Der Mann, der seine Wut tanzen liess

Der kaum zu bändigende Choreograf Johann Kresnik hielt der Gesellschaft einen Spiegel vor – und der zeigte eine Fratze. Ein Nachruf.

Kresnik trieb sein Ensemble in einen Tanzfuror, der ans Manische rührte – bis an die Grenze des Erträglichen und bisweilen auch darüber hinaus.

Kresnik trieb sein Ensemble in einen Tanzfuror, der ans Manische rührte – bis an die Grenze des Erträglichen und bisweilen auch darüber hinaus. Bild: Keystone

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Ein weisser Bühnenraum, davor schwappt ein See aus Blut und Eingeweiden. Auf der Szene steht eine Badewanne. Ein Mann gleitet hinein, ein anderer legt ihm ein weisses Handtuch unter den Kopf. Von oben, von rechts und links schieben sich schwarze Sichtblenden ins Bild. Bis das Arrangement exakt der Aufnahme entspricht, die den toten Uwe Barschel im Hotel Beau Rivage zeigt. Im Oktober 1987 wird Schleswig-Holsteins skandalumwitterter Ministerpräsident leblos in diesem Genfer Luxushotel aufgefunden.

Kein Vierteljahr später nimmt der Choreograf Johann Kresnik das Foto, das ein «Stern»-Reporter geschossen hat, als Vorlage für seine «Macbeth»-Inszenierung am Theater Heidelberg. Binnen anderthalb Stunden liefern Kresnik und der Bühnenbildner Gottfried Helnwein eine schonungslose Abrechnung mit den Machenschaften des Politmilieus, mit Potentaten und Paranoikern, deren Machtgelüste in Mordkomplotte münden.

Wiederum dreissig Jahre später, im Juli 2019, eröffnet Kresniks «Macbeth» das Wiener Festival «ImPulsTanz». Auch in der rekonstruierten Fassung hat das Stück so wenig von seiner Wucht verloren wie der Choreograf von seiner Wut auf die Welt. Am Ende der Vorstellung nimmt er das Goldene Verdienstkreuz des Landes mit einem Lächeln entgegen. Gut zwei Wochen danach ist er tot. Am Samstag ist Johann Kresnik im Alter von 79 Jahren verstorben, plötzlich und unerwartet. Für Überraschungen war er immer gut.

Er brachte Mord und Folter auf die Bühne

Das gilt seit Beginn seiner Laufbahn. 1939 im österreichischen St. Margareten als Sohn eines Bergbauern geboren, startete Johann Kresnik als Spätberufener in den Tanz. Klassisch und zeitgenössisch von namhaften Lehrern ausgebildet, gab er 1959 in Graz sein Debüt in der Titelrolle von Gian Carlo Menottis «Sebastian». Es folgten Engagements in Bremen und Köln. Dort legte er 1967 auch seine erste Choreografie vor: «O Sola Pei», eine Tanzcollage aus Gedichten psychisch Erkrankter.

Seelische Abgründe, soziale Zurichtung und die Rebellion Einzelner gegen gesellschaftliche Korruption und Konvention wurden zu Leitmotiven seines Schaffens – wiewohl er selbst noch in klassischen Prinzenrollen auf der Bühne stand. Mit «Paradies?», einer in plakative Agitprop-Ästhetik verpackten Hymne auf die Studentenproteste nebst Anklage des Dutschke-Attentäters, bescherte Kresnik der Domstadt am Rhein 1968 einen Eklat. Es ging ihm nicht darum, Kunst um der Kunst willen zu zelebrieren. Vielmehr schmiedete er mit der Besessenheit eines Pioniers an theatralen Kampfinstrumenten zum Sturz des Establishments. Kresniks radikaler Ansatz wurde schnell zum Alleinstellungsmerkmal einer choreografischen Idee, deren Urheber als «Wüterich» und «Berserker» der Szene bundesweit von sich reden machte.

Johann Kresnik trieb Ensemble und Publikum an die Grenzen des Erträglichen. Hier eine Szene aus der Tanzperformance «Francis Bacon», von Kresnik und Ismael Ivo. Keystone

1968 holte der couragierte Bremer Intendant Kurt Hübner den Revoluzzer als Ballettdirektor an sein Haus. Fortan arbeitete sich der Leitungsneuling im Fortissimo an Rassismus, US-Imperialismus und Vietnamkrieg ab. «Kriegsanleitung für jedermann», «PIGasUS» und «Schwanensee AG» brachten Mord, Folter und Vergewaltigung auf die Bühne und verabschiedeten sich von den letzten Resten ballettöser Edel-Optik. Kresnik trieb sein Ensemble in einen Tanzfuror, der ans Manische rührte und mit Ekstase, Exaltation und Exzess operierte – bis an die Grenze des Erträglichen und bisweilen auch darüber hinaus. Dann schien die Theaterhaftigkeit in verstörende Realität zu kippen. Eine Irritation, die vor dem Probenprozess nicht haltmachte.

Sein Trauma machte er zu Kunst

Johann Kresnik türmte Wahn, Wut und Wirklichkeit zu monströsen Gebilden. Albträume in Serie inszenierte er ab 1980 auch als Tanzdirektor in Heidelberg. Dabei wandte er sich zusehends psychologischen und biografischen Stoffen zu, deutete etwa einen therapeutischen «Familiendialog» und porträtierte exponierte Frauenfiguren von Sylvia Plath über Frida Kahlo und Ulrike Meinhof bis hin zu Hannelore Kohl. Der um sie herum fest verschnürte Psychopanzer, von dem sich keine dieser Anti-Heldinnen befreien kann, schnürt schliesslich das Leben ab. Er ist die Folge einer Deformation, die in der Kindheit ihre Wurzeln hat.

Genau dort nahm auch Johann Kresniks obsessive Beschäftigung mit Tod, Terror und Gewalt ihren Ausgang. Als Dreijähriger sah er mit an, wie sein Vater, ein Wehrmachtssoldat, von slowenischen Partisanen erschossen wurde. Das Trauma muss ihn ein Leben lang begleitet haben. Er hat Kunst daraus gemacht, menschliche Kunst im Angesicht einer oft unmenschlichen Welt. In den letzten Jahren wurde es stiller um ihn, doch da waren immer noch: sein Zorn und sein widerständiger Geist. Sie werden in Erinnerung bleiben, wie manches seiner Tanzstücke.

Erstellt: 28.07.2019, 18:59 Uhr

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