Drei Kleiderbügel für den Flüchtling aus Syrien

«Unter einem Dach»: Das Sogar-Theater erzählt von einer deutsch-syrischen Begegnung. Es ist eine glückliche Erfahrung – mit allen Irritationen.

In der deutsch-syrischen WG: Drei Schauspieler proben die Möglichkeiten des Zusammenlebens. Foto:  Ayse Yavas

In der deutsch-syrischen WG: Drei Schauspieler proben die Möglichkeiten des Zusammenlebens. Foto: Ayse Yavas

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Das Erste, was der Flüchtling bei seinem Einzug macht, ist, das Haus mit der Mekka-App zu vermessen. Schon ein bisschen seltsam findet diese Aktion seine deutsche Gastfamilie. Mit Allah als Untermieter haben «Zeit»-Reporter Henning Sussebach, seine Frau und deren zwei Kinder nicht gerechnet, als sie Amir Baitar, dem Mathe-Studenten aus Syrien, im Dezember 2015 Obdach gewährten. Nach und nach beginnt die WG aber zu funktionieren, «I want to live mit euch» wird Amir sagen. Ein erster Schritt zum Zertifikat Integration. Auch die Deutschen können hier was lernen.

Über die Erfahrung des Zusammenlebens haben Amir Baitar und Henning Sussebach ein Buch geschrieben. «Unter einem Dach. Ein Syrer und ein Deutscher erzählen», 2016 im Rowohlt-Verlag erschienen, ist eine Langzeitreportage, die aus unterschiedlichen Perspektiven vom Alltag eines Flüchtlings in Deutschland erzählt. Das Buch ist auch ein Appell: «Wann, verdammt, war die Chance zu einer Neuerfindung der Welt grösser als jetzt?» heisst es da.

Das Theater nimmt diese Chance wahr. Denn die «Unter einem Dach»-Bühnenadaption von Regisseurin Beren Tuna, die am Donnerstag im Sogar-Theater Premiere hatte, ist mehr als eine Nacherzählung. Sie erweitert den Raum der Vorlage mit anderen Geschichten, anderen Stimmen. Da kommt neben Allah, der mit Amir ins deutsche Haus eingezogen ist, auch Shiva vor. Das ist verdammt clever gemacht.

Schriften an der Wand

Mit einer Irritation beginnt das Stück. Tür auf, drei Schauspieler kommen auf die Bühne. Tahani Salim schreibt in arabischer Schrift etwas an die Wand, sie wird an diesem Abend überhaupt die Übersetzerin ins Arabische sein und das Geschehen aus ihrer Sicht kommentieren. Die zwei Männer begehen unterdessen den Raum. Einer sagt: Da hinten sei das Schlafzimmer, da vorn die Garderobe – «wir haben drei leere Bügel extra für dich hingehängt».

Alles ist hier fast wie im Buch. Der Gastgeber spricht mit seinem Gast, wie er sich einzurichten hat am neuen Ort. Doch dann sagt Matthias Koch, sie hätten auch einen Shiva-Schrein eingebaut. Shiva? Er sei kein Hindu, sagt Patrick Balaraj Yogarajan. Wo er denn herkomme? Die patzige Antwort: «Aus der Künstlergarderobe.»

Die Biografien der Schauspieler haben sich in das Stück eingeschrieben. Yogarajan kam mit 11 Jahren aus Jaffna nach Deutschland. Koch, in Luzern geboren, studierte in Wien. Salim spielte schon Theater in Syrien, Palästina, Zürich. Die drei haben selber die Erfahrung gemacht, fremd an einem fremden Ort zu sein, und geben dieses Erleben in «Unter einem Dach» an das Publikum weiter. Manchmal verstehen wir nicht, was auf der Bühne geredet wird. Und sehen so, wie es ist, in einer Welt zu leben, die man nicht so ganz kapiert. Aber wir können dazulernen.

Alles in allem: ein schöner Abend. Manchmal irritierend, aber immer integrativ. Am Schluss steht «Welcome» an der Wand.

Die Vorstellungen bis 5.12. sind ausverkauft. Gastspiele im ThiK Baden, 21.3.20, und Kellertheater Winterthur, 25. bis 29.3.20

Erstellt: 29.11.2019, 14:31 Uhr

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