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Der Kulturdirektor misstraut der Demokratie

Peter Haerle, der Leiter der Stadtzürcher Kulturabteilung, hat ein Arbeitspapier zurückgehalten – aus Angst vor Auseinandersetzungen.

Gewiss, Kulturpolitik ist ein schwieriges Geschäft: Jede grössere Entscheidung muss vors Volk, die Kulturszene reagiert dünnhäutig, wenn etwas über Jahre Gewachsenes verändert werden soll. Und mit einem Generalverdacht gegenüber der Kultur lässt sich noch immer Stimmung machen. Insofern ist der Handlungsspielraum der Kulturpolitik beschränkt. Zumindest wenn man nicht Gefahr laufen will, anzuecken oder zu scheitern.

Aber wie defensiv und ungeschickt sich Peter Haerle, Kulturdirektor der Stadt Zürich, verhalten hat, erstaunt dann doch: Über Jahre hielt er ein Arbeitspapier zurück, das Vorschläge macht, wie die hiesige Tanz- und Theaterlandschaft umgestaltet werden könnte, wenn man wollte. Besonders zu diskutieren geben könnte der Vorschlag, die Subventionen für das Theater Neumarkt mit denjenigen für die Gessnerallee zusammenzuführen: Der Spielbetrieb am Neumarkt würde eingestellt, damit die Gessnerallee zu einem einzigartigen Haus für die freie Szene werden könnte.

Das ist ein Vorschlag, zu dem sich nun jeder eine Meinung bilden kann, der das 24-seitige Papier liest. Der TA hat es heute erstmals veröffentlicht. Noch im Dezember hat Haerle den Zugang zum Dokument verweigert. Mit der Begründung, der Meinungsbildungsprozess des Gemeinde- respektive des Stadtrates sei «noch nicht abgeschlossen», das Parlament und die Regierung könnten von der Öffentlichkeit «beeinträchtigt» werden.

Nur: Für den Meinungsbildungsprozess des Gemeinderates ist Peter Haerle als Direktor der Kulturabteilung nicht zuständig. Beim Parlament handelt es sich um ein unabhängiges Organ, das sich auf der Grundlage des Dokuments selbst eine Meinung bilden kann; einer Spezialkommission des Gemeinderats lag das Arbeitspapier zudem bereits seit 2016 vor. Haerles Argument, dass die Öffentlichkeit den Meinungsbildungsprozess der Politik beeinträchtigen könnte, zeugt daher von einem eigenartigen Staatsverständnis (Stichwort: Gewaltenteilung) – und von einem Misstrauen gegenüber der Öffentlichkeit, letztlich gegenüber der Demokratie.

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