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Die Extremseiten der Existenz

Noch einmal lachen, ehe die Welt zerbricht. Bewegungskünstler Martin Zimmermann zeigt am Zürcher Theater Spektakel sein neues Stück.

In «Eins Zwei Drei» suchen drei Clowns ihren Platz. Foto: Nelly Rodriguez
In «Eins Zwei Drei» suchen drei Clowns ihren Platz. Foto: Nelly Rodriguez

Das erste Mal war er mit Hut da. Als Martin Zimmermann seinen allerersten Auftritt am Zürcher Theater Spektakel hatte, schien seine Welt noch recht klein zu sein, er war ein Schüler aus dem Tösstal, so um die 12 Jahre alt. Vielleicht träumte er zu jener Zeit schon vom Zirkus, ohne zu wissen, was die Zirkuskunst später für ihn bedeuten wird. Jedenfalls: Zimmermann jonglierte im Sommer 1992 auf der Landiwiese und zeigte, was er konnte, wie das die Schausteller, Gaukler und Artisten früher schon immer getan hatten. Gefiel dem Publikum der Auftritt, gab es was in den Hut. Von kooperativen Fördervereinbarungen und anderen Finanzierungsmitteln für die Kultur wusste Martin Zimmermann damals noch nichts. Co-Produzenten des ersten Auftritts waren quasi die Eltern.

Tour durch die ganze Welt

Das zweite Mal hatte er kein Geld. Am Theater Spektakel gastierte der Cirque O, der Wunderzirkus aus Frankreich, Martin Zimmermann war damals in der Dekorationsgestalterlehre, und dieses Schauspiel, das Theaterzirkus und Zirkustheater zugleich war, faszinierte ihn völlig. Jeden Abend schlich er sich unter den Plachen hindurch ins Zelt, bis ihn Ueli Hirzel, der Produzent, stellte: «Was willst du hier die ganze Zeit?» Als ihm Zimmermann von seinem Wunsch erzählte, selber zum Zirkus gehen zu wollen, stellte ihm Hirzel die Artisten vor. Sie kamen alle von derselben Zirkusschule, und so sprach Zimmermann beim Centre National des Arts du Cirque bei Paris vor. Bestand die Aufnahmeprüfung. Und spielte bald selber auf der Bühne.

Ein Bewegungskünstler ist Martin Zimmermann geworden, er ist einer der grössten aus der Schweiz. Mit «Hallo» tourt er durch die ganze Welt, und überall sind die Menschen hin und weg von seiner Kunst; das Publikum in Paris, Tokio, Hongkong und New York liegt ihm zu Füssen. Nun kehrt er mit seiner neuen Produktion «Eins Zwei Drei» ans Theater Spektakel zurück. Wiese war gestern, heute ist der Spielort die Werft.

«Eins Zwei Drei» ist die Summe aller Stücke von Martin Zimmermann – Regie, Choreografie, Kostüme: alles bei ihm. Drei Clownfiguren treffen sich in einem Raum, der so etwas wie ein Museum ist, alle versuchen, an diesem Ort ihren Platz zu finden. Die Versuchsanlage zeigt die Extremseiten der Existenz – es geht um das Überleben in einer Welt, die auseinanderbricht. Ein Bild auch für die Existenz als Künstler. «Kunst ist kein Hobby», sagt Martin Zimmermann, «Kunst ist extrem unbequem.» Die drei Spieler Tarek Halaby, Dimitri Jourde, Romeo Runa zeigen mit dem Jazzpianisten Colin Vallon, wie fragil diese Anlage ist.

Der Auftritt am Theater Spektakel bedeutet eine Heimkehr auf Zeit. Martin Zimmermann hat seinen Wohnsitz in Zürich, und hier befindet sich auch sein Produktionsbüro. «Es ist schon schön, nicht im Hotel übernachten zu müssen und dem Heimpublikum zu zeigen, was ich mache», sagt Zimmermann. Aber mit Hutkollekte geht in diesem Fall nichts. Und in die Werft kommt man ohne Ticket auch nicht einfach so hinein.

Ein bisschen Sicherheit

Eine Produktion wie «Eins Zwei Drei» ist ein Unternehmen für sich. Martin Zimmermann wird zwar gefördert durch die kooperative Fördervereinbarung von Stadt, Kanton und Pro Helvetia – es ist sicher das erfolgreichste Modell der Unterstützung in Sachen Zürcher Tanztheater: Die Laufzeit von jeweils drei Jahren verspricht ein bisschen Sicherheit für die Zukunftsplanung. Das Geld reicht aber nur knapp für die Vorbereitung eines Stücks und für das Büro. Den Rest der Aufwendungen müssen die Co-Produzenten erbringen, unter anderen das Theater Vidy in Lausanne.

Dort haben die Endproben stattgefunden, im Mai war dann Premiere. Die ersten Aufführungen waren so etwas wie der Lackmustest für die Feinjustierung des Stücks. «Die Zuschauer wissen, dass sie nicht alles verstehen müssen, sie dürfen sich auch gehen lassen», sagt Zimmermann. «Man muss ihnen nicht immer erklären, was man macht.»

An anderen Orten ist dies anders. Und das gilt auch für die Förderung. Es ist das Pippilotti-Rist-Problem. Die Künstlerin hat gesagt, in der Schweiz sei ihr Bild nur schwer zu lesen, viele wissen nicht, was sie im Ausland tut. Auch Zimmermann tourt durch die Welt, die Förderung aber setzt auf das Lokale. Da kann es schon mal ein Problem sein, wenn statt der vorgeschriebenen sieben Auftritten in Zürich nur sechs stattfinden.

Aber es kommen immer mehr dazu. Der laufende Terminplan für «Eins Zwei Drei» verzeichnet mehr als 80 Auftritte. Und: Das erste Mal wird Martin Zimmermann mit «Hallo» auch in Winterthur auftreten. Davon hatte der wissbegierige Schüler aus dem Tösstal dannzumal sicher nicht geträumt.

«Eins Zwei Drei», Zürcher Theater Spektakel, bis 27.8., «Hallo», Theater Winterthur, 22. bis 23. 1. 2019

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