Die grössten Theaterleute des 21. Jahrhunderts

Das deutschsprachige Theater hat in den letzten 20 Jahren etwas Entscheidendes wiederentdeckt: seinen heiligen Ernst. Das sind die 20 prägendsten Figuren.

«Hotel Angst»: So gings im Herbst 2000 los im Schiffbau – der neu eröffneten Filiale des Zürcher Schauspielhauses von Intendant Christoph Marthaler. Foto: Keystone

«Hotel Angst»: So gings im Herbst 2000 los im Schiffbau – der neu eröffneten Filiale des Zürcher Schauspielhauses von Intendant Christoph Marthaler. Foto: Keystone

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Auf ulkgenudeltes Trashtheater haben nach der Jahrtausendwende nur noch wenige Lust. Man will Relevanz generieren am deutschsprachigen Theater, Dringlichkeit: zum Beispiel mit Dokuformaten, die supernah auf die Krisen der Welt draufhalten. Oder mit Experten auf der Bühne, die sich mit einer bestimmten Wirklichkeitserfahrung besonders gut auskennen – vom Flüchtling bis zum Firmenchef. Oder mit diskursiven Wortmaterialschlachten aus dem Feuilleton. Mancher wiederum, der auf den Brettern die alten Geschichten erzählt, wagt sich an eine neue, andere Wahrheit in der Figurenzeichnung. Und das Regietheater emanzipiert sich von jedem selbstgefälligen, sinnbefreiten Protestlertum. So oder so gilt: Ran an die Gegenwart! Hier listen wir (auch hierzulande) prägende Theatergestalten des gestarteten Jahrhunderts nach Geburtsjahrgang.

20. Peter Zadek (1926–2009)
2018 entschied sich Bochum, wo er in den 1970ern prägend wirkte, für eine Peter-Zadek-Strasse. In Hamburg liess ers in den 1980ern krachen mit spektakulär widerständigen Inszenierungen von Shakespeare, Ibsen, Tschechow, in denen Schauspieler wie Ulrich Wildgruber leuchteten. Der Mann schrieb Theatergeschichte und arbeitete beherzt bis ins Todesjahr, in dem er in Zürich Shaws «Major Barbara» einrichtete.

Zadek-Feeling am Schauspielhaus Zürich mit «Major Barbara». Foto: Leonard Zubler

19. Peter Stein (*1937)
Er ist ein Solitär, will vom aktuellen Theater nichts wissen. Er hatte von innovativen Mitbestimmungshäusern geträumt, auch in Zürich, und ab 1970 an der Schaubühne Berlin. Während seiner 15-jährigen Leitung hagelte es Einladungen ans Theatertreffen, der figurenpsychologische «Schaubühnenstil» enthusiasmierte; «seine» Leute von Bruno Ganz über Jutta Lampe bis Otto Sander kamen gross heraus. 2000 wurde sein integrales «Faust»-Projekt weithin zelebriert. Und mit Klaus Maria Brandauer realisierte er etwa «Wallenstein» und «König Lear» (2013). Letztes Jahr erläuterte er bei uns seine Verachtung für den Theaterbetrieb heute (zum Interview gehts hier).

18. Elfriede Jelinek (*1946)
Sie ist die Königin, eine Kategorie für sich, im Theater des 21. Jahrhunderts! Die verteufelt junge Österreicherin erhielt 2004 den Literaturnobelpreis, ihre fulminanten, musikalischen, gesellschaftskritischen Stücke, in denen die Wörter so tun, als spielten sie, wenn sie eigentlich Wunden reissen, werden wie verrückt gespielt. Und das mit Vollgas, wenn Regisseure wie Nicolas Stemann sie an die Hand nehmen: Diese Combo rockt. (Lesen Sie hier wie Jelineks «Am Königsweg» letztes Jahr am Pfauen als Horrortheater vom Klügsten bestach.)

Schon der Trailer Jelineks «Am Königsweg» in Stefan Puchers Inszenierung in Zürich 2018 fetzt. Quelle: Youtube

17. Frank Castorf (*1951)
Der «Stückezertrümmerer» zerpflückt seine Vorlagen gern, von Brecht über Dostojewski bis Welsh. Er infiltriert Fremdmaterial, pusht seine Leute und das Publikum in Theaterorgien ans Limit und darüber hinaus; kaum eine Inszenierung, in der die Akteure nicht schwitzend im Kreis rennen oder klatschnass aus Wasserlöchern kriechen. Von 1992 bis 2017 brachte er als Chef die Berliner Volksbühne zum Glänzen, holte grosse Schauspieler und Regisseure. Nach dem unfreiwilligen Abgang kams am Haus zum Theater-Trauerspiel des 21. Jahrhunderts. Castorf aber spielt weiter (lesen Sie hier über seine 5,5 Stunden dürrenmattsche «Justiz» in Zürich 2019).

