Das neue Netzwerk spielt

Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg präsentieren ihre erste Saison am Schauspielhaus Zürich – mit acht spannenden Hausregisseuren, Milo Rau und Christoph Marthaler. Und Riesenensemble.

Gute Kunst soll wandern dürfen: Die neuen Intendanten Benjamin von Blomberg (vorne) und Nicolas Stemann. <nobr>Foto: Andrea Zahler</nobr>

Gute Kunst soll wandern dürfen: Die neuen Intendanten Benjamin von Blomberg (vorne) und Nicolas Stemann. Foto: Andrea Zahler

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Speeddating im Schiffbau: Die etwas andere Medienkonferenz, mit der die beiden neuen Intendanten des Schauspielhauses Zürich, Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, heute ihr Programm für die Saison 2019/20 präsentierten, war als Bekenntnis zum Konzept mit acht Hausregisseuren und überhaupt zum Geist der Zusammenarbeit gedacht. Und man ging, nach anfänglicher Skepsis, geradezu geflasht aus dem zweistündigen Roundtable-Marathon mit den acht Stationen heraus.

Die Künstlerinnen und Künstler Leonie Böhm, Alexander Giesche, Suna Gürler, Trajal Harrell, Yana Ross, Christopher Rüping, Wu Tsang und Stemann (als Regisseur), die sich da im Speeddating-Modus vorstellten, haben sich verpflichtet, drei Jahre lang in Zürich zu leben und zu arbeiten; der grössere Teil kennt sich seit Jahren. Einige proben auch bereits in Zürich.

Die etwas andere Medienkonferenz im Schiffbau. Foto: Andrea Zahler

Denn auch das auf beachtliche 35 Mitglieder erweiterte Ensemble mit bekannten Namen wie Sebastian Rudolph und Karin Pfammatter und Gottfried Breitfuss ist teils schon da. Zudem konnten für eine regelmässige Kooperation auch etablierte Lieblingskünstler der Stadt gewonnen werden: Milo Rau und Christoph Marthaler.

Keine Intendanten-Eitelkeiten

Nach der grossen Eröffnungssause mit acht Mitbringseln – Zürich-Premieren – der acht fixen Theaterschaffenden im September (11.–15.9.) wird Rau am Pfauen in die Spielzeit einführen mit «Orest in Mossul» (5.10.), einer seiner Genter Produktionen. Marthaler wiederum erarbeitet eine Uraufführung, die auf Texten des schweizerischen Dichters Dieter Roth fussen: «Das Weinen (Das Wähnen)» (14.3.).

Auch dies ist eine Koproduktion: Das Netzwerken und die sinnvolle Nutzung von Synergien haben sich Stemann und Von Blomberg auf die Fahnen geschrieben. Von Intendanten-Eitelkeiten rund ums Premieren- und Uraufführungsbusiness wollen sie generell absehen: Gute Kunst soll wandern dürfen.

Der Saisonauftakt ist als Wiedersehensfestival geplant.

Deshalb wurde unter dem Titel «Transfer Zürich/Bochum» ein steter Austausch von Produktionen beschlossen. Stemann entwickelt etwa für beide Häuser eine Inszenierung nach Ayn Rands Roman «Der Streik» (12.1.2020). Mit dem Zürcher Theater Spektakel produziert man eine Strindberg-Tschechow-Shakespeare-Recherche der Brasilianerin Christiane Jatahy (Mai 2020).

Und darum ist auch der Saisonauftakt als Wiedersehensfestival geplant. Alexander Giesche startet im August mit einer Neubearbeitung seiner Münchner Produktion «Das Internet». Da stehen an diversen Orten in der Stadt begehbare Kuben, in denen das rasende Internet als persönlicher Farbtaumel erlebbar ist – mit 16,7 Millionen Farbmöglichkeiten. Am 11. September gehts dann los in der Schiffbau-Box mit Suna Gürlers Basler Jugendstück «Flex».

Kindertheater wird Chefsache

Gürler hat auch die Leitung des Jungen Schauspielhauses inne. Dass dieses nicht mehr so heisst, sondern seine Stücke im allgemeinen Spielplan führt, ist Konzept. Kinder- und Jugendtheater dürfe nicht als Beigemüse verstanden werden, sagte Gürler. Stemann entschied sich daher für eine klare Setzung: Seine erste neue Arbeit in Zürich – im Willkommensblock zeigt er seinen «Faust I und II» aus Hamburg (14.9.) – ist das Weihnachtsmärchen «Schneewittchen» (ab 8 Jahre, 10.11.). «Kindertheater ist Chefsache», unterstrich er und den Text dafür schreibe er selbst gerade.

Die neue Theaterflatrate ist eine weiteres Werkzeug, um den Jungen Theaterbesuche zu ermöglichen: Für 111 Franken können Menschen unter 30 fast jede Vorstellung der Saison besuchen. Und einmal pro Monat gibts gar einen Pay-What-You-Want-Tag für alle.

Auch Klassiker finden Platz

Angesichts des vielfältigen Programms ist das ein wirklich tolles Angebot. Da gibts acht Premieren und sechs spannende Uraufführungen – so «The Deathbed of Katherine Dunham» des amerikanischen Tänzers Trajal Harrell (März), Yana Ross’ Roman-Adaption «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung» nach Ottessa Moshfegh (30.4.2020) und den Film «The Show’s over (AT)» der amerikanischen Performancekünstlerin und Filmemacherin Wu Tsang.

Neben Performativem, Cross-Over-Produktionen und Roman-Adaptionen und Giesches visuellem Gedicht «Der Mensch erscheint im Holozän» nach Max Frisch (12.1.2020) finden auch Klassiker Platz. Leonie Böhm ist noch nicht ganz sicher, womit sie Zürich erreichen will: «Ödipus», «Leonce und Lena», «Romeo und Julia» oder doch «Besuch der alten Dame». Und Yana Ross probt derzeit Tschechows «Kirschgarten» (14.12.).

Doch: Die Idee, viele sehr unterschiedliche künstlerische Köpfe am Haus über längere Zeit zu vereinen, hat Potenzial.

Erstellt: 05.06.2019, 17:23 Uhr

Highlights 2019/20


  • Eröffnungsfestival: «Das Internet», Alexander Giesche, verschiedene Orte, August; sowie 7 bekannte Arbeiten der weiteren 7 Hausregisseure im Schiffbau und Pfauen, 11.-15.9.

  • «Orest in Mossul», Milo Rau (5.10.)

  • «Früchte des Zorns», Christopher Rüping (25.10)

  • «Moved by the Motion», Wu Tsang (noch offen)

  • «Der Streik», Nicolas Stemann (12.1.)

  • «Der Mensch erscheint im Holozän», Alexander Giesche (18.1.)

  • «Das Weinen (Das Wähnen)», Christoph Marthaler (14.3.)

  • «The Deathbed of Katherine Dunham», Trajal Harrell (März)


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