Die gefeierte Theater-Fachkraft für Verzweiflung

Regisseurin Katie Mitchell stösst mit ihrer Arbeit in ihrer englischen Heimat auf Skepsis. Ganz anders ist ihre Rezeption in Deutschland. Jetzt kommt sie für ein Gastspiel nach Zürich.

«Mit 15 wollte ich Kunstmalerin werden – jetzt male ich mit Menschen», sagt Katie Mitchell. Foto: Anna Huix (Contour by Getty Images)

«Mit 15 wollte ich Kunstmalerin werden – jetzt male ich mit Menschen», sagt Katie Mitchell. Foto: Anna Huix (Contour by Getty Images)

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«Ich schäme mich, britisch zu sein», sagt Katie Mitchell ohne eine Sekunde zu zögern, wenn man sie nach der Flüchtlingspolitik des Inselreiches fragt. «Es ist schrecklich. Ein Tropfen auf den heissen Stein. Die spontane deutsche Reaktion hat mich so berührt.» Während es in England sofort darum gegangen sei, wie man die Flüchtlinge am effektivsten aussperre, seien deutsche Familien zusammengerückt, hätten ihre Kinderzimmer freigeräumt und über Integrations­möglichkeiten nachgedacht.

Katie Mitchell war damals, nach Angela Merkels Bekenntnis zu einer Politik der offenen Arme im Spätsommer, gerade in Hamburg. Sie sah, wie Massen von Flüchtlingen am Hauptbahnhof ­ankamen und die Willkommenskultur aufblühte. Es sei für sie eine aufwühlende Verschränkung gewesen: Hier ­Geschichte, die vor den eigenen Augen passiert, und da die Historie, mit der Mitchell sich bei der Arbeit beschäftigte. Die Regisseurin probte da nämlich am Deutschen Schauspielhaus ihre Um­setzung von Herta Müllers Transittext ­«Reisende auf einem Bein», in dem die Heldin just dem diktatorischen Rumänien Ceausescus entronnen ist und heimatlos, ungeborgen im Berlin der Achtzigerjahre lebt. «Und während wir das probten, nahm das Schauspielhaus um die sechzig Flüchtlinge auf.»

Seherin an der Live-Cam

«Reisende auf einem Bein» ist schon die dritte Arbeit Mitchells am Hamburger Haus. Losgelegt hatte sie 2013 mit ­Martin Crimps «Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino», das dann in der Kritiker­umfrage von «Theater heute» zum ­«besten fremdsprachigen Stück» der ­Saison gekürt wurde – und das jetzt am Civil-Twilight-Festival des Zürcher Schauspielhauses gastiert.

Es ist eine radikale Neuschreibung von Euripides’ «Die Phönizierinnen», ­eines Dramas, für dessen Inszenierung ­Katie Mitchell 1996 ausgezeichnet wurde. Und es ist eine radikale Neu­erfindung des Mitchell-Theaters in Deutschland. Auf der Insel rümpft man die Nase über die «Avantgarde-» und «Auteur»-Regisseurin mit dem Flair für Film, auch wenn man sie mit einem Order of the British Empire geadelt hat. Auf dem Festland aber wird sie gefeiert als Live-Cam-Crack, als eine aus dem Geist von Multimedia geborene Theaterseherin. Mit «Alles Weitere ­kennen Sie aus dem Kino» jedoch – vom britischen Dramatiker Crimp, mit dem Mitchell eine lange Zusammenarbeit verbindet, schön ironisch betitelt – wagte sich die Seherin erstmals in Deutschland an einen un­filmischen, textzentrierten Abend.

Der brutale Mensch

Keine Kamera also, kein Videogewerke, nur ein paar Fragmente aus Pier Paolo Pasolinis «Oedipus Rex». Und viel von dem, was man inzwischen als Mitchells Markenzeichen kennt: «Ich bin auf Verzweiflung spezialisiert», sagt sie und lacht dabei ganz und gar nicht verzweifelt. Überhaupt lacht sie gern bei unserem Gespräch, die erklärte Komödienhasserin; man sieht sie richtig vor sich, diese freundliche Erforscherin des Rohen, wie sie beim Inszenieren lebhaft gestikuliert und offen diskutiert. Ihr geht es um die Abgründe und Dunkelheiten des Menschen – wovon sie auf der Bühne vorzugsweise aus einer weiblichen Perspektive erzählt.

In «Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino» analysiert denn auch ein ganzer Chor unbehauster Phönizierinnen den (un-)menschlichen Willen zur Macht und die Bereitschaft zur Gewalt; er spiegelt die Brutalität kranker Familien­gefüge wider, die zur Brutstätte für Egomanie und Narzissmus werden. «Wo ist der Sinn / den man zu finden hoffte, tief in der / menschlichen Zelle?», fragen die Mädchen. «Und wo ist die Welt? / Haben Sie die Welt markiert und gelöscht? / Warum?» Die jungen Frauen wuseln vorbei an giftgelb leuchtenden Funzeln. Kletterpflanzen wuchern über das Treppengeländer, die Zeichen stehen auf ­Untergang: Crimps Hammerschläge erzählen eine Apokalypse mit Sci-Fi-Obertönen und Antiken-Sound. Da kann auch Oedipus’ Frau und Mutter Iokaste, die Vernunft predigt und auf Versöhnung hofft, nichts retten: Ihre Söhne Eteokles und Polyneikes werden sich im Kampf um den Thron abschlachten.

