Der Chef ist der andere

Die zeitgeistige Doppelspitze neigt zur Verschleierung der Macht- und Geldverhältnisse – auch am Schauspielhaus?

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Er verstehe nicht, wieso Fussballtrainer dauernd über Mannschaftsaufstellungen diskutierten. Er selbst spiele am liebsten mit zwei hängenden Spitzen, sagte der TV-Satiriker Harald Schmidt politisch unkorrekt zu einer Zeit, als dies noch nicht in Mode war. Heute sind nicht nur PC-Unkorrektheiten en vogue, sondern auch Doppelspitzen – beides hinterlässt meist einen faden Nachgeschmack.

Zum einen ist dann doch jemand der eigentliche Chef, hinter dem sich die Nummer zwei aufstellt (in diesem Fall dürfte dies Nicolas Stemann sein und nicht Benjamin von Blomberg), zum anderen ist die Einrichtung einer Doppelspitze häufig ein personeller Ausdruck von Entscheidungs- und Führungsschwäche: Man wollte in einem Betrieb weder den einen noch die andere brüskieren. Die Folgen davon haben dann vor allem die anderen auszubaden.

Gegenseitige Bereicherung

Nun gibt es auch die konzeptuelle Doppelspitze, wie sie das künftige Duo am Zürcher Schauspielhaus aufgrund seiner Erfahrungen in München für sich in Anspruch nimmt. Die kreative Arbeit ergibt sich nicht aufgrund des hierarchisch verordneten Zwanges zur Zusammenarbeit, sondern durch die von vornherein formulierte Idee: Das Projekt, das realisiert werden soll, kann nur dank gegenseitiger Bereicherung zum Fliegen kommen. Wenn das der Fall ist und sich zwei Führungskräfte ideal ergänzen, dann ist gegen solche Konstrukte, die nicht zuletzt der Machtkontrolle und -eindämmung dienen, kaum etwas einzuwenden. Dass im Laufe der Koproduktion Differenzen entstehen können – bis hin zum Bruch –, dagegen ist auch das raffinierteste Konzept nicht gefeit.

Wie die um sich greifende Duzis-Kultur neigt auch die zeitgeistige Doppelspitze zur Verschleierung der wahren Macht- und Geldverhältnisse. In einer Zeit, in der autoritäres Denken und Handeln die Welt dominiert, sind Führungsduos, so sympathisch sie auch sein mögen, auch eine Art Feigenblatt für die Gesellschaft. Schaut her, es geht auch anders! Dabei wird vergessen, dass die Aufführung des Stückes, das von geteilter Macht – und Verantwortung – handelt, bloss auf einer Nebenbühne stattfindet: im Theater.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2017, 21:11 Uhr

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