Der Kampf um Berlins Volksbühne

Der neue Leiter Chris Dercon ist freundlich. Berlin ist es nicht.

Das Theaterensemble sprach sein Misstrauen aus: Der neue Leiter Chris Dercon ist in Berlin unerwünscht.

Das Theaterensemble sprach sein Misstrauen aus: Der neue Leiter Chris Dercon ist in Berlin unerwünscht.

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Chris Dercon ist Belgier. Und das ist sein Glück. Der Chef der Londoner Tate Modern spricht Deutsch und Englisch mit dem weichen flämischen Akzent, der jeden Satz wie ein Konfektstück klingen lässt. Rund um die Welt gilt er als einer der charmantesten Männer der Kunstszene.

Dafür hasst man ihn in Berlin. Denn dort holte ihn der SPD-Senat als Nachfolger von Frank Castorf an die Volksbühne. Seitdem ist dort der Teufel los: Sogar Castorfs Todfeind, der Regisseur Claus Peymann, sagte: «Was qualifiziert den netten Leiter der Tate Modern für die Leitung eines Theaters? Gar nichts!»

Dercon wird verstossen

Im Juni sprach das Ensemble sein Misstrauen gegen Dercon aus: 180 prominente Theaterleute unterschrieben, von Martin Wuttke bis Christoph Marthaler. Man spottete über Dercons Plastik-sätze wie: «Ich fühle mich nicht als Revolutionär, sondern als Moderator der Veränderung.» Man hängte ihm Spitznamen an, etwa «der Manager» oder «der Kurator». Und man leakte Zahlen: Dercons Reisespesen im Jahr vor dem Antritt (130'000 Euro). Und die Kosten der Antritts-­Pressekonferenz: 100'000 Euro.

Diese war ein Desaster. Dercon sprach von mehr Internationalität, seine zukünftigen Angestellten von mehr Banalität.

Allerdings hat Dercon auch denkbar schlechte Chancen. Zuvor war 25 Jahre Frank Castorf der Chef: ein Mann vom Typ heiliges Monster, der das Theater in eine Art Riesenkommune verwandelte, die Stücke in Trümmer legte, Riesenskandale, Riesenlänge und Riesenerfolge hatte. «Wir folgen nur einer einzigen Generalthese», sagte Castorfs Chefdramaturg Carl Hegemann: «Wir dürfen es nicht im Griff haben.»

«Veränderung tut immer weh»

Und nun Chris Dercon, der von «Tourismus» und «Strategieräumen» spricht. «Es ist, als würde man der deutschen Fussballnationalmannschaft aus Innovationsdrang einen Eishockeytrainer voranstellen», sagte Hegemann. Und sein abtretender Chef Castorf gab sich nur leicht freundlicher. Er wünsche Dercon viel Erfolg. Vielleicht würde aus der Volksbühne bald eine Badeanstalt werden.

Dercon gab zuerst geduldig Interviews. Und sagte Dinge wie: «Veränderung tut immer weh. Change Management, das ist das Entscheidende.» Dann wurde er knapper: «Ich weiss, dass man sich in Berlin ärgert, dass ich mich nicht ärgere.»

Im Sommer 2017 wird der Belgier seinen neuen Job antreten. Und bereits haben sich alle in die Schlacht geworfen: die Berliner Zeitungen, die Kulturpolitiker (mit dem Vorwurf «Dinosaurier» an die Intendanten), die Intendanten (mit dem Vorwurf «Lebenszwerge» an die Politiker), das Bundeskanzleramt, das sich besorgt über die subversive Theatertradition Deutschlands äusserte.

Kein Zweifel: Chris Dercon, der charmante Kunstmanager, wird nackt durch die Hölle gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2016, 14:48 Uhr

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