«Der Verkehr steht still wegen des neuen Schauspielhauses»

Die neuen Intendanten des Zürcher Schauspielhauses über Budgetkürzungen, den Pfauen-Umbau und ablenkende Beschilderungen.

Neu-Zürcher: Nicolas Stemann (l.) und Benjamin von Blomberg.

Neu-Zürcher: Nicolas Stemann (l.) und Benjamin von Blomberg. Bild: Christian Grund (13 Photo)

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Sie beginnen nun als Schauspielhaus-Intendanten, und quasi zum Empfang kündigte die Stadt eine Kürzung des Schauspielhaus-Budgets an. Wie gehen Sie damit um?
Benjamin von Blomberg: Derart: jetzt soll es erst mal ums Theater gehen! Wir fangen jetzt an! Schaut her!

Haben Sie mit dem Kulturchef der Stadt gesprochen? Ist die Kürzung noch aktuell?
Von Blomberg: Ja, wir sind im Gespräch.

Gab es in Zürich bis jetzt auch positive Überraschungen?
Nicolas Stemann: Da gab es einiges: etwa die Offenheit und Neugierde, mit der uns und unseren Vorhaben gerade auch innerhalb des Hauses begegnet wird, überhaupt die Herzlichkeit, mit der wir dort empfangen wurden. Dann: die städtischen Personalentscheidungen im Kulturbereich – und damit meine ich jetzt nicht nur uns. Sondern etwa den Neustart am Neumarkt mit drei jungen Frauen. Oder dass mein alter Studienkollege Mathias von Hartz das Zürcher Theaterspektakel leitet. Und nächstes Jahr noch der Start des Intendantinnen-Trios an der Gessnerallee – das sind alles sehr innovative und zukunftsweisende Setzungen, die das Potenzial haben, die Kulturlandschaft der Stadt zu einer der interessantesten im deutschsprachigen Raum zu machen. Wenn man sie nicht im nächsten Atemzug wieder kaputtspart.

Das Umbauprojekt an der Pfauenbühne hat gleichfalls hitzige Debatten ausgelöst.
Stemann: Auch da war ich überrascht – und zwar sowohl positiv wie negativ – von der Leidenschaft, mit der die Diskussion um die Umbaupläne geführt wurde. Darin zeigt sich neben vielem anderen auch eine Liebe zum Pfauen, zum Gebäude und zum Theater und zu dessen grosser antifaschistischer Tradition – und zwar auf beiden Seiten, also sowohl bei den Umbau-Befürwortern wie bei den Bewahrern.

«Wie schön wäre das denn: Der
Verkehr steht still wegen des neuen Schauspielhauses.»
Benjamin von Blomberg

Was war bis jetzt am schwierigsten?
Von Blomberg: Schwierig!? Ach, lustig und auch ein wenig verstörend war vielleicht von den Auflagen seitens der Ämter zu hören, wie leuchtstark Beschilderungen am Haus nur sein dürfen, damit die Autofahrerinnen nicht aus der Spur geraten. Dabei, wie schön wäre das denn: Der Verkehr steht still wegen des neuen Schauspielhauses.

Jede Intendanz von München bis Luzern behauptet immer, sie plane ein «Theater für die Stadt» – so auch Sie.
Von Blomberg: Ja, stimmt! Auch wenn es wohl in erster Linie darum geht, aufregendes Theater zu machen. Und das heisst: Theater, das die Künstlerinnen und Künstler unbedingt machen wollen! Neu ist allerdings: Die knapp 45 Künstler inklusive der Regieschaffenden sind in der Stadt. Sie arbeiten nicht nur hier, sie leben hier. Die Zürcher werden den Unterschied nicht nur im Zuschauerraum erleben, sondern im Café, in der Badi, in Ausstellungen, Schulen, als Nachbarn, in den Medien und den Diskursen der Stadt.

Als eine Neuerung wollen Sie eine fixe Zuschauertribüne in den Schiffbau einbauen. Dabei bestand der Zauber des Schiffbaus gerade aus den flexiblen Raummöglichkeiten, wie immer wieder zu sehen war. Bleibt die Magie erhalten?
Stemann: Auf jeden Fall! Die einzigartige Schiffbau-Atmosphäre ist so schnell nicht totzukriegen, im Gegenteil, sie wird auch eine grosse frontale Zuschauersituation energetisch aufladen. Die Tribüne soll uns überdies helfen, den Schiffbau noch besser nutzen und im Gegenzug auch mal im Pfauen mit dem Raum experimentieren zu können. Wäre es nicht interessant, auch hier mal eine Tribüne auf die Bühne zu stellen oder den Zuschauerraum für eine Produktion zu überbauen? Was mir als Regisseur am Schauspielhaus fehlt, ist eine grosse Raumsituation für grosse Bilder und Vorgänge für viel Publikum. Die wird mit der Tribüne geschaffen, und der Schiffbau wird so erst recht auch zum Ort für grosse Stoffe. Zur Marthaler-Zeit war das übrigens die Standardsituation in der Halle.