16. Christoph Marthaler (*1951)
Er steht für geniale Slow Art avant la lettre: Die musikalisch-pantomimisch durchgestalteten Aufführungen von Horvath bis zu eigenen Texten wirken wie aus der Zeit gefallen und zielen doch ironisch auf die Gegenwart. Die prägte Marthaler wie kein anderer: Als Chef des Schauspielhauses Zürich gewann er den Schiffbau als Theaterfiliale dazu; und als eiskalt abservierter Intendant 2002 den glühenden Rückhalt der Bevölkerung. Einmalig: Die Kündigung wurde nichtig; Marthaler blieb bis 2004. Inzwischen inszeniert er wieder in Zürich, den Auftakt dazu machte «Mir nämeds uf öis» 2017 (die Kritik dazu lesen Sie hier).

So musikalisch – und nur scheinbar in abgehobener Höh' – kommt Marthalers bodenständige Reflexion über den Zustand der Welt 2017 auf die Pfauenbühne. Quelle: Youtube

15. Matthias Lilienthal (*1959)
Castorfs Ex-Dramaturg machte ab 2003 das Hebbel am Ufer als dessen erster Intendant zum Avantgarde-Hotspot. Sein Gespür für die Zeitgenossenschaft von Theater, für seine Verankerung in gesellschaftlichen Realitäten, floss in Projekte wie das inzwischen vielerorts durchgespielte «X Wohnungen». Rimini Protokoll verkehrte am HAU, auch viele internationale Künstler. Der Laden brummte. Seit 2015 Intendant an den Münchner Kammerspielen – für die er auch die aktuellen Zürcher Schauspielhaus-Chefs Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg aquirierte –, stiess Lilienthal dort mit seinem innovativen Kurs auf viel Kritik. 2019 jedoch wurde das Haus, das er 2020 verlässt, «Theater des Jahres». Wir trafen ihn 2014 vor seinem Start in München (zum Interview).

14. Christoph Schlingensief (1960–2010)
Wo er hinkam, mischte er die Szene und die ganze Stadt auf mit knalligen Kantentänzen zwischen Skandal und Moral. Er holte Behinderte auf die Bühne, lud Arbeitslose zum Bad im Wolfgangsee, gründete eine regelrechte Partei für sie. Er pferchte Asylbewerber in Container in Wien und ausstiegswillige Neonazis in eine «Hamlet»-Inszenierung in Zürich. Er bezauberte in Bayreuth mit «Parsifal», plante ein Operndorf in Afrika und zeigte uns offen seinen Kampf mit dem Krebs. Er war der Grösste; Zerbrechlichste. R.I.P. (Lesen Sie hier unseren Nachruf.)

Christoph Schlingensief, mittig, in seiner letzten Vorstellung in Zürich Ende 2009: «Sterben lernen! – Herr Andersen stirbt in 60 Minuten». Foto: Georg Lendorff

13. Bert Neumann (1960–2015)
Ohne ihn ist René Polleschs Werk nicht denkbar. Und auch nicht die Volksbühne, so wie sie bei Castorf war; Bühnenbildner Neumann war zeitweilig Co-Chef des Hauses. Unvergessen ist in Zürich das Schiff im Schiffbau, Wucht gewordenes, betanzbares Bild postmoderner Vereinzelung – ein unterhintergehbarer, raumfressender Block wie du für dich selbst. Mit den Singlewohnungsgrundrissen in «Love/No Love» (2015 in Zürich) tüpfte Neumann genauso. Für Frank Castorf entwarf er ebenfalls diese Kosmen, die quasi eigenständige Akteure waren. 2016 ehrte man ihn posthum zum vierten Mal als «Bühnenbildner des Jahres». Wir trafen ihn 2015 anlässlich seiner letzten Arbeit in Zürich (lesen Sie hier).

