Die unliberale Demokratie

Klare Feindbilder, diffuse Untergangsvisionen: Das Team um Neumarkt-Chef Peter Kastenmüller studiert populistische Reden und lädt Kommentatoren ein.

Simon Brusis’ Macron ruft 2016 enthusiastisch zur Wiedergeburt Frankreichs auf.  Foto: Cristiano Remo Zimmermann

Simon Brusis’ Macron ruft 2016 enthusiastisch zur Wiedergeburt Frankreichs auf. Foto: Cristiano Remo Zimmermann

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Es war die Nacht der Midterms, in der die US-Bürger indirekt das Urteil über ihren orangenen Oberpopulisten fällten: Exakt so hatte das Theater Neumarkt in Zürich die Premiere der hochpolitischen Versuchsanlage «Das Anschwellen der Bocksgesänge» geplant. Die Zukunft war offen, die Nerven lagen blank, und zugleich blickte man am Neumarkt zurück – auf 25 Jahre «Anschwellenden Bocksgesang».

Der berühmt-berüchtigte Essay des deutschen Dramatikers und Schriftstellers Botho Strauss erschien 1993 im Magazin «Der Spiegel» und wurde als rechtsintellektueller Diskursauftakt im wiedervereinigten Deutschland von den einen gefeiert, von den anderen verrissen. Nun zitieren Marie Bonnet, Simon Brusis, Martin Butzke und Sarah Sandeh – alle im hochseriösen Möchtegern-Saubermensch-Outfit – die bildungstrunkenen Sätze.

Ein Böckeblöken

«Ob das noch Demokratie ist oder schon Demokratismus: ein politisch-technischer Selbstüberwachungsverein, bleibe dahingestellt», heisst es da. Strauss spricht vom Verständnis fürs «Blutopfer», das manches Volk für sein «Sittengesetz» zu bringen bereit sei. «Zuweilen sollte man prüfen, was an der eigenen Toleranz echt ist.» Oft laufe die Aufklärung in die Irre, als «linke, die Heilsgeschichte parodierende» Utopie, während die rechte Vision «Tiefenerinnerung» sei, «religiöse oder protopolitische Initiation». Eine Dichterfantasie des Verlusts: Das ist Strauss’ konservatives Credo.

Nein, mit solch anspruchsvoll-verworrenen Ansagen können Politiker nicht punkten; in Zeiten der Drei-Wort-Slogans à la «Build that wall» schon gar nicht. Wie Erlösungsfantasien und kulturpessimistische Untergangsszenarien massengerecht präpariert werden, wie von links und rechts derzeit agitiert wird, um das Volk einzuschwören, statt nur eine Intelligenzija zu betören: Das untersuchen die Theaterleute mit Gästen und dem Regisseur und Neumarkt-Chef Peter Kastenmüller anhand von sechs politischen Brandreden. Ein Böckeblöken.

Die Reden entstanden zwischen 2014 und 2018 – und machen sprachlos. So bekannte sich Viktor Orban, Ungarns Ministerpräsident, schon vor vier Jahren zum «nicht liberalen Staat». Wojtek Klemm, der polnische Regisseur, der gerade am Neumarkt inszeniert, äusserte tiefe Sorge über die Entwicklungen in Polen und Ungarn, bevor er aus Orbans Rede vortrug: «Etwas, das nicht liberal ist, kann eine Demokratie sein.» Der Störfaktor EU bugsiere sich mit seiner Liberalität selbst an den Abgrund.

Überhaupt: Ohne Feindbild und Apokalypse kein Populismus, keine Sammelbewegung ex negativo – erläuterte Daniel-Pascal Zorn. Der 37-jährige Philosoph hat als Koautor des umstrittenen Bands «Mit Rechten reden» Furore gemacht und analysierte am Abend die Argumentationsstrategien der Reden. Weil die Volksparteien SPD und CDU versucht hätten, ein breites Spektrum an Positionen abzudecken, hätten sie ihr Gesicht und ihre Kernwähler verloren, die sich nicht mehr repräsentiert fühlten. Auftritt des Geists, der stets verneint: die Fundamentalopposition. Bewegung statt Partei.

Als weitere Guest Stars der «Bocksgesänge» sind etwa die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse geladen (8.?11.), die Schweiz-Korrespondentin der «Süddeutschen», Charlotte Theile (14.?11.), und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit (Januar 2019). Kurz: Das Neumarkt, das sich als eine Art furchtloses Debatten-Variété etabliert hat, geht aufs Ganze. Also ganz aufs Meta-Politische. Die anderthalb Stunden sind wie ein Symposium: Reden, Gespräch, Reden, letzte Statements, Impulsreferat und Diskussion.

Tolle Theaterlektion

Die Schauspieler sitzen mitten im Raum am Tischchen, schauen in Redemanuskript oder Livecam, ihr Gesicht riesig auf der Leinwand. Frei nach ihren Vorrednern Sahra Wagenknecht (Sandeh), Marine Le Pen (Bonnet, Französisch), Emmanuel Macron (Brusis), Nigel Farage (Phil Hayes, Englisch), Orban (Klemm) und Steve Bannon (Butzke, Englisch) ereifern sie sich, spotten oder lächeln erleuchtet. Ein bisschen Soundkulisse, ein paar Videoprojektionen peppen die inszenierten Lesungen auf – was gar nicht mal nötig gewesen wäre. Die Reden allein, ihre Unterschiede, ihre frappanten Ähnlichkeiten fesseln; so geht Populismus.

Seit 1968 verwende vor allem die Rechte immer die gleichen rhetorischen Tricks, sagte Zorn, und angesichts der Gesichtslosigkeit der Volksparteien, der Verwerfungen in der Wirtschaft und der Flüchtlingskrise funktionierten sie besser als je zuvor. Für die unprätentiöse Theaterlektion über dieses unselige Gelingen jedenfalls gilt: Gut gemeckert!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2018, 20:12 Uhr

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