Die Schweizer Theaterszene wird zusammengezwungen

Das Bundesamt für Kultur unter Alain Berset drängt auf eine nationale Kulturpolitik – und scheitert wiederholt.

Kleinen und mittelgrossen Theatern drohen finanzielle Engpässe: Aufführung im Casinotheater Winterthur. Foto: Wolfgang Sträuli

Kleinen und mittelgrossen Theatern drohen finanzielle Engpässe: Aufführung im Casinotheater Winterthur. Foto: Wolfgang Sträuli

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Es brodelt mal wieder in der Kulturschweiz, seit die jüngsten Entscheidungen aus dem zuständigen Bundesamt publik wurden, wo man sich seit einigen Jahren verstärkt um eine nationale Kulturpolitik bemüht.

Konkret geht es diesmal um die Theaterverbände, die über die Alpen und den Röstigraben hinweg zusammengeführt werden sollen. Dies, obwohl die Schweizer Bühnenlandschaft sich von jeher stark nach Sprachgrenzen an den jeweiligen Nachbarländern orientiert. Das soll sich nun ändern, findet das Bundesamt für Kultur (BAK) und erzwingt über eine Verordnung und eine radikale Mittelkürzung eine Fusion von insgesamt vier Verbänden, die für das Theaterschaffen in der Romandie, dem Tessin und der Deutschschweiz entstanden sind.

Nicht betroffen von der Kürzungsorgie ist der Schweizerische Bühnenverband, der die grossen Stadttheater vertritt und seine Subventionierung durch das BAK vor zwei Jahren vor dem Verwaltungsgericht erstritten hat. Mit diesem mächtigen Player müssten nun drei Verbände der freischaffenden Theaterkünstler zusammengehen, obwohl die grossen Bühnen mit ihren festangestellten Mitarbeitern und die freien Künstler in verschiedenen Systemen mit unterschiedlichsten Verträgen tätig sind. Scheitert die Fusion, werden den Verbänden der freien Theaterkünstler die öffentlichen Mittel gestrichen. Wobei es um vergleichsweise wenig Geld geht, das vieles durcheinanderbringen kann.

Besonders drastisch sind die Kürzungen im Fall der KTV, die gesamtschweizerisch Künstler und Veranstalter der Kleinkunstszene vertritt – vom Kellertheater über den unbekannten Emil-Nachfolger bis hin zu prominenten Stand-up-Comedians wie Hazel Brugger. Statt bisher 190'000 Franken wird die KTV in diesem Jahr nur noch 37'000 Franken erhalten – als Übergangsbeitrag. Danach sollen die Mittel komplett gestrichen werden, da die Promotion und Vermittlung von Künstlern in der jüngsten Verordnung aus Alain Bersets Departement nicht mehr vorgesehen ist. Eine Fusion mit den anderen Verbänden wurde der KTV denn auch nicht angeboten. Sie müsste nun die Dienstleistungen für ihre Mitglieder stark einschränken oder gar einstellen. «Was uns besonders hart trifft, da gerade in jüngster Zeit mehrere Westschweizer Theater unserem Verband beigetreten sind,» wie Anne Jäggi von der KTV sagt.

Viel Geld für Glamour

Mit der Streichung der Mittel für die KTV schwächt das BAK just ein Spezifikum der Schweizer Theaterlandschaft, das mit seinen zahlreichen Kleinstveranstaltungen an allen möglichen Orten auf jene kulturelle Teilhabe hinarbeitet, die sich das Parlament gemäss seiner aktuellen Kulturbotschaft wünscht – vom Säli im hintersten Krachen in der Romandie bis zum Casinotheater in Winterthur.

Böse Zungen sagen, dass Alain Berset das BAK nutzen will, um sich etwas Glamour zu verschaffen, was er mit Dossiers wie der AHV-Reform nicht schafft. Allerdings scheitert er wiederholt. Kopfgeburten wie das Schweizer Theatertreffen, das während seiner Amtszeit aus der Taufe gehoben wurde, drängen auf eine nationale Verbundenheit, die es so im Theaterbereich nicht gibt – und wirken gerade deshalb arg provinziell.

Bei den jährlich in diversen Kunstsparten vergebenen Preisen ist zudem bekannt geworden, dass nur ein Teil der Aufwendung zu den Künstlern fliesst, da Bersets Glamourmaschine selbst einiges verschlingt. Im Fall der Literaturpreise etwa sollen Videoporträts der ausgezeichneten Autoren satte 100'000 Franken, der Festakt 80'000 Franken und «Promotionsmassnahmen» weitere 60'000 Franken kosten – von insgesamt 770'000 Franken für neun Auszeichnungen an Einzelpersonen.

Viel Geld, wenn man bedenkt, wie das BAK nun mit Knausrigkeiten die Theaterverbände in die Not treiben und so zusammenzwingen will, um einer Einheit willen, die es nicht gibt. Und die auch nicht erstrebenswert ist – angesichts von funktionierender Verbandsarbeit, die vielen und nicht nur einigen wenigen zugutekommt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2017, 22:21 Uhr

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