, den sie selbst aufbaute. Mit Nachdruck bringt sie die Klassenfrage aufs Tapet. Autobiografisch grundiert sind ihre Romane «Torpor» (2006), «Summer of Hate» (2012) und auch die literarische Biografie «After Kathy Acker»(2017) über die 1997 verstorbene radikale Punk-Autorin. Demnächst erscheint «Social Practices: Essays on and around art and art prac­tices». (ked)

Premiere von «I love Dick», Theater Neumarkt Zürich, 22. 9.

Artikel zum Thema

«Feminismus ist immer radikal»

Interview Anne-Sophie Keller hat ein Buch über Iris von Roten geschrieben, die Schweizer Vorkämpferin für Frauenrechte. Sie sagt, was auch heute noch im Argen liegt. Mehr...

Raus aus dem Stubenarrest

Als Bloggerin wurde Ronja von Rönne mit einer Wutrede gegen den Feminismus bekannt. In Zürich erzählte die Berliner Autorin von zwei Arten der Langeweile: Der furchtbaren und der fruchtbaren. Mehr...

Schweden veröffentlicht Handbuch für feministische Aussenpolitik

Kampf gegen sexuelle Gewalt, Frauen in der Politik, Gleichstellung in Kolumbien – die schwedische Regierung beschreibt ihre Erfahrungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Die 10 Gebote des Selbstmanagements

Die Welt in Bildern

Der Herbst ist da: Ein Mann entfernt in St. Petersburg Laub von seinem Auto. (23. Oktober 2019)
(Bild: Anton Vaganov) Mehr...