Sie erleben nicht nur Zürichs Herzlichkeit, sondern auch die «Immobilienhölle», wie Sie sagen. Haben Sie eine Wohnung gefunden?
Stemann: Nein, das haben wir noch nicht. Die Zeit, da die Stadt den Intendanten Villen zuschiebt, scheinen wirklich vorbei zu sein. (lacht) Falls jemand etwas weiss: Wir sind zu viert und, was den Kreis angeht, noch völlig offen, Schiffbau- oder Pfauen-Nähe wäre schön! Und wir können auch gern selber was renovieren.

Seit 2017 lehren Sie an der Zürcher Hochschule der Künste und halten fest, diese Schule sei eine deutsche «Bubble». Etliche Kaderpositionen in Zürich seien von Deutschen besetzt. Sie vermuten, dass so eine Situation in Deutschland zu heftigen Ausbrüchen führte. Wieso denn nicht in Zürich?
Stemann: Das müssen Sie Zürich fragen.

Erstellt: 28.05.2019, 08:38 Uhr

Die neuen Schauspielhaus-Leiter und ihre Pläne

Sie wollen in Zürich etwas wagen, die zwei designierten Intendanten des Schauspielhauses Zürich: der Hamburg-gebürtige Nicolas Stemann (50) und der zehn Jahre jüngere Benjamin von Blomberg, der gleichfalls in Hamburg studiert hat und über Elfriede Jelinek promovierte – deren Stücke Stemann wiederum oft urinszeniert hat.

Ihr Theater soll gesellschaftliche Realität nicht nur reflektieren, sondern Veränderungspotenzial sichtbar machen; eine Welt zeigen, in der Partizipation und Zusammenarbeit keine Fremdwörter sind, flache Hierarchien herrschen, Exklusionsmechanismen abgebaut werden. Das Schauspielhaus soll als Manufaktur funktionieren, nicht als Durchlauferhitzer, als eine Werkstatt für Slow Art. So beschrieben die Theatermacher ihre Hoffnungen 2017, als sie sich in Zürich als frisch gebackene Intendanten präsentierten.

Inzwischen haben sie ihre Pläne konkretisiert – und wurden auch mit Zürcher Wirklichkeit konfrontiert. Die Stadt hat, ohne sie vorzuwarnen, ein neues Theaterfördermodell ins Visier genommen, das das Budget des Schauspielhauses um rund 700'000 Franken reduziert.

Das war erst mal ein Schuss vor den Bug. Doch nach dem Schock fokussieren Stemann und von Blomberg ganz auf das Projekt, mit dem sie die Findungskommission seinerzeit überzeugten – auf die Künstlergemeinschaft, die hier entstehen soll: Acht Menschen wurden auf drei Jahre verpflichtet, in Zürich als Hausregisseurinnen und Hausregisseure zu leben und zu arbeiten. Dabei handelt es sich nicht um eine Neuauflage der Marthaler-Familie, die ja auf gewachsenen Arbeitsbeziehungen fusste, sondern um die Neugründung einer Art «Künstler-WG».

Den Intendanten sind die Risiken und Nebenwirkungen einer solchen Konstruktion bewusst – und die Chancen: Die spannungsreiche Zusammensetzung dieser «WG» ist eine Feier der Diversität und auch des künstlerischen Crossovers. Sie zelebriert den Glauben, dass Männer und Frauen – manche LGBTQ-Vertreter, andere hetero und cis –, dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kunstdisziplinen produktiv an einem schweizerischen Stadttheater kooperieren können.

Zu den acht Beteiligten zählen, neben Nicolas Stemann selbst, etwa eine Film- und Performancekünstlerin, die sich mit Genderthemen befasst und im Museum of Modern Art ausgestellt hat wie an der Whitney Biennial; ein afroamerikanischer Tänzer und Choreograf ebenso wie eine Regisseurin, die just zum zweiten Mal mit einer Arbeit ans Münchner Festival Radikal jung geladen wurde.

Mit Videos, die ab heute auf der Website dieser Zeitung zu sehen sind, stellen sich die acht Hausregisseure vor. Am 5. Juni machen die Intendanten dann das gesamte erste Saisonprogramm öffentlich. (ked)

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