Diese Küsse in Mossul waren lebensgefährlich

Milo Raus Theater «Orest in Mossul» handelt von Homosexuellen – im vom IS zerstörten Gebiet ein heikles Thema.

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Sie küssen sich innig. Orest und Pylades, die zwei Cousins, die im antiken Mythos schliesslich nach Mykene aufbrechen, um Orests Mutter Klytemnästra zu töten, eint «das Band einer zärtlichsten Freundschaft», wie es traditionellerweise über die beiden heisst.

Dass sie auf der Bühne des 21. Jahrhunderts als schwules Liebespaar auftreten – geschenkt. Aber wenn der Este Risto Kübar als Orest und der Iraker Duraid Abbas Ghaieb als Pylades sich auf den Brettern nahekommen, ist das mehr als eine simple Aktualisierung: Bei der Produktion im nordirakischen Mossul galten solche Küsse als lebensgefährliches Bekenntnis zu freiheitlichen Werten – und als Ehrung aller irakischen Homosexuellen, die vom IS von Hochhausdächern gestossen oder sonst wie ermordet worden sind.

Kunst, die knietief im Leben watet

Blosses Chic-Sein, pures wokes Mitlaufen mit Trends wie dem zur Offenheit für die queere Community interessiert den Schweizer Theatermacher Milo Rau nämlich nicht die Bohne. Dass der Mann eine globale Marke wurde, der helvetische Theaterexport schlechthin, verdankt sich seinem grandiosen, im Grunde grössenwahnsinnigen, aber einfach grossartigen Anspruch an die Kunst: dass sie knietief im Leben waten und dabei Wellen werfen soll. Dass sie wirklich sein soll.

«Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern», formuliert Rau als Leiter des flandrischen Theaters NT Gent in seinem Manifest fürs Haus. Sein «Stadttheater der Zukunft» muss mindestens eine Produktion pro Spielzeit in einem Krisengebiet stemmen, fordert er: irgendwo, wo keine bequeme kulturelle Infrastruktur zur Verfügung steht.

Mossul lag 2017, nach den Schlachten um die Stadt, in Schutt und Asche. Foto: AP

Zum Beispiel in Mossul, in der zweitgrössten Stadt des Irak, die 2014 durch den IS besetzt und während der langen Rückeroberungsphase – die im Juli 2017 abgeschlossen war – brutal geschleift wurde, samt Bewohnern. Zehn Tage verbrachten Milo Rau und seine Crew in Mossul, im Gepäck die «Orestie» von Aischylos, das Drama vom Rachemord an der Mutter, die ihrerseits Orests Vater (König Agamemnon) umbrachte.

Sie arbeiteten vor Ort mit knapp zwanzig Musikern, jungen Schauspielern und Choristen zusammen und filmten Szenen, die in Europa als Videoeinspieler zu sehen sind. Uraufführung war im Frühjahr in Gent, ab Samstag gastiert «Orest in Mossul» erstmals in der Schweiz, in Zürich; im Dezember in Lausanne. Und Duraid Abbas Ghaieb, der 1980 in der irakischen Kapitale Bagdad geboren wurde, das Land 2007 verliess und als Flüchtling in Holland landete, wirkte nicht bloss im Ensemble mit, sondern war nonstop als Übersetzer und Kommunikator im Einsatz.

Anfangs hiess es, der Kuss sei okay. Am nächsten Morgen baten die irakischen Mitspieler, ihn wegzulassen.

Auch bei der umstrittenen Sache mit dem Kuss. Milo Rau fragte nach den Morden an Homosexuellen, und das Ensemble vor Ort bestätigte die Vorkommnisse, wollte aber nicht darüber sprechen. Homosexualität sei immer noch ein Tabu: Man gehe grosse persönliche Risiken ein, wenn man sich für schwule Liebe einsetze. Orest und Pylades als Liebespaar zu zeichnen, wie von Rau vorgeschlagen, sei allenfalls eine Möglichkeit.

Anfangs hätten sie gesagt, die Kuss-Szene sei okay. Am nächsten Morgen hätten sie gebeten, sie wegzulassen, erzählt Duraid Abbas Ghaieb im Gespräch vor der Zürcher Premiere. Also filmte Rau die Szene mal mit Wangenkuss, mal mit Zungenkuss und rief zu Diskussion und demokratischer Abstimmung auf. Am Ende stand es 6 zu 4 für den Kuss.

Wider den kulturellen Relativismus

«Es berührte mich, wie diese tapferen jungen Leute mit der Frage rangen», sagt der Schauspieler. «Und ich fand es toll, dass sich der Regisseur nicht auf die Position eines akademischen kulturellen Relativismus zurückzog, sondern den Mut zur Konfrontation hatte.» Lebensverändernde Prozesse anzustossen, sei der Sinn von Theater.

«Ehrlich gesagt: Ich hatte grosse Angst gehabt, nach Mossul zu gehen», gesteht Duraid Abbas Ghaieb. «Ich war da nie zuvor und hatte Sorge, dass die Zusammenarbeit zwischen den kriegsversehrten Irakern und den Europäern im Debakel endet. Aber die Iraker waren, sage ich mal, supersüss. Es gelang ihnen, dass die Europäer sich sicher fühlten. Wir alle teilten unsere Erfahrungen.» Heute haben sie über eine Facebook-Gruppe weiterhin Kontakt.

