Drei Stunden Tschechow-Therapie

Hausregisseurin Yana Ross gab ihren Einstand mit einem «Kirschgarten» sehr frei nach Tschechow und sehr nah an uns.

Sie machen Party vor dem grossen Moment der Wahrheit: Szene aus dem Zürcher «Kirschgarten». Fotos: Zoé Aubry

Sie machen Party vor dem grossen Moment der Wahrheit: Szene aus dem Zürcher «Kirschgarten». Fotos: Zoé Aubry

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Zu diesem «Kirschgarten» muss keiner weit anreisen, es reicht der Blick in eigene Abgründe. Und auch wenn Ljuba, die bipolare, medikamentenabhängige Herrin des Gartens, extra mit dem Flieger aus dem fernen Paris kommt, um sich aus therapeutischen Gründen ein wenig in der Vergangenheit zu suhlen und bei der Auktion ihres abgewirtschafteten Landguts dabei zu sein: Was nun auf der Pfauenbühne in Zürich verhandelt wird, hat mit dem Ruin und der Dekadenz des alten Adels in Russland, den Anton Tschechow in seinem 1904 uraufgeführten Stück satirisch überzeichnen wollte, nichts zu tun.

Mit Tschechows Sinn für verlorene Seelen dafür umso mehr. Die suchen ihr Heil heute eben in Pillen, neuen Elektro-Konvulsionstherapien, Gruppensitzungen samt Videoprotokoll und Familienaufstellungen. All das – und einiges mehr! – gibts in der «Kirschgarten»-Inszenierung von Yana Ross zu sehen: Die 1973 in Moskau geborene Regisseurin mit Wurzeln in Lettland, Studium in Harvard und Trittsicherheit auf dem europäischen Festivalkarussell präsentiert zum Einstand als neue Zürcher Hausregisseurin eine sogenannte «Überschreibung» des Bühnenklassikers, die es in sich hat.

Es herrscht keine Minute Langeweile in diesem «Kirschgarten», in dem das total heterogene Ensemble total gut zusammenspielt.

«Es»: Das ist im Fall des dreistündigen, deutsch-englisch-polnischen Abends, der keine Minute langweilt, erstens ein sehr heterogenes Ensemble, das sehr gut zusammenspielt – und das die sprachlichen Klüfte, das Missverstehen explizit zum Thema macht. Das ist zweitens der Mut der Regisseurin, ihren neun Figuren ein traditionelles psychologisches Profil zu verpassen. Postmoderne Stimmenpartituren gehen anders; aber dafür schwimmen die Schauspielerinnen und Schauspieler wie Fische im (dunklen) Wasser. Dabei werfen sie sich auch mal à la Castorf in den Zimmerteich oder matschen wild mit Äpfeln herum.

Und wenn etwa Wiebke Mollenhauer, als Lubjas Tochter Anja, ihre ambivalenten Gefühle gegenüber ihrer Mutter in ihre Unterlippe hineinkaut, sie aus ihrem verquälten Lächeln herausquetschen will: Dann kleben alle Zuschaueraugen an dem Gesicht auf der immensen Projektionswand, welche die polnische Bühnenbildnerin Justyna Elminowska über dem coolen Salon im helvetischen Schick – mit Gneis-Steinmauern, Edelliegen und besagtem Zimmerteich – aufgezogen hat; die starken Videos stammen von Algirdas Gradauskas.

Was ist die Wahrheit?

Anjas Adoptivschwester Babs, eine unemanzipierte Loserin mit pseudo-geilem Hüftschwung, die auf den erlösenden Prinzen hofft, gewinnt bei Lena Schwarz eine Verletzlichkeit, die nicht bloss nervt. Und Thomas Wodiankas Heinz, der es vom geprügelten Bauernsohn schon vor fünf Jahren zum heimlichen Eigner des Landguts geschafft hat: Er wird zum grossartigen Bild des verzweiflungsvollen Mittelschichts-Ehrgeizes zwischen Systemsubversion und Systemaffirmation; zwischen Riesenkomplex und Riesenkraftakt. Peter, Steven Sowah als ewiger Student, schaukelt dagegen in der Hängematte der Verweigerung und knallt den anderen irgendwelche Wahrheiten an den Kopf: Die «Wahrheit» ist sowieso das Lieblingsmantra dieser Gesellschaft.

Die Hauptperson ist in der Lesart der polnischen Schauspielerin Danuta Stenka ein suizidales Wrack. Ihrem morbiden Charme verfallen nicht nur die Männer reihenweise: Alle sehnen sich nach ihrer Aufmerksamkeit. Doch sie richtet den Blick ins Leere – und sieht ihren ertrunkenen Sohn vorbeiziehen, mit dem Y-Schnitt der Obduktion auf der Brust (Vincent Basse), wieder und wieder. Hier kann auch der Psychiater (Gottfried Breitfuss) nichts ausrichten, in dessen gläsernen – demonstrativ transparenten – Warteräumen die Familienmitglieder oft herumhocken, ihre Häme auskotzen und ihr Unglück.

Der Doktor im Glaskasten (Gottfried Breitfuss) kanns auch nicht richten.

Das Ensemble hat einen Text aus eigenen und Tschechow-Zeilen entworfen, der auf die Dienerfiguren des 19. Jahrhunderts verzichtet: eine Überschreibung mit Elan. Sie powert Tschechows komische Brutalität in einen aggressiven Witz hinein, der besonders zwischen Heinz und Ljubas Schwager – und Möchtegern-Mann – Leo spielt, dem Michael Neuenschwander eine offensive Bräsigkeit verleiht. Alle haben sie hier der Gegenwart aufs dreckige Maul geschaut und ins erkältete Herz. Doch die einzige Aktualisierung, die bemüht wirkt, «too much», um den Sprech der Aufführung zu wahren, ist der Verweis auf den Holocaust.

Am Schluss bleibt, ins halbgare Happyend samt falschem Champagner hineinkomponiert, die Düsternis des Daseins. Babs hat den Schlüssel fürs Gut abgegeben, wo die Mutter umgeht. Oder ihr Geist. «Seltsames Gefühl, das Leben ist vorbei», stellt Ljuba fest. «Als hätte ich nie gelebt. Seltsam.» Und mitten in der Schwärze hat man das seltsame Gefühl, als hätte man voll mitgelebt in diesen drei Therapiestunden.

Erstellt: 15.12.2019, 15:37 Uhr

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