Wir müssen reden

Heute veranstaltet das Schauspielhaus Zürich seine Generalversammlung. Unspektakulär? Wahrscheinlich. Hier deshalb vier Traktanden, die man dringend besprechen sollte.

Szene aus Alvis Hermanis’ Aufführung «Hundeherz».

Szene aus Alvis Hermanis’ Aufführung «Hundeherz».

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Heute Abend findet im Pfauen die ordentliche Generalversammlung der Schauspielhaus Zürich AG statt. Es ist zu vermuten, dass dabei alles seinen ordentlichen Gang gehen wird. Es stehen keine aufregenden personellen Veränderungen an, und auch die Besucherzahlen bewegten sich wohl im Mittel der letzten Jahre, ohne grossen Ausschlag im Vergleich zum Vorjahr; das Programm erreichte eine erwartbare Menge von Kulturkonsumenten.

Alles spricht also für eine speditive, unspektakuläre Verabschiedung des Geschäftsberichts. Da wär doch mal Raum und Musse für eine zusätzliche und alternative Traktandenliste: Die könnte den einen oder anderen neuralgischen Punkt des Betriebs in den Blick nehmen wie beispielsweise die Freiheit der Intendanz – dies aus aktuellem Anlass.

1. Muss gespielt werden?

Muss eine Intendanz eine angesetzte Premiere auf Biegen und Brechen durchziehen, wenn sie schon einiges in diese Produktion investiert hat? Konkret: Dass der neue Bulgakow-Abend von Alvis Hermanis («Hundeherz») ein künstlerisches Debakel sein würde, trotz hübscher – und extrem aufwendiger – Bühnenbildmachinationen und verzweifeltem Schauspielereinsatz, war für jeden, der auch nur eine Probe miterlebte, absehbar, innerhalb des Teams und ausserhalb. Hätte man nicht die Zuschauer vor der Verschwendung von zweieinhalb Stunden Lebenszeit bewahren müssen?

Es braucht Courage zum leeren Spielplan.

Und auch die Schauspieler? Tatsächlich ist «Hundeherz» – von der gesamten Presse in seltener Einmütigkeit abgewatscht – bis April noch 13-mal angesetzt. Wer soll das gucken? Und, um die Frage auszusprechen, die mir an der Premiere auf den Nägeln brannte: Wieso? Wieso bloss? Klar wäre es kostspielig: Da hat man nun ja eine Inszenierung; sie verschlang eine Menge Ressourcen, Personal, Finanzen (das Bühnenbild allein muss ein Vermögen gekostet haben). Aber sollte man deshalb unbedingt einen «return on investment» generieren, indem man das Pfauenpublikum zum Besuch dieser Vorstellung verleitet? – Hier bräuchte es auch Courage zum leeren Spielplan.

2. Muss inszeniert werden?

Wie lange sollte das (an sich gute) Prinzip der Kontinuität und der Treue zum Künstler gelten? Wann sollte eine Intendanz damit brechen? Brechen dürfen – selbst bei bereits gemachten Verträgen? Wieder, aus besagtem aktuellen Anlass, das Beispiel Alvis Hermanis. Der Theatermann geriet 2015 mit fragwürdigen Aussagen zur Flüchtlingspolitik ins Kreuzfeuer der Kritik. Das Schauspielhaus Zürich, das eine Willkommenskultur befürwortet, hat sich von diesen seinen Aussagen distanziert. Trotzdem wurde der lettische Künstler wieder längerfristig verpflichtet. Bleibt die generelle Frage, wie lange eine Intendanz den Widerspruch zwischen der eigenen Haltung und jener des von ihr engagierten Künstlers aushalten muss – im Sinne der Meinungsfreiheit und künstlerischen Freiheit. Und schliesslich ist Political Correctness ein Reizwort und verpönt.

Es braucht Mut, das Scheitern zu verhindern.

Wäre eine Trennung – auch eine nicht ganz billige Trennung – angezeigt, wenn man bei fundamentalen Grundwerten unterschiedlicher Meinung ist? Und auf einer künstlerischen Ebene: Was ist zu tun, wenn ein Künstler mit einer guten Arbeit fasziniert hat, aber schon bei der zweiten nachliess und die dritte eine Katastrophe war? Man hat in der Theaterförderung oft die langjährige Unterstützung und Bindung eingefordert – zu Recht. Ruhiges Arbeiten, das Entfalten von Potenzialen braucht eine gewisse Sicherheit und schlicht Zeit. Wenn besagter, etwas enttäuschender Regisseur aber frühzeitig für eine vierte Arbeit verpflichtet wurde, sollte die dann vielleicht lieber abgeblasen werden? Trotz Konventionalstrafen für Vertragsbruch? Manchmal braucht es weniger Mut dafür, zu scheitern, als dazu, das Scheitern zu verhindern.

3. Braucht es einen Flop-Pool?

Sollte ein Haus mit grossem Budget vielleicht ein Art Fonds-Perdu anlegen (können)? Für Dinge, die sich vielversprechend anliessen, aber lieber rechtzeitig gekappt statt bis zum bitteren Ende weiterverfolgt werden sollten? So ein Konzept würde das Risiko der Willkür und des völligen Fehlentscheids bergen, würde Unsicherheiten schaffen, gewiss. Und es wäre eine grosse Verantwortung auch für den Intendanten; als in Luzern unlängst tatsächlich eine Arbeit abgesagt wurde, gab das zu reden. Andererseits würden so auch personell Kräfte frei, die man kurzfristig für Neues einsetzen könnte; die so auch schnell auf Brandaktuelles reagieren könnten.

4. Braucht es Tiere und Kinder?

Könnte man ein Moratorium für Kinder und Tiere auf der Bühne einführen? Und bei allergrösster Hochachtung für Fritz Fennes Spielkünste, auch für Werwolfsgeschöpfe und andere Hybridkreaturen?! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2018, 14:09 Uhr

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