12. Sibylle Berg (*1962)
Seit der Jahrtausendwende gibts den melancholisch-humanistischen und zugleich sarkastischen Schnoddersound, mit dem die politisch bewegte Wahl-Zürcherin unseren Zeitgeist fasst, nicht nur in Prosa und pointierten Kolumnen, sondern auch auf der Bühne. Ihre Figuren wissen, wie lieblos die Welt über alles hinwegrollt, und wurschteln sich irgendwie durch, auf der Suche nach einem Glück, an das sie meist nicht glauben. Von Ersan Mondtag uraufgeführt, bescherte Bergs Mittelschichts-Bashing «Hass-Tryptichon» der frisch gekürten Trägerin des Schweizer Buchpreises justament den Nestroy fürs beste Stück 2019. Schon 2014 wurde sie fürs beste deutschsprachige Stück ausgezeichnet, für «Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen» (hier gehts zu unserer Kritik).

Uraufgeführt am Gorki in Berlin von Sebastian Nübling 2014, fühlt Bergs «Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen», der Zeit den Puls.

11. René Pollesch (*1962)
Er ist Maestro eines postmodernen theatralen Quasselstrippen-Striptease, der ins Hirn und auch mal an die Nieren geht. Und keiner machts ihm nach: Nur er darf sie inszenieren, seine zahlreichen, gefeierten, scharfzüngigen Stücke mit den verquasten Titeln, die von der Conditio Humana des debatten- und selbstsüchtigen Menschen in der seelenlosen Gegenwart handeln; und in denen alle Theorie so leicht, ja, flapsig, daherkommt, als trüge sie ein Gorilla in seiner Riesenhand wie in «Ich weiss nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis» (die Kritik lesen Sie hier). Ab Herbst 2020 wird der ehemalige Castorf-Kämpe Pollesch den Problemdampfer Berliner Volksbühne leiten. Im Interview erklärt er, was Bühnenwahrheit bedeutet und was nicht (lesen Sie hier).

10. Karin Beier (*1965)
Sie ist seit 2013 Chefin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, und die Leute rennen ihr die Bude ein. Die «Nachwuchsregisseurin des Jahres 1994» bekam den Nestroy für Beste Regie 2006, 2009 den Faust-Preis, 2010 den Titel «Inszenierung des Jahres». Das Schauspiel Köln, dem sie seit 2007 vorstand, wurde gleich zweimal «Theater des Jahres». Dabei gehts der Frau, die auch mit einem Orden für Zivilcourage und Charakter geehrt wurde sowie mit dem Bundesverdienstkreuz, durchaus ums Zivilgesellschaftliche. Sie streitet mit der Politik nicht bloss fürs Theater, sondern für alle Schwachen. 2015 beherbergte sie an ihrer Hamburger Bühne Flüchtlinge. Damals wurde überall hitzig über die politisch-zivilgesellschaftlichen Aufgaben von Theater diskutiert (auch hier). Und Karin Beiers Houellebecq-Adaption «Unterwerfung» von 2016 war ein Edgar-Selge-Festspiel, das uns komplett unterwarf.

Edgar Selge im Trailer zu Karin Beiers «Unterwerfung»; besser gehts kaum. Quelle: Youtube

9. Joachim Meyerhoff (*1967)
Bei einem wie ihm darf, muss man «Star» sagen. Schwitzt er etwa in einer dreistündigen Soloperformance einen bipolaren Typen auf die Bretter – schauderts uns. Zadek in Hamburg riss ihm einst den Theaterhorizont auf. Und dort schreitet er jetzt, riesenhafte Schatten werfend, überwältigend, Preise einsammelnd: von 2005 bis 2019 als Wiener Burgschauspieler, seit diesem Herbst an der Schaubühne in Berlin. Seinen Weg von den Anfängen bis dahin schildert Meyerhoff galgenhumorig im vierbändigen Memoiren-Roman. Genau, der ist ebenfalls preisgekrönt (lesen Sie hier unser Porträt).

Wahnsinn à la Joachim Meyerhoff in Thomas Melles «Die Welt im Rücken» 2017. Quelle: Youtube

8. Thorsten Lensing (*1969)
Es gibt sie noch, die Vollblut-Schauspielerfeste, bei denen man an den Lippen jener wandelbaren Überirdischen hängt! Lensing sucht sich aus seinen Stammschauspielern jeweils das exakt passende Ensemble zusammen: Wenn er ruft, kommen sie gern. Dann nimmt er sich alle Zeit, die es braucht, um mit einem Devid Striesow und André Jung, einer Ursina Lardi aus Backsteinen wie «Die Brüder Karamasow» und «Unendlicher Spass» vielstündige Theaterereignisse zu bauen, die Kritiker, Juroren und Zuschauer in die Knie zwingen.

