Die Stärke liegt in der Intimität

Die neue Leitung des Neumarkt-Theaters analysiert Absturz und Aufschwung in ihren ersten beiden Spielzeiten. Und szizziert einen Ausblick.

In der Neumarkt-Schachtel: Hausherr Peter Kastenmüller (Mitte), Dramaturg Ralf Fiedler (links) und Geschäftsführer Michel Binggeli. <nobr>Foto: Reto Oeschger</nobr>

In der Neumarkt-Schachtel: Hausherr Peter Kastenmüller (Mitte), Dramaturg Ralf Fiedler (links) und Geschäftsführer Michel Binggeli. Foto: Reto Oeschger

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Krise! Das schrien im letzten Oktober die Zahlen der ersten Saison des neuen Teams am Theater Neumarkt: Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler, der eine in München gebürtig, der andere aus dem Allgäu, mussten einen markanten Besucherschwund melden. Es gab knapp 50 Prozent weniger Eintritte als im Vorjahr unter der Direktion von Barbara Weber und Rafael Sanchez – also nur noch rund 11'000 –, was eine Debatte über den Sinn und Unsinn der quasi automatisierten Subventionierung fester Häuser samt ihrer Ensembles in Zürich auslöste.

Doch nun, in Kastenmüllers zweiter, eben abgeschlossener Spielzeit als Theaterleiter, ging es am Neumarkt deutlich nach oben: Michel Binggeli, Geschäftsführer, präsentiert im Gespräch gute Zahlen. Mit über 17'500 Besuchern hat man eine akzeptable Reichweite bewiesen; die Subvention pro Karte beläuft sich nicht mehr auf über 460 Franken, sondern auf 275 Franken – und liegt damit, laut Binggeli, im Durchschnitt anderer Häuser wie Theater Basel, Luzerner Theater, Theater Bern etc.

Binggeli schiebt hinterher, dass sich die viel diskutierte Ensemblestruktur beim Theater Neumarkt auch finanziell rechne: nicht nur, weil man keine Zeit mit einer Assimilationsphase verlöre und so schneller ein höheres Niveau erreiche – sondern ganz praktisch, weil man etwa Reisekosten und die in Zürich teure Unterbringung spare.

Der Neumarkt-Style

Kastenmüller selbst stellt sich die Frage durchaus, ob Zürich von zwei festen Ensembles profitiert. Und antwortet: «Ich glaube nicht, dass es mit dem Schauspielhaus getan wäre. Natürlich gibts keine Denkverbote; wir hinterfragen uns täglich. Etwa, ob wir nach Schwamendingen ziehen sollen (lacht) . Selbst die ewige Castorf-Volksbühne mit ihrem Ensemble neigt sich ja ihrem Ende zu.»

«Du hast das Gefühl, du sitzt mittendrin.»Peter Kastenmüller, Theaterleiter

Aber das Neumarkt-Theater habe eine Qualität, die man sonst so nicht finde: die Nähe zum Publikum. «Du hast das Gefühl, du sitzt mittendrin» – anders als etwa in der Halle vom Schiffbau oder in der Gessnerallee, meint der Hausherr. Die Nähe sei etwas Besonderes beim Arbeiten wie beim Zuschauen, und sie erfordere ein darauf geeichtes Personal. Man ist da wie in einer Schachtel – und das müsse «gross machen: Jede Inszenierung muss mit dieser Intimität umgehen, und die Schauspieler sind da unser grösstes Kapital. Wenn eine eingeschworene Gemeinschaft hier am Drücker ist, können Höchstleistungen entstehen.» Auf der riesigen Bühne des Schauspiels Frankfurt etwa, wo Kastenmüller oft inszeniert hat, werde zwangsläufig selbst die zarteste Liebeserklärung gebrüllt; der Neumarkt dagegen verlange von den Akteuren mehr Modulationsreichtum. «Bei uns bekommen die Dinge einen gewissen Neumarkt-Style.»

