Das Köppel-Stück als Stresstest

Ein Foul ist kein Grund, das Spiel abzubrechen.

Er hat in den Augen vieler eine moralische Grenze überschritten: Philipp Ruch im Theater Neumarkt. Foto: Urs Jaudas.

Er hat in den Augen vieler eine moralische Grenze überschritten: Philipp Ruch im Theater Neumarkt. Foto: Urs Jaudas.

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Seit einer Woche empört eine Kunstaktion, die als «Entköppelung» bekannt geworden ist: Im Rahmen eines Festivals am Theater Neumarkt wollte der 35-jährige Aktionskünstler Philipp Ruch einen fiktiven «Exorzismus» am «Weltwoche»-Herausgeber und SVP-Nationalrat Roger Köppel vollziehen. Es gibt ästhetische und moralische Gründe, die gegen diese Aktion sprechen. Das will niemand bestreiten. Einigen droht nun aber der Massstab verloren zu gehen: Die SVP hat angekündigt, die Subventionen des Theaters Neumarkt zu kürzen – oder es gar schliessen zu wollen.

Diese Position vertritt auch der Satiriker Andreas Thiel, der die Aktion von Ruch eine «Volksverhetzung» nennt. Mit der Wirklichkeit hat Thiels Aussage freilich nichts zu tun: Am Freitagabend verfolgten lediglich 100 Theaterbesucher die Aktion von Ruch, die vom Theater Neumarkt zum Bahnhof Tiefenbrunnen führte. Von ihnen wirkte niemand aufgehetzt. Im Gegenteil, die Wanderung am See verlief in Ruhe und ohne Zwischenfälle. Auch die Aktion selbst war alles andere als aufregend: Der angekündigte «Exorzismus» war wenig mehr als eine viertelstündige Performance, in der ein Schauspieler dilettantisch durch die vorgegebenen Aktionen stolperte. Dazu gehörte das Treten auf eine Plastikkröte, die Roger Köppel darstellen sollte. Danach gab es Applaus, der vielleicht auch Ausdruck von Erleichterung war, dass die gross angekündigte Aktion von Ruch so rasch und harmlos zu Ende ging. Die Zuschauer zerstreuten sich jedenfalls ziemlich rasch.

Von einer «Volksverhetzung» kann also keine Rede sein. Die Anwesenden und alle, die von dieser Performance hörten, waren und sind offensichtlich in der Lage, eine solche Kunstaktion mit kritischer Distanz zu verfolgen und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Es wäre denn auch falsch, wegen dieser einen Performance dem Theater Neumarkt die Subventionen zu kürzen oder es gar schliessen zu wollen. Oder alle Künstler als Primitivlinge abzustrafen.

Ruchs Aktion war eine von Tausenden Theateraufführungen, die jedes Jahr in Zürich gezeigt werden. Deshalb nun den Wert des Theaters oder die Institution des Neumarkts infrage zu stellen, wäre so absurd wie unverhältnismässig. Ruchs «Entköppelung» steht nicht für das ganze Theater. Auch nicht für das, was sonst am Neumarkt gezeigt wird. Wenn im Fussball ein Foul geschieht, entlässt man ja auch nicht den Trainer und die anderen Spieler. Erst recht nicht stellt man das ganze Spiel infrage. Das wäre fatal: Das Theater ist ein wichtiger Freiraum, in dem grundsätzlich alles in symbolischen Handlungen durchgespielt und infrage gestellt werden darf. Das garantiert die Kunstfreiheit, die zu den zentralen Errungenschaften einer aufgeklärten Gesellschaft gehört.

Mal sieht man etwas, was den Horizont öffnet, mal wird eine moralische Grenze überschritten. In jedem Fall funktioniert das Theater wie ein Stresstest: Angesichts der Überschreitung verteidigen und erneuern wir unsere moralischen Überzeugungen. Manchmal auch mit Empörung. Nichts anderes haben die heftigen Reaktionen auf Philipp Ruchs Aktionen gezeigt.

Erstellt: 20.03.2016, 22:44 Uhr

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