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Die Zuckerwatte schmeckt bitter

Am Pfauen stellt sich die Niederländerin Alize Zandwijk mit einer Ibsen-Inszenierung vor: Ihre «Wildente» ist in der ersten Hälfte ein Märchenwesen – das in der zweiten allerdings psychologisch seziert wird.

Surreale Kindergeburtstagsparty: Die Wildente holt bei Zandwijk erst mal tief Luft. (Bild: Doris Fanconi)
Surreale Kindergeburtstagsparty: Die Wildente holt bei Zandwijk erst mal tief Luft. (Bild: Doris Fanconi)

Man sieht kaum die Hand vor den Augen. Die Nebelmaschine spuckt ihre weissen Zuckerwatte-Wolken ins Halbdunkel, als hätte jeder Premierenbesucher im Pfauen seine private XL-Portion bestellt. Überhaupt findet hier zum Auftakt von Henrik Ibsens «Wildente» (1884) eine regelrechte surreale Kindergeburtstagsparty samt Ringelpiez mit Anfassen statt: Vier Menschengestalten und ein Geschöpf mit Bärenmaske laufen zwischen den Nebelschwaden in Schlangenlinien eine schwankende Polonaise und hängen noch ein Blinde-Kuh-Spiel dran. Das Fest, das der alte Grosshändler (Hans Kremer) zur Begrüssung seines Sohns Gregers (Milian Zerzawy) gibt, der nach 17-jähriger Absenz vorbeischaut, hat etwas Abgedrehtes, Gruseliges: eine stimmige Tonart für das Drama, das mit dem Suizid der schmerzhaft liebenswerten, halb blinden 14-jährigen Hedvig endet. Eine Fallhöhe kanns nicht geben, wo die Menschen längst abgestürzt sind.

Und wir gehen mit, hängen mit, wenn alle orientierungslos herumtapern. Es ist, als zöge uns die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk gleich mit hinein und hinunter an den «Grund des Meeres», wie es bei Ibsen heisst: dorthin, wo sich die waidwunde Wildente in den Schlamm verbeisst. Zandwijk malt und erklärt da nichts; sie illustriert nicht, freudianisiert kaum. Sondern die grossen Themen des Norwegers, die Lebenslüge, der Verlust realistischer Welt- und Selbstwahrnehmung, die hoffnungslose Loser-Lage der kleinen Leute, die allgemeine Verlorenheit: Sie werden Erlebnis.

Dunkel-poetischer Strom

Im Fond gluckst dazu erst ein Bass, dann taucht das Cello in Melancholisches ab: Sängerin und Musikerin Maartje Teussink komponiert mit einem Park aus Streichinstrumenten und diversen Gitarren ihr eigenes Drama (das allerdings bisweilen ins Melodrama kippt). Wir lassen uns in das unsere fallen. In den ersten anderthalb Stunden schwimmen wir schwerelos mit im dunkel-poetischen Strom, den die Regisseurin über die Bretter fliessen lässt – zwischen tiefseeschwarzen, hohen Wänden mit grossen nassen Stellen und überdimensionalen ausgestopften Wildtierköpfen.

Ibsens «Wildente», seit über einem Jahrhundert quasi ununterbrochen gespielt, lässt auch heutige Theaternovizen Tränen vergiessen und fasziniert Routiniers noch nach der zehnten Inszenierung. Denn der Dramatiker, als Student wie Gregers ein glühender Idealist, fasst im Stück existenzielle Fragen zum richtigen Leben im falschen auf realistische und gleichzeitig märchenhaft zeitlose Weise. Alize Zandwijk nahm sich nun die Elemente des bösen Märchens mit einem Kinderblick, «Alice»-Blick, zur Brust oder besser: zu Herzen. So verwandelt sie zumindest die erste Hälfte des langen Abends in eine Herzensangelegenheit von uns allen.

Ah, wie sich Marie Rosa Tietjens Hedvig im weissen Spitzenkleid, das ans Hemdchen des grimmschen Sterntaler-Mädchens erinnert, an der Wand entlangtastet; wie sie die kranken Augen zusammenkneift und ein zages Lächeln herauspresst, als ihr Vater Hjalmar von Gregers’ Fest heimkehrt. Das zerbrechliche Wesen sieht aus wie ein Gewaltopfer, das bei sich selbst die Schuld sucht: Hedvig fühlt sich fürs Glück ihres Versagerpapas verantwortlich, dessen Fotoatelier nicht rentiert und der die Nachmittage «nachdenkend» auf dem Sofa verbringt.

Christian Baumbachs biederer Hjalmar wieder liess sich einreden, er sei ein Genie und müsse bloss auf die Eingebung warten, die ihn zum Millionär mache. Seine Frau bestärkt ihn in der tröstlichen Illusion, weil sie ihn liebt; dass man nicht recht weiss, wieso eigentlich, ist eine Schwäche des Stücks und auch von Zandwijks Inszenierung.

Die Frau schmeisst Laden, Haushalt, kümmert sich um Hedvig und Hjalmars greisen Vater: toll, wie sich Isabelle Menke eine puppenhafte Süsse ins Gesicht modelliert, derweil ihre Hände sich spastisch verrenken. Sie lässt sich von Gregers’ Ehrlichkeitsgeschwafel und Aufmunterungsgetätschel nicht verführen – obwohl der Prophet mit der Anmutung des TV-Schnüfflers Magnum (samt Schnauz und 80er-Jahre-Pulli) bei Milian Zerzawy mehr Überzeugungskraft hat, als man der Figur zugetraut hätte. Und so kaputt wie Hjalmars Vater (bravo, Siggi Schwientek!) muss man erst mal über die Bühne schlurfen können, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Dass Ibsen-Könner Hans Kremer in seinen fiesen Frauenhelden – der Händler ist Hedvigs leiblicher Vater, jubelte Hjalmar das Kind unter und ruinierte Hjalmars Vater – so viel Einsamkeit und verkorkste Vaterliebe hineinschmuggeln kann, ist erstklassig.

Das Leben als Fotoabzug

Trotzdem ist bei der Inszenierung, die anfangs tief einatmet, dann schön kontrolliert dem Stücktext entlang ausatmet, kurz vor der Pause die Luft draussen. Selbst die Wucht des Bühnenbilds vom Maastrichter Künstler Thomas Rupert stemmt keine fast dreistündige Aufführung – auch wenn es beklemmend die Enge eine Existenz zwischen Dachkammerfantasien und Stubenarmut widerspiegelt, in der das Leben bloss an die Wand genagelt oder als Fotoabzug aufgehängt wird.

Auf der Suche nach einem Motor, der die Chose aus dem Märchen-Modus nach irgendwo hinausbugsiert, entschied man sich für eine stramm psychologische Lektüre. Sie reicht von Hedvigs anfallartigem Zittern, als sie begreift, dass Hjalmar sie verstösst, bis zum unsäglichen Vater-Sohn-Zweikampf zwischen Gregers und dem phallisch mit einem Baumstamm bewehrten Händler. Was zuvor als offene Geste beseelte, verendet jetzt schier als Karikatur. Am Schluss ist da kein Nebelmeer mehr, sondern ein Zeichenmeer, in dem die Wildente absaufen muss.

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