«Ich liebe Julia Wieninger», schwärmt die Regisseurin von ihrer Hauptdarstellerin, die in ihren Ham­burger Produktionen stets auftritt. Wieninger habe den Sinn fürs «Malen mit Menschen», das sie anstrebe. «Mit 15 wollte ich Kunstmalerin werden, musste aber feststellen, dass es dafür nicht reicht. Jetzt male ich mit Menschen.» Mitchell studierte in Oxford Literatur, entdeckte dabei Konstantin Stanislawski und Pina Bausch – deren DVDs sie sich regelmässig reinzieht –, und sie wusste: «Stücke inte­ressieren mich gar nicht so sehr. Sondern die Bilder, die Ideen, die Körperlichkeit – und wie sich die Realität hinter der Story in Bewegung übersetzen lässt statt in konventionelle Theatergesten.» Die Chor-Aktricen etwa müssten die ­Verlorenheit der Phönizierinnen spüren und zeigen. Hübsche Choreografien ­gehören hier nicht hin, exakte schon.

Früher ging Mitchell deshalb auch schon mal auf Recherchereise in die Ukraine: Dort sprach sie für ihre Version des jiddischen Stücks «Der Dibbuk» (1992) mit jüdischen Holocaust-Über­lebenden über das Leben im Schtetl. Heute liegt so etwas bei der viel beschäftigten 51-Jährigen – die bis Ende 2018 ausgebucht ist und prinzipiell nur noch mit dem Zug reist – nicht mehr drin. Sie sei keine Theateranthropologin mehr.

Glücklich im Kindertheater

Doch das grundsätzlich Grossartige am Theater ging ihr im Betrieb nicht ver­loren: das Wunder des unvermittelten Zusammentreffens von Menschen in ­einem Raum, die gemeinsam eine Er­fahrung machen und einander Geschichten erzählen – und dadurch, vielleicht, «ein wenig sensibler, rücksichtsvoller, mitfühlender» wieder nach Hause gehen. Schon allein, dass fremde Menschen im Theater den Geschichten anderer Menschen mit Respekt be­gegnen, hält Katie Mitchell für wichtig für die Gesundheit unserer Gesellschaft. Diesen seltenen Raum gelte es zu schützen. Besonders in Zeiten, wo der ­Be-­ ­griff der «bürgerlichen Dämmerung», des ­«civil twilight», eben nicht nur ein meteorologischer sei, der die schwindende Helligkeit draussen beschreibt. Die Helligkeit drinnen, in der Gesellschaft, müsse man als Theatermacher, so gut es geht, erhalten.

Die Frau mit den feinen Haaren, den zarten Gesichtszügen und den un­beugsamen Ansichten ist einen weiten Weg gegangen von der Unterneh­mertochter, die in einem südenglischen Idyll aufgewachsen ist, bis zur Theaterrebellin, die in der britischen Szene noch heute mit ihrem intellektuellen ­Regietheater irritiert. Doch, doch, ans Auswandern hat sie immer mal wieder gedacht. Auf dem Kontinent schätzt man  ihre Arbeit sehr, und sie fürchtet die EU-Abstimmung.

«Aber meine zehnjährige Tochter Edie fühlt sich rundum wohl in London.» Edie hat eine Nanny – eine deutsche, die ihr schon eine Menge Deutsch beigebracht hat. Ihren Vater, den Musiker Jonathan Stone, sieht die Kleine oft; und ihre Mutter hat für sie zurückgesteckt, erlaubt sich maximal 13 Wochen Absenz im Jahr. Katie Mitchell hat, als ihre Tochter kleiner war, ihre Energie sogar in Kindertheater-Inszenierungen gesteckt. «Es machte mich glücklich, wie glücklich es sie machte», kommentiert die Queen der Verzweiflungs­dramatik diese Arbeiten – und lacht.

Erstellt: 17.11.2015, 17:54 Uhr

Civil Twilight

Gastspiele am Schauspielhaus

Die internationale Gastspielreihe Civil Twilight am Zürcher Schauspielhaus er­öffnet heute und dauert bis am 17. Dezember. Sie zeigt Inszenierungen aus China, Deutschland, Grossbritannien, der Schweiz und Israel. Heute und morgen ist im Pfauen das Stück «Bernstein» der Beijing Young Dramatists Association zu sehen. Katie Mitchells «Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino» wird am 25. und 26. November in der Schiffbauhalle gezeigt. (TA)

www.schauspielhaus.ch

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