Und nein, unterstreicht Kastenmüller, die Krise habe das Ensemble nicht geschwächt, im Gegenteil, man habe gemeinsam für den Turnaround gekämpft. Er würde diese Phase als «Findungsprozess» beschreiben. Es kam da zu keiner Kündigung, Janet Rothe geht aus persönlichen Gründen. Es habe sich ein Geist des «Jetzt erst recht» entwickelt, meint auch Chefdramaturg Fiedler, schliesslich «glauben wir an das, was wir machen». Er betont aber auch, dass die schwierigen Zeiten «nicht spurlos an uns vorbeigegangen» seien; er wolle so etwas nicht noch mal durchleben. Dennoch haben Kastenmüller und Fiedler beide grosse Lust weiterzumachen.

Gründe für den Misserfolg

Was hat das Team aus dem Knick gelernt, der über den typischen Zuschauereinbruch am Anfang einer neuen Direktion hinausging? Noch unerfahren in Kommunikationsstrategien, habe man erst nur die Themen, die sogenannten Plattformen, beworben, unter denen jeweils mehrere Stücke liefen – also die inhaltlichen Schwerpunkte wie «Glück», erläutert Fiedler. Die Stücke selbst bekamen kein eigenes Spotlight. «Das war falsch», urteilt Kastenmüller. «Die Leute dachten, wir spielen kein Theater mehr. Doch unsere Handelseinheit ist erklärtermassen der Theaterabend. Es hat geholfen, den Fokus in der Werbung darauf zu legen.»

«Zürich ist ein hartes Pflaster, härter als Basel.»Peter Kastenmüller, Theaterleiter

Aber auch inhaltlich ging das Team über die Bücher. «Wir sind nicht die Gess­nerallee, eine reine Projektorientierung geht nicht, die Weichen in der Stadt sind anders gestellt. Doch damit kann man spielerisch umgehen. Es braucht allerdings seine Zeit, solche Dinge zu kapieren und sich zu vernetzen.» Und diese Lehrzeit war nicht einfach. «Zürich ist ein hartes Pflaster, härter als Basel», konstatiert Kastenmüller, der, ebenso wie Fiedler, schon in der Rheinstadt gearbeitet hat. «Es gibt in Zürich eine erstaunliche Hassliebe zu den eigenen Kulturinstitutionen, die sich immer wieder in kathartischen Eruptionen Luft macht. Wunderbar war, dass die Theaterinstitutionen in der schweren Zeit alle nah zusammengerückt sind: Zürich hat wahnsinnig gute Leute an seinen Bühnen.» Und man ist am Neumarkt stolz, dass man das Haus in der zweiten Saison ganz ohne einen Quotenstar, ohne Glamourfaktor, mit reiner Eigenleistung achtbar gefüllt hat.

Zeitgenössisch, politisch – und schnell

Die Wende erklären sich die Theatermacher zum einen mit der verbesserten Kommunikation, zum anderen mit dem modifizierten Programm. Fiedler: «Die Genres bleiben klarer erkennbar und dadurch für die Leute lesbarer. Unsere Produktionen waren bürgernäher, etwa ‹Ein Teil der Gans im Haus der Lüge› oder ‹Leben Lügen Sterben›, das schon durch die Bürgerbeteiligung in die Stadt ausgriff.» Dieses Konzept wird weiterverfolgt – 2016, im Jubiläumsjahr der Bühne, etwa mit «Schools of Normal», einem Projekt mit einer Kantonsschule und einer Sekundarschule.

«Die kleine Bühne soll bei uns wirklich ein Stadttheater sein, die Leute bei ihren Themen abholen», definiert Kastenmüller seinen Neumarkt. Er nenne dies in Anlehnung an Brecht experimentelles Volkstheater, das in der Narration einer Gemeinschaft wurzle. «Als Münchner kenne ich da bayrische Urviecher wie Franz Xaver Kroetz – und in der Schweiz gibt es gleichfalls solche Figuren. Auch das Stück, das Sibylle Berg bei uns uraufführt, würde ich als experimentelles Volkstheater bezeichnen. Hoffentlich dreht sie mir da jetzt nicht den Hals um!» Sein Haus soll zeitgenössisch, politisch sein – und schnell. «Wir hatten diese Saison etwa die Reihe ‹Live aus› – mit dem Brennpunkt Syrien zum Beispiel. In dieser Richtung machen wir weiter.»

Erstellt: 19.07.2015, 18:37 Uhr

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