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Die Angst des Kulturwarts beim Theater

Die Zürcher Stadtpräsidentin und ihr Kulturchef haben ein Papier zur Tanz- und Theatersituation abgeliefert. Der Erkenntnisgewinn ist begrenzt.

Welches Theater braucht Zürich? Die Studie der Stadtpräsidentin bleibt die Antwort schuldig. Foto: Getty Images
Welches Theater braucht Zürich? Die Studie der Stadtpräsidentin bleibt die Antwort schuldig. Foto: Getty Images

Das Präsidialdepartement der Stadt Zürich hat richtig geklotzt, um die Tanz- und Theaterlandschaft endlich mal gut zu sortieren. Da wurde eine teure Beratungsfirma aus Österreich hinzugezogen, ein hiesiges «Sounding Board» als beratendes Gremium aufgestellt und zudem 70 Akteure aus der Zürcher Tanz- und Theaterwelt in diversen Workshops und Befragungen an der Studie beteiligt. Erst danach haben Stadtpräsidentin Corine Mauch und Kulturchef Peter Haerle die Endresultate der gross angelegten Recherche vorgestellt. Und doch wars wohl etwas verfrüht.

Oder sollte das extra so sein, so vage und un(an)greifbar? In den nächsten sechs Monaten erst soll die «Konkretisierung» des Modells erfolgen, das sich aus Sicht der Stadt als optimal entpuppt hat. Kritische Fragen prallten daher oft an der Wand des «Das müssen wir noch anschauen» ab. Was steckt hinter dem 80-seitigen Beschrieb von Zukunftsvarianten?

Was bleibt – ausser Spesen?

Vielleicht stellt man Ende Jahr sang- und klanglos fest, dass das angedachte System, in dem die freien Gruppen und ein Teil der Häuser mit Langzeitkonzepten eine Jury überzeugen müssen, zu viel Probleme macht. Es steht auch in den Sternen, ob der Gemeinderat bereit wäre, seine Entscheidungsgewalt über die substanzielle Summe, um die es hier geht, abzugeben. Das Ergebnis der Studie hiesse dann: Ausser Spesen nichts gewesen. Die Aktion verriete sich als Nebelpetarde fürs simple Weiter-so, eine Steilvorlage für Vorwürfe aller Art.

Womöglich ist hier aber auch ein Umsturz in der Mache – sanft aufgegleist und breit abgestützt. So fällt auf, dass kein Bekenntnis zum Theater Neumarkt zu hören war: Ob sich dieses denn auch mit einem Langzeitkonzept werde legitimieren müssen? «Muss man anschauen.» Eine «Hidden Agenda» habe man nicht, hiess es. Die Jury könnte also zum Instrument werden, mit dem man hochinvasive kulturpolitische Entscheide als sachlichen Akt von Experten verkauft, auf den der Gemeinderat keinen Einfluss hat: strategisch geschmeidig angesichts manchmal ressentimentgeladener Kulturdebatten im Rat.

Dass die Zusammensetzung der Jury da essenziell ist, bestätigt der Leiter Theaterförderung der Stadt, Daniel Imboden. Man erinnert sich hier ans sagenumwobene Positionspapier des ehemaligen Leiters Theaterförderung Plinio Bachmann, das in der Schublade verschwand. Nach der Aufregung um gesunkene Besucherzahlen am Neumarkt 2014 hielt er fest, es gebe zu viel und zu Ähnliches auf Zürcher Bühnen, und schlug, Stichwort Neumarkt, Fusionierung vor. Immerhin: Die These vom Theater-Overkill entkräftet die neue Studie klar. Aber ein Unbehagen bleibt. In den letzten Jahren standen zeitweise Neumarkt wie Winkelwiese auf der Kippe, die Politik debattierte heftig. Mit dem Juryprinzip wären solche Gewitter passé, Förderung wäre vorderhand kein Politikum, Politvehikel mehr.

Und plötzlich siehts so aus, als stünde hinter dem heissen Bemühen um die Evolution der Theater- und Tanzförderung vor allem eins: die Angst vor Ärger – Kritik von den Kulturschaffenden, daher deren Maximalbeteiligung an der Studie; und von politischer Seite. Schlich sich da heimlich ein böser Konsens ein? Theater ist erlaubt, das nicht stört; das sich am abgesegneten Langzeitkonzept entlanghangelt oder zumindest an der verschärften Leistungsvereinbarung. Sicherheitshalber nimmt man die Künstler nämlich prospektiv an die Kandare statt rückwirkend. Sämtliche Subventionsempfänger müssen neu enger definierte «Leistungsvereinbarungen» unterzeichnen, deren Erfüllung kontrolliert wird. Partizipation, Nachwuchs- und Lokalkünstlereinsatz, alles wird festgeschrieben.

Umgekehrt hatten jene zwei Modelle, die den Kulturschaffenden mehr Freiheit gegeben hätten, bei der Stadt keine Chance. Weder jenes, bei dem die Gruppen unabhängig von den Häusern hätten wirtschaften können; noch jenes, das den Häusern relativ freie Hand gegeben, die Theaterkommission abgeschafft hätte. Hmm. Da war das allseitige Misstrauen offenbar unüberwindbar. Aber noch so viel wohltemperierte Kontrolle kann grosse Kunst nicht herbeilenken: Diese ist jeweils ein personeller Glücksfall.

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