Thorsten Lensings Stück «Karamasow» mit Devid Striesow und Ursina Lardi enthusiasmierte auch in Zürich. Foto: Arwed Messmer

7. Shermin Langhoff (*1969)
2017 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz: als «wichtige Stimme zu Fragen der Integration». Die Frau, die in Hassmails als «Türkenfotze» beschimpft wird, hat in den Nullerjahren das postmigrantische Theater erkannt, benannt, gefördert. Seit 2013 feiert sie als Chefin im Maxim-Gorki-Theater Berlin die Diversität. Bei ihr arbeiten Leute wie Yael Ronen («Common Ground») und Sasha Salzmann (hier im Porträt), Sebastian Nübling und Ersan Mondtag. Und ihr Gorki wurde bereits zweimal «Theater des Jahres» (zum Start des neuen Gorki 2013 lesen Sie hier).

6. Karin Henkel (*1970)
Uns schwindelte in der «Grossen Gereiztheit», mit der die deutsche Regisseurin im Mai den Zürcher Schiffbau durchzuckte. Das ist Regietheater at its best: nicht verkühlt konstruiert, nicht prätentiös aufgerüstet, nicht textefleddernd, sondern mit Lust an der klassischen Vorlage – aber trotzdem heutig und heftig. Und mit Raum für grosse Frauengestalten. Zum Beispiel im absolut hinreissenden Zwei-Kerker-Theater «Elektra» (hier zur Kritik) und im gleichfalls zu Tränen rührenden «Beute Frauen Krieg» (hier zur Kritik).

«Beute Frauen Krieg» (2017) von Karin Henkel stimmt schon im Trailer ein aufs Weh. Quelle: youtube

5. Milo Rau (*1977)
Milo macht mobil: Im Ernst, zu seinen Prinzipien als Leiter des Niederländischen Theaters Gent gehört, regelmässig ein Stück in einem Krisengebiet ohne komfortable kulturelle Infrastruktur zu entwickeln. Seit 2005 haut der vielfach preisgekrönte Schweizer Denk-Dramatiker uns in radikalsten Doktheaterformaten unsere Lauheit und anderer Leute Leid um die Ohren. Er hat «Die letzten Tage der Ceausescus» in Bukarest nachgestellt, liess «Breiviks Erklärung» performen, konfrontierte uns mit Dutroux’ Verbrechen, mit unserem Versagen angesichts der Massaker im Kongo («Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs») und mit der Unbehaustheit auf unserem eigenen zerrissenen Kontinent («Die Europa Trilogie»). Ein Künstler der Superlative. Zuletzt sahen wir in Zürich «Orest in Mossul»(hier gehts zur Kritik).

«Orest in Mossul»: Milo Rau führt hier via Videos irakische Schauspieler und sein Ensemble zusammen. Foto: Fred Debrock

4. Sandra Hüller (*1978)
2002 bis 2006 war sie im Ensemble des Theaters Basel, danach spielte sie an den Münchner Kammerspielen, wo sie auch von 2012 bis 2015 Ensemblemitglied war; nun hat Bochum sie gekrallt. In Zürich nötigte sie uns in «Bilder deiner grossen Liebe» zur Anbetung. Die Juroren kürten sie bereits dreimal zur «Schauspielerin des Jahres», zuletzt 2019; 2003 war sie noch «Nachwuchsschauspielerin des Jahres». Klar, dass sie zudem haufenweise Filmpreise abgeräumt hat (lesen Sie hier unser Porträt).

Absolutes Highlight am Neumarkt-Theater in Zürich 2016: Sandra Hüller in «Bilder deiner grossen Liebe». Quelle: Youtube

3. Ersan Mondtag (*1987)
2019 wurde er fürs Bühnenbild in gleich drei eigenen Inszenierungen zum «Bühnenbildner des Jahres» gekürt; man ehrte ihn am Theatertreffen zudem als Regisseur mit dem 3sat-Preis – für die «Feier des Unheimlichen» in einer weiteren seiner Inszenierungen. Passen würde diese Beschreibung für die meisten seiner düsteren Visionen wie «Kaspar Hauser und Söhne» in Basel oder «Die Vernichtung» in Bern. Letzteres ist ein Requiem auf eine verzweifelt und automatenhaft vögelnde Menschheit in künstlichem Evakostüm, für das man Mondtag 2017 als «Kostümbildner des Jahres» auszeichnete wie schon ein Jahr zuvor für «Tyrannis» – das dem Ästheten des Grauens, in beachtlicher Dreifaltigkeit, ausserdem die Auszeichnung «Nachwuchsregisseur des Jahres» eintrug sowie den Titel «Nachwuchsbühnenbildner des Jahres». Der Regisseur denkt in starken, bedrohlichen Bildern, die er als Bühnen-Kostümbildner umsetzt, indem er die Schauspieler als zombiehafte Gruselgestalten ausstaffiert: ein vielversprechender Crack apokalyptischer Fantasmagorien für unsere Zeit.

