Das Kriegstheater Sarajevo kommt nach Zürich

Mitten im Bosnienkrieg wurde es gegründet, nun gastiert es in Zürich: Im «Sarajevski Ratni Teatar» wird das Unvorstellbare bekämpft.

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Frühling 1992 in Bosnien. Der Krieg erfasst das Land. Die Belagerung und der Beschuss der Hauptstadt Sarajevo durch bosnisch-serbische Truppen beginnt. 1425 Tage sollten Scharfschützen und Granaten die Bewohnerinnen und Bewohner terrorisieren. Mit über vier Jahren war es die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert, die über 11'000 Menschen das Leben kostete.

Mitten in der Hölle des Krieges wehrte sich eine Gruppe von Kunstschaffenden gegen die Angst und den Tod. Sie gründete das «Sarajevski Ratni Teatar» (Sartr). Das Kriegstheater Sarajevo.

Der Bosnienkrieg ist lange vorbei, das Land von der Bildfläche der meisten Westeuropäer verschwunden. Doch der Kampf vieler Menschen geht weiter. Heute verlässt eine neue Generation das Land. Nicht mehr der Krieg treibt die Menschen fort, sondern seine direkten und indirekten Folgen: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, ethnische Teilung, politischer Stillstand, Korruption. Stoff genug für immer neue Stücke. Das neuste: «Jedvanosimsoboakalomistobo». Der Name ist Programm und Realität zugleich: Ein Spiel voller Absurditäten.

Co-Autorin des Stücks in die bosnische Dramaturgin Nejra Babic. Sie schlägt den Bogen zwischen der Notwendigkeit des Theaters im Krieg und heute.

Anfang März 1992 begannen die Belagerung und der Beschuss von Sarajevo. Nicht mal einen Monat später haben Kunstschaffende das Sartr, das Kriegstheater Sarajevo, gegründet. Wieso?
Ich war damals noch ein kleines Kind, eingeschlossen in einem Luftschutzkeller. Ich war mir nicht richtig bewusst, was um mich herum geschieht. Trotzdem war eines der ersten Gefühle, an die ich mich erinnern kann, Angst. Die Gründung des Sartr unter diesen Bedingungen war ein starkes künstlerisches Bedürfnis nach Widerstand und Rebellion. Die Gründungsmitglieder lehnten es ab, dass die Angst ihr Leben diktierte. Was bleibt Kunstschaffenden denn anderes übrig, als Kunst zu schaffen?

Sich verstecken! Schliesslich regnete es Granaten ...
Nein. Denn es geschah etwas Paradoxes: Diejenigen, die den Menschen die Würde und das Leben nehmen wollten, gaben ihnen einen umso grösseren Anreiz und eine umso grössere Energie, ihr Bestes in ihrem Schaffen zu geben. Einer der Gründer und langjähriger Direktor des Sartr, Safet Plakalo, hat dazu geschrieben: «Die ganze Kunst, auch das Theater, ist machtlos gegen die Mächte des Bösen, aber sie ist mächtig, wenn es darum geht, in der menschlichen Seele eine emotionale Kraft freizusetzen, welche ein stählerner Widerstand des Menschen gegen das Böse ist.» Und so stiess die erste Aufführung «Skloniste», Unterschlupf, auf ein unerwartet hohes Interesse des Publikums. Das war der Weckruf und der Beginn der Hochkonjunktur des Theaters im Krieg.

Rundherum tobte der Krieg, und im ersten Stück ging es um Sicherheit?
Das Sartr wurde in einem Keller gegründet, der gleichzeitig als Schutzraum für Anwohner der benachbarten Häuser diente und eigentlich das Jugendtheater war. Nicht nur Schauspieler haben sich dort versammelt, auch Autoren, Musiker, Künstler aller Richtungen. Sie entschieden sich, ein neues Theater zu gründen, weil alle anderen Theater der Stadt ihren Betrieb wegen des Krieges eingestellt hatten. Sie lebten also in diesem Schutzraum, schrieben dort ihre Texte und probten für ihre erste Aufführung «Skloniste», Unterschlupf. Die Menschen, die in diesem Raum Schutz suchten, wurden zu Charakteren des Stücks selbst. Zur Aufführung, welche in diesem Keller stattfand, wurde die reale Atmosphäre zum Teil des Bühnenbilds.

«Jeder Zuschauer rannte zwischen Scharfschützen und Granaten zur Aufführung.»Nejra Babic, Dramaturgin

Wie muss man sich denn eine Premiere oder Theateraufführung im Krieg vorstellen?
Die Premiere dieses ersten Stücks fand noch 1992 statt, im Kerzenschein. Der Raum hatte keine Fenster, und während des Krieges gab es oft keinen Strom. Die Premiere wurde nirgends öffentlich angekündigt. Denn jede Ankündigung einer grösseren Versammlung machte die Menschen, die dorthin gingen, zu Zielen der Artillerie. Die Neuigkeit wurde also von Mund zu Mund verbreitet. Die Aufführungen fanden zudem in unterschiedlichen Kellern und Schutzräumen statt. Einige sogar im Krankenhaus.

