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Das Leben als Einzelhaft

Karin Henkel spult im Zürcher Schauspielhaus Bernard-Marie Koltès dunkles Stationendrama «Roberto Zucco» vor und zurück – und schafft dabei ein bewegendes Still von unserer Verlorenheit.

Es heult aus den Gestalten, wenn sie ihre Lieben verlieren: Lena Schwarz als «Die Nutte». Foto: Matthias Horn
Es heult aus den Gestalten, wenn sie ihre Lieben verlieren: Lena Schwarz als «Die Nutte». Foto: Matthias Horn

«Es ist dunkel, ich sehe nichts.» Das ist der letzte Satz in der Aufführung von «Roberto Zucco», mit klammer Stimme herausgepresst von einer, die unter uns sitzt, im Parkett, und mit uns hineinstarrt ins Bühnen-Black.

Es ist nicht der letzte Satz des Stücks von Bernard-Marie Koltès. Im Finale der einzigen Doku-Fiction des Franzosen sieht der Zuschauer zwar auch nichts mehr: Doch dort blendet ihn die Sonne, die gleisst wie «eine Atombombe» (Koltès), während Zucco vom Dach in den Tod stürzt. Der aidskranke, sterbende Autor schickte den italienischen Serienmörder, der eigentlich Roberto Succo hiess (1962–1988), auf einen Weg vom Dunkel ins Licht: von der Nacht seiner Gefängnisflucht bis zur Himmelfahrt nach seiner zweiten Verhaftung. In der Inszenierung von Karin Henkel wird diese Reise nun zurückgespult: Die Sonnenvision ersäuft am Ende in Schwärze. Man könnte sagen: Von diesem Zarathustra bleibt bloss das klägliche Zucken eines Nachtfalters, der sich die Flügel verbrannt hat. Und man muss ­sagen: Gut so.

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