Es regiert die Décadence im Kunstparadies von Mondtags «Vernichtung». Foto: Birgit Hupfeld

2. Rimini Protokoll (*2002)
Seit 2002 nennen sie sich Rimini Protokoll, begonnen haben sie ihre Zusammenarbeit schon zwei Jahre zuvor: Helgard Haug (* 1969), Stefan Kaegi (* 1972), Daniel Wetzel (*1969). Ums einstige Studentenprojekt buhlen heute grosse Häuser. Rimini Protokoll analysiert Themen vom «Weltzustand Davos» (hier gehts zur Kritik) bis zum Sterben («Nachlass»hier gehts zur Kritik) mittels Experten aus dem Alltag und bindet dabei oft die Besucher interaktiv ein. Man klappert mit ihnen zum Beispiel, Raum für Raum, Stationen des Waffenhandels ab («Situation Rooms») oder erlebt sich als statistischen Staub seiner Stadt («100% City»): So entstehen tolle Edutainment-Formate mit zivilgesellschaftlichem Appeal, gefragt von São Paolo bis Brisbane (über ihr jüngstes Kuba-Projekt lesen Sie hier).

Der Trailer zum Statistik-Spass «100% Berlin» zeigt, wie Rimini Protokoll es dreht, dass Daten leben. Buchstäblich. Quelle: Youtube

1. Nachtkritik (*2007)
Die gratis zugängliche Plattform war ein Versuch. Jetzt ist sie feste Grösse, Referenz, Nachschlagewerk, Debattenforum für alle, die im deutschsprachigen Raum etwas mit Theater am Hut haben. Der Einsatz der Gründer Petra Kohse, Nikolaus Merck, Esther Slevogt, Dirk Pilz und Konrad von Homeyer hat sich gelohnt; rund 60 Autorinnen berichten von Berlin bis Bern, von Wien bis Wiesbaden in dem mittlerweile unverzichtbaren Online-Medium, das den zeitgenössischen Theateraufregern hinterherspürt, mit Bestenlisten lockt, sich in die laufenden Diskussionen einmischt. Chapeau, liebe www.nachtkritik.de!

Ausser Konkurrenz: Zentrum für Politische Schönheit (*2008)
Philipp Ruch (*1981), mit Schweizer Vater und ostdeutscher Mutter, sieht sich nicht als Theatermacher, sondern als künstlerischer humanistischer Mahner, der mit den spektakulären Aktionen seines Kollektivs Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) Sichtbarkeit für virulente Themen wie die Not der Flüchtlinge schafft. Diese Aktionen – die regelmässig die staatliche Ordnungsmacht auf den Plan rufen – finden bisweilen in Kooperation mit Theatern statt. Und, ja, sie verhaken Illusion und Realität auf eine schillernde, durchaus theatrale Art und Weise, bis hin zum typischen Auftritt Ruchs mit Asche im Gesicht. Als Ruch am Theater Neumarkt in Zürich 2016 seinen Voodoo-Verfluchungs-Firlefanz «Schweiz entköppeln» durchzog, kostete es das Haus 50’000 Franken an kantonaler Subvention. 2017 wiederum stellte das ZPS dem AfD-ler Björn Höcke eine Kopie des Berliner Holocaust-Mahnmals vor die Aussicht. Und wenn Ruch beteuert, seine Neonazi-Jagd im Netz (im Jahr 2018) sei ein Fake gewesen, der funktioniert habe, weiss keiner, was das nun heisst. Alles Theater? Aufmerksamkeit generiert Ruch damit jedenfalls rund um den Globus (über seinen Online-Pranger von 2018 spricht Ruch hier).

Hier (ent-)köppelt der Ruch die Schweiz; an der Rampe sitzend. Foto: Keystone

Diese Auswahl und ihre Reihenfolge ist natürlich subjektiv. Wie hätten Sie gewählt? Bitte unten eintragen.


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Erstellt: 28.11.2019, 16:23 Uhr

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