Das bedeutete also, dass sich die Theaterbesucher einer grossen Gefahr aussetzen mussten, um sich ein Stück anzusehen.
Ja. Jeder Zuschauer, der zu einer Aufführung kam, spielte eine Art russisches Roulette. Er oder sie rannte zwischen Scharfschützen und Granaten zur Aufführung. Das machte jede Aufführung zu einer richtigen, tatsächlichen Show für das Publikum und alle beteiligten Schauspieler. Dieser Moment der Vereinigung im Theater, der theatralischen Vereinigung, bedeutete buchstäblich einen Triumph des Lebens. Der spirituelle Widerstand gegen das Böse, dem die Bewohner von Sarajevo ausgesetzt waren, wuchs und wuchs. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass ein Zuschauer schrieb: «Danke an die Schauspieler von Sarajevo, die uns nicht haben verrückt werden lassen.»

Knapp ein Jahr nach seiner Gründung wurde das Sartr offiziell anerkannt als Institution von spezieller Wichtigkeit für die Verteidigung Sarajevos. Wie verteidigte das Sartr die Stadt?
Das Theater wurde während des Krieges gegründet. Es bezeugte damit den spirituellen und kulturellen Widerstand gegen Faschismus und Aggression. Durch seine Stücke und kulturelle Mission versuchte das Sartr stark, diese universellen Werte zu bestärken: Der Reichtum der Vielfalt, Antifaschismus, die Heiligkeit des Friedens, Aktivismus, Internationalismus, Empathie gegenüber allen, die in der Welt Ungerechtigkeit erleiden. Dieses Theater gab Leuten in unmöglichen Umständen Halt. Es widersetzte sich öffentlich und ethisch dem Versuch, zivilisatorische Werte des Lebens zu zerstören. Zusammen mit dem Publikum hielt es die Würde des künstlerischen Schaffens aufrecht. So trug es zur Erhaltung der kulturellen Identität bei.

Das Sartr war das einzige Theater, welches ohne grössere Unterbrüche während des ganzen Beschusses von Sarajevo spielte. Dachte das Ensemble nie ans Aufhören – weil es zu gefährlich oder zu anstrengend war?
Das Ermüdendste war wohl die unmittelbare Gefahr durch Scharfschützen und Granaten, wenn man ins Theater wollte. Das eigentliche Spielen auf der Bühne sei alles andere als anstrengend gewesen, erzählte die Schauspielerin Jasna Diklic. Das Spielen sei für alle therapeutisch gewesen – es habe ihnen das Leben gerettet in Zeiten, als sie aufgehört hätten, an den Sinn des Lebens zu glauben.

«Das Theater ist ein Ort, der uns neue Welten erschaffen lässt, wenn die Welt, in der wir leben, zu schwer zu ertragen wird.»Nejra Babic, Dramaturgin

Welchen Einfluss hatte das Theater während des Krieges auf die Leute von Sarajevo?
Das Buch «Das Theatre in War Sarajevo 1992–1995» von Davor Diklic erzählt über den Einfluss des Theaters auf das Publikum und die Künstler während des Krieges. Es ist eines der wichtigsten Zeugnisse über das intensive Leben des Theaters und allgemein das künstlerische Leben im belagerten Sarajevo. Das Theater und die Kunst waren eine Notwendigkeit, die allen, die in Sarajevo lebten, einen Sinn im Leben gaben. Während des Krieges wurden 3102 kulturelle Veranstaltungen abgehalten – 48 Konzerte der Philharmonie Sarajevo, Publikation von 263 Büchern, 177 Kunstausstellungen; 156 Filme wurden gedreht, 182 Theaterpremieren und über 2000 Aufführungen wurden gespielt. Diese Zahlen illustrieren die Bedürfnisse der Künstler und des Publikums am besten, Sarajevo damals zu einem normalen Ort machen zu wollen. Der Kampf um die Seele Sarajevos, der Seele Bosnien und Herzegowinas und des Rests der Welt wird einem bewusst, wenn man an all die Hunderte getöteter Kulturschaffender denkt, eingeschlossen der 22, die in Sarajevos Theater gearbeitet haben.

Während des Krieges war das Sartr ein Ort und eine Form des Widerstandes. Wogegen ist dieser Widerstand heute gerichtet? Wieso ist es heute wichtig?
Obwohl wir nicht mehr im Krieg leben, leben wir immer noch in Bosnien und Herzegowina. Unser Land hat drei Präsidenten, 14 Parlamente, 136 Minister und das wohl komplexeste politische System der Welt. In so einem System Kunst zu schaffen, ist ein mutiger Akt an sich. Für mich als Dramaturgin und Theaterautorin ist es zentral, dass das Sartr die Möglichkeit für junge Künstler schafft, ihren Platz zu finden. Das Sartr ist ein offener Ort für Theaterautoren und Regisseure einer neuen Generation, die neue, andere Ideen mitbringen. Mit dem Sartr haben wir einen sicheren Ort, um über Dinge zu sprechen, die uns beschäftigen, bewegen und uns Sorge bereiten. Es ist auch ein Ort, der uns neue Welten erschaffen lässt, wenn die Welt, in der wir leben, zu schwer zu ertragen wird.

