Geheimsache Zürcher Intendanten-Lohn

Die Bezüge der Chefs der grossen Zürcher Kulturinstitutionen werden geheim gehalten. Warum?

Die Auslastung steigt neuerdings wieder, Besuchereinbrüche gab es auch bei den Vorgängern: Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey. Foto: T+T Fotografie

Die Auslastung steigt neuerdings wieder, Besuchereinbrüche gab es auch bei den Vorgängern: Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey. Foto: T+T Fotografie

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«Das Schauspielhaus ist eine privatrechtlich organisierte Aktiengesellschaft. Ihre Beschlüsse sind nicht öffentlich. Wohl ist die Stadt im Verwaltungsrat. Dieser jedoch will die Saläre vertraulich behandeln.» So beantwortete der Stadtrat die Frage nach dem Salär des Schauspielhausdirektors – im Jahr 2002. Es ging um Christoph Marthaler. Man verwies auf die Direktionen Benning, Kuck und Palm, wo es nicht anders gewesen sei. Auch die Gemeinderäte, die sich 2005 nach dem Lohn des neuen Direktors Matthias Hartmann erkundigten, erfuhren nichts. Die AG sei nicht börsen­kotiert, folge anderen Regeln.

Daher sind auch die Bezüge von Barbara Frey nicht bekannt. Oder die von Opernhausdirektor Andreas Homoki, Kunsthausdirektor Christoph Becker, Tonhalle-Dirigent Lionel Bringuier, Tonhalle-Chefin Ilona Schmiel oder Peter Kastenmüller, Leiter des Neumarkt-Theaters. Überhaupt handelt es sich bei den Vergütungen von Chefposten im hiesigen Kulturbetrieb um eine immer gleiche Geschichte der Geheimhaltung – und Empörung. So musste sich Homoki 2014 hartes Nachhaken gefallen lassen. Im Fokus standen extra bezahlte Regiearbeiten; die «Weltwoche» schätzte ­Homokis Gesamteinkommen auf rund 600'000 Franken. Die Zusatzgagen ­kamen nun auch bei Frey aufs Tapet.

Abhängig von Subventionen

Die Regelung ist «branchenüblich»: Die erste Regie im eigenen Haus ist gratis, alle weiteren werden honoriert. Bereits bei Marthaler galt dies; er wie auch Frey, Homoki und Kastenmüller erhalten beim Regiehonorar aber nicht den Höchstsatz ihres Hauses. Das Neumarkt mit seinem geringeren Grundsalär vergütet freilich jede Regie. Aber anders als das Schauspielhaus legt der Neumarkt-Vertrag zwei Chefregien pro Saison fest.

Auswärtsregien sind bei Kastenmüller, anders als bei den Vorgängern Barbara Weber und Rafael Sanchez, kein Thema. Marthaler durfte pro Saison je eine Auswärtsregie übernehmen – was bis heute Usus ist. Dafür wurde das Grundgehalt tiefer angesetzt, liess der Stadtrat seinerzeit verlauten. Auch Freys Lohn wäre höher, wenn sie kein Anrecht auf zusätzliche Regiegagen hätte. Generell ist der Intendantenlohn eher gesunken und an mehr Leistungen geknüpft. Bekannt ist etwa, dass Homoki keine Prozente vom Sponsoring erhält – anders als Vorgänger Pereira.

Alles in allem: Die Vergütung einer kulturellen Kaderposition in Zürich fällt sicher nicht zu knapp aus. Schon um die Gerüchteküche nicht ständig anzu­heizen, würden es darum nicht nur systemexterne Kritiker begrüssen, wenn endlich Transparenz Einzug hielte. Schliesslich sind die Häuser stark von Subven­tionen abhängig: Belaufen sie sich beim Kunsthaus auf relativ geringe 40 bis 45 Prozent des Budgets, so machen sie beim Opernhaus 64 Prozent der Finanzierung aus; die Tonhalle stützt sich zu 60 Prozent auf Subventionen und das Schauspielhaus sogar bis zu 80 Prozent.

Schwindende Besucherzahlen

Was wird mit diesem Einsatz der öffentlichen Hand erreicht, wenn man es anhand nackter Zahlen betrachtet? – Immer weniger, erzählt uns das schwindende Besuchervolumen. Achim Benning etwa, Schauspielhausintendant von 1989 bis 1992, erreichte einmal den Spitzenwert von 193'000 Besuchern – den sein Nachfolger Gerd Leo Kuck (1992 bis 1999) mit knapp 200'000 noch übertraf; dies bei weniger Vorstellungen als heute. Doch selbst bei Kuck brachen die Zahlen zwischendurch ein – auf hohem Niveau: 168'000. Heute ist ein Besucherschnitt wie seiner, 176'000, am Schauspielhaus unvorstellbar. Wieso?

Erstens haben Theater-Aficionados in Zürich mehr Auswahl als früher; breiter ausgerichtete Kulturfreunde ohnehin. Zweitens steht der Theaterbesuch nicht einmal mehr im Pflichtenheft des Bildungsbürgers. Da helfen die neue, attraktive Preispolitik für Legi-Inhaber ab nächster Saison und das gut besuchte, heranwachsende Zuschauer bindende Junge Schauspielhaus nur begrenzt.

Das Marthaler-Theater (2000 bis 2004) besuchten im Schnitt 127'000 Zuschauer jährlich, was nicht nur an den teils verkürzten Spielzeiten lag: Die Pfauen-Auslastung blieb meist unter jenen viel diskutierten 55 Prozent von 2014/15. Der damalige VR-Präsident Eric Dreifuss konzedierte, man müsse einfach akzeptieren, dass die Diskrepanz zwischen Kritik und Resonanz im Pu­blikum zum zeitgenössischen Theater gehöre. Hartmann hob dann den Be­sucherschnitt auf 151'000, aber auch seine Pfauen-Auslastung stürzte 2007/08 auf 55 Prozent ab. Wenn Intendan­tin Frey durchschnittlich 150'000 Zuschauer ins Theater holt und die Pfauen-Auslastung zwischen 55 und 67 Prozent pendelt – die Kurve steigt heuer wieder an –, liegt dies also im Rahmen des Erwart­baren.

Erstellt: 16.06.2016, 20:03 Uhr

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