Der Professor, sein Hybridhund und der Wodka

Alvis Hermanis hat im Pfauen «Hundeherz» nach Michail Bulgakows Roman aufgeführt. Wieso?

Claudius Körber, Fritz Fenne, Vera Flück und Robert Hunger-Bühler (v. l.) in «Hundeherz». Foto: Tanja Dorendorf (T + T Fotografie)

Claudius Körber, Fritz Fenne, Vera Flück und Robert Hunger-Bühler (v. l.) in «Hundeherz». Foto: Tanja Dorendorf (T + T Fotografie)

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Radau? Es gab nicht mal ein Radäuchen! Und bei uns auch kaum ein Räuschchen. An der Premiere von Alvis Hermanis' Bulgakow-Inszenierung «Hundeherz» am Pfauen ging es ziemlich gesittet zu, um nicht zu sagen: zahm und lahm. Im Vorfeld hatte sie noch zu wüsten Sprayereien bei Schiffbau und Pfauen geführt: «Liebe Mitarbeitende des Schauspielhauses, Alvis Hermanis ist ein Schandfleck in eurem Lebenslauf!», stand da etwa zu lesen – in Anspielung auf Hermanis’ zwei Jahre alte Kritik an der Willkommenskultur in Deutschland. Am Donnerstag jedoch kam es zu keinen Protesten, nur zu artigem Applaus.

Den hatte einer ganz besonders verdient: Fritz Fennes frankensteinscher Hundemensch Lumpikow. Und natürlich sein schnuckliges Alter Ego: das echte, Bologneser-quirlige Schosshündchen Lumpi, eine knopfäugige Zuschauerherzschmelzmaschine. Fennes Hundehybrid dagegen kommt nicht knopf-, sondern schlitzäugig daher. Sein Maul ist zu mephistophelischem Dauerhecheln verzogen, seine Zunge hat ein Eigenleben – das eines Giermonsters. Dieser Zunge gehört sozusagen die Bühne, zweieinhalb Stunden lang.

Doch wie bravourös illusionistisch Fenne das auch hingeifert, wie grandios gruselig er sich ins Leben humpelt und windet: Werwolfverwandlungen kann der Film einfach besser; Realismus auch. Und selbst wenn nicht: Darum kann es nicht gehen, wenn man Michail Bulgakows Kommunismussatire «Das hündische Herz» von 1925 – die in Russland erst 1987 erscheinen durfte – jetzt in Zürich zeigt. Auch Hermanis’ wunderbares, Authentizitäts-verliebtes Bühnenbilderballett zum Soundtrack von Verdis «Aida» ist handwerklich ein Clou, aber kein abendfüllendes Programm. Es bestätigt, dass sich der Regisseur im Opernfach wohler fühlt als im «konzeptuellen Theater Westeuropas», über das er sich gern kritisch äussert.

Zimmerwandballett

Da schieben sich also die Jahrhundertwende-Zimmerwände hin und her, vor und zurück: hier ein gut ausgestatteter Untersuchungsraum, da ein Kabinett mit einer Sammlung von Büchern und Embryos in Reagenzgläsern; hier ein Kaminzimmer mit blauem Sofa; da schliesslich das von den Kommunisten inkriminierte Esszimmer, in dem die dienstfertige Darja – überzeugend gequält: Vera Flück – richtige Mahlzeiten serviert, sodass es im Parkett nach dem Diner des Starforschers Filippowitsch riecht. Irgendwie wurde Theater mit Effekthascherei verwechselt: Glanz ohne Grund.

Fenne freilich hundelt einen schaurigen Schauspielknüller hin, wo der alte Bildungssnob Filippowitsch einen Forschungsknüller hinlegt. Der gut situierte Grantler – eine Steilvorlage für Robert Hunger-Bühler in Pelz oder Gott-in-Weiss-Outfit – verhilft zahlungskräftigen Patienten, unter ihnen auch Stalin, mit fragwürdigen Operationen zu künstlicher Jugend. Als Krönung wollte er aus einem Hund und der Hypophyse eines toten Menschen ein neues, besseres Geschöpf schaffen. Und scheiterte kläglich.

«Erklären Sie mir bitte, was daran gut ist, künstlich Spinozas herzustellen, wo jedes x-beliebige Weib in der Lage ist, einen solchen zur Welt zu bringen», jammert er seinem Assistenten vor, als sich der Homunkulus als Unmensch entpuppt, als Wesen ohne Triebkontrolle, schwach, schlau, wodkakrank. Oder, im Kontext des Romans, als vom System verformter «Sowjetmensch».

Diesen kennt der Professor schon in seiner verängstigten und verblendeten Form: Die Hausverantwortlichen (Klaus Brömmelmeier und Sophie Bock) wollen seinen grosszügigen Wohnraum umverteilen. Aber Stalin-Protégé Filippowitsch kriegt sie rasch klein. Und fürs Lumpikow-Problem steht Claudius Körbers Assistent mit der hohen Tolle und der tiefen Nibelungentreue bei Fuss.

Eine Story wie gemacht für eine Ära, in der Schweineherzklappen in Menschen eingesetzt und Affen geklont werden. Auch über Wohnungsnot, Selbstoptimierungswahn, Utopieuntergänge oder Theateraufgänge könnte man nachdenken. Seltsamerweise scheint in dieser Inszenierung gar nicht viel gedacht worden zu sein. Grossartig, wie Hunger-Bühler im Finale im Grossvatersessel verdämmert, das Ohr am golden glänzenden Grammofon: Was für ein Emblem dieses altbackenen, sinnlosen Abends!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2018, 12:51 Uhr

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