«Wir sind keine Clowns fürs schlichte Entertainment, eher Architekten oder Ärzte.»Duraid Abbas Ghaieb über Theaterschaffende

Genau das sei Zweck eines Theaters, wie es sich der Iraker – und Milo Rau – erträumen: echter Austausch, Wandel in der eigenen Denke, Abbau von Vorurteilen bei anderen. Etwas bewegen in der Wirklichkeit. Für Abbas Ghaieb eine Grundbedingung fürs künstlerische Schaffen.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau, der wichtigste helvetische Theaterexport, verlangt viel von seiner Kunst. Foto: Phile Deprez

Nach der Ankunft in Europa nahm er an einem Gespräch mit anderen Theaterleuten aus Kriegsgebieten teil. Er propagierte die Bühnenkunst als «machtvolles Mittel» der Weltveränderung. «Wir sind keine Clowns fürs schlichte Entertainment, eher Architekten oder Ärzte», lautet seine These noch heute. Aber die Reaktion darauf war – niederschmetternd. Und Duraid Abbas Ghaieb war niedergeschmettert.

«Sie sagten, ein Krieg sei mit den Mitteln des Theaters nicht zu beeinflussen. Es hat mich so frustriert, dass sie nicht über die unmittelbare Situation hinaussehen konnten, ja, es nicht einmal versuchten, dass ich das Theater erst mal sein liess. Ich ging für ein Jahr nach Ecuador und gab Indios Englischunterricht.»

Milo Rau suchte eine Kassandra und bekam Duraid

Nach seiner Rückkehr wurde ein multikulturelles Theaterzentrum im belgischen Antwerpen auf ihn aufmerksam, wo er noch heute arbeitet. Sozusagen nebenan, in Gent, suchte Milo Rau eigentlich eine passende Kassandra. Iraker, männlich, Schauspieler, passte: Das war klar, nachdem sie zehn Minuten miteinander gesprochen hatten.

Dabei war Raus Pylades einst aus Zufall zur Bühne gekommen: Seine Mutter, eine resolute Alleinerziehende, hatte den 15-jährigen am Baghdad Institute of Fine Arts angemeldet, nachdem er es an der höheren Schule nicht geschafft hatte. «Ich war stets der Familienclown gewesen, der alle nachmacht, also dachte sie, wieso nicht», schmunzelt Duraid Abbas Ghaieb, der dort 2001 ein Regiediplom erhielt. «Und nach sechs Monaten dort realisierte ich: ‹Das ist es! Das ist exakt mein Ding!› Meine Mutter war schon immer eine couragierte Frau.»

Die Inszenierung «Orest in Mossul» ist ein Zusammenspiel zwischen Filmeinspielern aus Mossul und Live-Acts auf der Bühne. Foto: Fred Debrock

Dann schmunzelt er nicht mehr. Einladen konnte er seine Mutter, die jetzt an der Grenze zum Iran lebt, bis jetzt nicht: Dafür brauchte er eine Festanstellung. Und ein Besuch bei ihr war erst nach rund sieben Jahren möglich; nach sechs Jahren erst hatte er in den Niederlanden den Status als politischer Flüchtling erhalten.

Dass Duraid Abbas Ghaieb nun als Schauspieler aus professionellen Gründen für zehn Tage in seiner Heimat war, löste ambivalente Gefühle in ihm aus. Er schätze zwar die echte Erfahrung, die ernsthafte Forschung, das Abtauchen in die Geschichte seiner Landsleute: Das entspreche seinem Theaterideal. Aber was er in Mossul sah und hörte, traf ihn schwer. Wieder fort, brauchte er zwei Monate, um sich zu regenerieren, «um die furchtbaren Bilder aus dem Fleisch zu kriegen».

Bitte mehr Diskussionen!

Damit im internationalen Festivalzirkus um die Welt zu reisen, fällt dem Iraker schwer. Nicht nur, weil alle vom Team ziemlich Mühe hätten, in Zeiten des Klimawandels von Flugzeug zu Flugzeug hüpfen. Sondern eben, weil «Orest in Mossul» häufig glanzvoller Programmpunkt sei, aber keine tiefer gehenden Diskussionen mit dem Publikum und lokalen Künstlern angesetzt würden.

Generell, so findet der Schauspieler am Telefon, wird die Kraft der Kunstform zu wenig erkannt. «Theater als touristischer Stop verschenkt das progressive Potenzial.» Aber Duraid Abbas Ghaieb hat sich noch nie kleinkriegen lassen.

Aufführungen am Pfauen Zürich, 5./6.10. und 20.–22.11.

Erstellt: 03.10.2019, 17:18 Uhr

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Am Festival, mit dem Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg just ihre Schauspielhaus-Intendanz eröffneten, wehte ein frischer Wind: Die Produktionen waren jung, divers angelegt und bisweilen sehr quer zu konventionellem Erzähltheater verfasst. Man begrüsste auch alte Bekannte von innovativen Durchlauferhitzern wie der Gessnerallee Zürich. Die Einladung von Milo Raus «Orest in Mossul» entspricht diesem Geist. Und die Zuschauer zwischen Schiffbau und Pfauen wirken deutlich jünger und heterogener als gewohnt. Laut Schauspielhaus belief sich die Festival-Auslastung auf rund 90 Prozent. Sollten die Intendanten diese Zahlen mit ihrem neuen Publikum halten können, muss ihnen nicht bang davor sein, dass das Programm eventuell einen Teil des Stammpublikums abschreckt. (ked)

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