Der Visionär

Der Intendant Giovanni Netzer eröffnet auf dem Julierpass einen Theaterturm.

Giovanni Netzer, Intendant des Origen-Kulturfestivals, posiert vor der Baustelle des Julier-Turmes. Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller

Giovanni Netzer, Intendant des Origen-Kulturfestivals, posiert vor der Baustelle des Julier-Turmes. Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller

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Heute Nachmittag, wenn Bundesrat Alain Berset auf dem Julierpass seine Festrede hält, wenn der ukrainische Startänzer Sergei Polunin tanzt und die Zuschauer klatschen, wird er durchatmen. Kurz. Und dann weiterrennen. Giovanni Netzer, Gründer und Leiter des Bündner Theaters Origen, ist ein Getriebener. Gegründet 2005, zählt Origen heute zu den grössten Kulturinstitutionen Graubündens. Mit Sicherheit ist es die spektakulärste.

Der 49-Jährige interpretiert archaische Theaterformen neu, er bebaut extreme Landschaften – 2013 etwa den Marmorera-Staudamm ob Savognin. Da stand für einen Sommer die Arche Noah, radikal neu, futuristisch. 2014 folgte Netzers erstes Winterprojekt: Am gefrorenen Silvaplanersee führte er in einem goldenen Palast eine uralte Legende auf – dort, wo wegen des Landschaftsschutzes eigentlich keiner bauen darf.

Und jetzt also – erneut – auf dem Julierpass. Es ist diesmal ein Theaterturm, knapp 30 Meter hoch, aus Holz, knallrot bemalt, darin eine Bühne, aufgehängt an Seilen. So ist es immer mit Netzer, der Theologie und Kunstgeschichte studierte und dann in Theaterwissenschaft promovierte: Seine Projekte sind oft verrückt, ein bisschen grössenwahnsinnig auch, beim näheren Hinschauen aber bis ins letzte Detail durchdacht. Klug und kreativ. Einzigartig. Das sehen auch Jurys diverser Kulturpreise so: Netzer hat etwa den Hans-Reinhart-Ring gewonnen, die wichtigste Auszeichnung im Schweizer Theaterleben.

Anlehnung an Turmbau zu Babel

Der Turm soll mit vier jahreszeitlich geprägten Festivals bespielt werden – drei Jahre lang. Im Herbst 2020 wird er abgebaut. «Der Turm erhebt keinen Anspruch auf die Ewigkeit», sagt Netzer. «Wie alles Menschengemachte wird er verschwinden.» Es gehe ihm nicht darum, etwas Monumentales in die Landschaft zu bauen, sondern an diesem Ort «die grossen Mythen der Menschheit spürbar werden zu lassen». Der Intendant spricht vom Mythos um den gescheiterten Turmbau zu Babel, an den sich sein Projekt anlehnt.

Man kann das als Zuschauer verstehen, muss aber nicht. Netzer hält viel von einer guten Durchmischung seines Publikums. Leute, die wenig von Theater verstünden, seien zuweilen offener für schwer zugängliche Stücke als solche aus dem «Bildungsbürgertum», sagte er einst. Ein Drittel seiner Zuschauer sind Bündner, insgesamt 20 000 Besucher zählt Origen pro Jahr. Damit ist es das weitaus grösste Festival in Graubünden.

Wenn Netzer nicht grad irgendwo temporär baut, bespielt er im 173-Seelen-Dorf Riom eine Burg aus dem 13. Jahrhundert. Auch im Winter nutzbar ist ein alter Stall, den er zur Bühne umgebaut hat. Trotz des Erfolgs wirft Origen wenig Geld ab. Das Festival überlebt dank Fördergeldern. Erst seit 2015 zahlt sich Netzer einen Lohn, mittlerweile hat er acht Mitarbeiter angestellt. Sie alle leben in Riom. Netzer selbst wohnt, wo er einst aufwuchs: im Haus seiner Eltern im vier Kilometer entfernten Savognin. Ab und zu muss er sich zurückziehen. Auch er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2017, 20:22 Uhr

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