«Jedvanosimsoboakalomistobo», Ihr Stück, das Sie in der Schweiz, in Zürich, zeigen werden, hat den wohl längsten Namen in der Theatergeschichte. Wofür steht er?
Musik war einer der wichtigsten Faktoren bei der Entstehung dieses Stücks. Der Titel steht für ein Wortspiel, kreiert von Damir Nevesinjac, 1997. Er war Mitglied der Punk-Rock-Gruppe Protest. «Jedvanosimsoboakalomistobo» ist der Titel des ersten Albums der Band. Damir Nevesinjac und sein ehemaliger Bandkollege Nedim Zlatar sind die Musikautoren dieses Theaterstücks. Der Titel bezeichnet das Spiel – das Wortspiel, das bürokratische Spiel mit Menschenleben, das Spiel derer, die Macht haben und die Spielregeln festlegen, aber auch das Theaterspiel. Aus all dem, was uns umgibt, und was oft zu viel ist, schöpfen wir eine Performance, die voller absurder Elemente ist. Aber eigentlich sind sie das Abbild der unglaublichen Realität.

Das Stück ist als Sozialkomödie gelabelt, trotz all der schwierigen Lebensumstände, welchen die Menschen in Bosnien und Herzegowina ausgesetzt sind. Ist Humor die einzige Antwort auf Absurdität?
In der Zeitung lesen wir jeden Tag, dass eine grosse Anzahl junger Leute das Land verlässt, dass die Politiker korrupt sind, dass wir oft Opfer von Ungerechtigkeiten werden. All das ist Thema des Stücks. Trotzdem ist es unmöglich, all diese Dinge in ihrer vollen Absurdität zu zeigen. Einige der offiziellen Dokumente und Daten der Ministerien Bosnien und Herzegowinas sind so lustig, dass es schwer zu glauben ist, dass man tatsächlich offizielle Dokumente vor sich hat. Humor ist also nicht zwingendermassen die einzige Antwort auf Absurdität, aber in diesem Falle ist er unausweichlich.

Was ist Ihre Botschaft, die Botschaft des Sartr?
Zuallererst, und damit spreche ich für das gesamte Ensemble, fühlen wir uns geehrt, dass wir mit diesem Stück in Zürich auftreten können. Denn das Theater und die Kunst im Allgemeinen ist der beste Ort, um die Welt, in der wir leben, zu hinterfragen und zum eigentlichen Kern des Lebens zu gelangen. Ich hoffe, dass wir uns durch dieses Hinterfragen alle bewusst werden, dass Kunst Empathie fördert und dass Empathie mehr als nötig ist in der heutigen Welt.

Aufführung in Zürich: «Jedvanosimsoboakalomistobo», Samstag, 21. April 2018, 20 Uhr, Kirchgemeindehaus Neumünster, Seefeldstrasse 91, 8008 Zürich, 25 CHF, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch mit englischen Untertiteln. Ticketreservation: event@i-platform.ch.

Erstellt: 20.04.2018, 16:50 Uhr

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Nejra Babic


Bild: Velija Hasanbegovic

Nejra Babic wurde am 24. Mai 1989 in Sarajevo geboren. Dort schloss sie die Akademie der darstellenden Künste in Dramaturgie ab. Noch an der Akademie gewann sie den ersten Preis für ihr Skript «Let me draw you». Der Film, der daraus entstand, wurde am Sarajevo Film Festival gezeigt, dem grössten Filmfestival Südosteuropas. Nejra Babic ist des Weiteren Autorin von Radiostücken und Erwachsenenpuppentheatern. Am internationalen Theaterfestival Mess in Bosnien ist sie als Katalogautorin und Kritikerin tätig. Zurzeit arbeitet sie als Dramaturgin und Autorin am Sartr, dem Kriegstheater Sarajevo. Zusammen mit dem bosnischen Theaterautoren und Regisseur Ales Kurt hat sie dort das Stück «Jedvanosimsobo-
akalomistobo» geschrieben, welches am Samstag auch in Zürich aufgeführt wird.

I-Platform

Das Theaterstück wird im Rahmen der Veranstaltungsreihe «H(AJMO)» aufgeführt, organisiert von I-Platform.

In der Schweiz leben über 60'000 Menschen aus Bosnien und Herzegowina. I-Platform ist eine Initiative der Diaspora zur Entwicklung Bosnien und Herzegowinas. Als Büro und Onlineplattform fördert und koordiniert I-Platform die Zusammenarbeit zwischen Einzelpersonen, Unternehmen und Organisationen aus der Schweiz und aus Bosnien. Der Fokus liegt vor allem auf der Nutzung des Potenzials und der Ressourcen der Diaspora in der Schweiz. Damit soll die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung Bosniens vorangebracht werden. Die Initiative wird von der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt.

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