Egoismus recht(s) verstanden

Das Schauspielhaus Zürich bringt «Der Streik» auf die Bühne. Die Romanvorlage dazu polemisiert gegen sozialstaatliche Errungenschaften. Darf man das?

Die kühle Eisenbahnkönigin Dagny Taggart, gespielt von Alicia Aumüller, wird, wie andere Reiche, von der parasitären Umverteilungs-Politik geknechtet. Foto: Gina Folly

Die kühle Eisenbahnkönigin Dagny Taggart, gespielt von Alicia Aumüller, wird, wie andere Reiche, von der parasitären Umverteilungs-Politik geknechtet. Foto: Gina Folly

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Das hat es lange nicht mehr gegeben: Eine Produktion am Zürcher Schauspielhaus ist Stadtgespräch. Co-Intendant Nicolas Stemann bringt den Roman «Atlas Shrugged» der russisch-amerikanischen Philosophin Ayn Rand als Musical auf die Bühne, und die Feuilletonisten debattieren munter: «Pulp Fiction für Libertäre» («Republik»), «stalinistisches Musical zu Ehren des Kapitalismus» (WOZ), eine «Reichen-Revue für Zürich» (NZZ).

Schon der Stoff ist umstritten: Der Roman gilt als Bibel der Libertären und Silicon-Valley-Tycoons. Er birgt eine radikale Polemik gegen sozialstaatliche Errungenschaften. Darf man solchem Stoff eine Bühne geben?

Man darf und soll sogar. Will Theater relevant sein, muss es Debatten aufgreifen und auslösen. «Der Streik» (wie der Roman in der neuesten Übersetzung heisst) gehört zu den einflussreichsten Büchern der Geschichte und verkauft sich nach wie vor millionenfach. Ayn Rand verteidigt darin ihre Idee des «rationalen Egoismus»: Was geschähe, wenn nicht die 99 Prozent streikten, die klagen, zu kurz zu kommen, sondern das obere eine Prozent der Eliten?

 Rands Kernanliegen ist eine Verteidigung eines Egoismus, der danach trachtet, unbenommen das eigene, individuelle Leben zu leben.

Nichts Gutes, meint Rand. Der Titel «Atlas Shrugged» – «Atlas zuckte mit den Schultern» – spielt auf den griechischen Titanen Atlas an, der das Himmelsgewölbe schultert. In Rands kapitalistischer Kampfschrift ist das obere eine Prozent der wahre Titan unserer Gesellschaft: Lässt er seine Arme sinken, bricht das Himmelsgewölbe über uns allen zusammen.

Solch eine radikale Attacke gegen den Sozialstaat wagt Stemann freilich nicht ernsthaft in Szene zu setzen. Er verpackt sie in eine Satire. Wer Ayn Rands Werk auf eine staatskritische Polemik reduziert, wie in der Rezeptionsgeschichte zuhauf geschehen, verschenkt allerdings einiges.

Liest man die Philosophin nicht staatstheoretisch, sondern moralphilosophisch und befreit man ihre Ideen von den Vereinnahmungen ihrer zweifelhaften Verehrer, stösst man auf Bedenkenswertes. Ihr Kernanliegen ist eine Verteidigung des Egoismus – freilich eines Egoismus, der nicht dominieren will und im Sieg über andere seine Erfüllung findet, eines Egoismus, der danach trachtet, unbenommen das eigene, individuelle Leben zu leben.

Wie lässt sich das Gewicht dieser Welt ertragen und zugleich der Sehnsucht Raum geben, ein eigenes Leben zu leben? Das ist die eigentliche Frage unserer Zeit.

John Galt, der Held des Romans, weigert sich rundweg, sich für grosse Ideen anderer einspannen zu lassen: «Bei meinem Leben und meiner Liebe zum Leben schwöre ich, dass ich niemals um eines anderen Menschen willen leben werde, noch von einem anderen verlangen werde, um meinetwillen zu leben.» Als unabhängiger Freigeist genügt sich Rands glücklicher Mensch selbst.

Die moralphilosophischen Anliegen der streitbaren Philosophin werden selten besprochen. Sie wären aber gerade für ein Verständnis der um sich greifenden Depressivität angesichts des Klimawandels hilfreich. Das Deprimierende an der Klimakrise ist ja nicht nur, dass uns mehr und mehr die Hoffnung abhandenkommt, dass sich die dramatischen Folgen noch abwenden lassen. Deprimierend ist ebenso, dass die Klimakrise tief in unser aller Leben eingreift und Lebensstil, Reisepläne, Konsumwünsche, Berufsziele, Familienplanung hinterfragt. Unsere gesamte Existenzweise steht zur Disposition und muss sich an der einen Idee messen lassen: Dient es der Rettung dieses Planeten?

Das Individuum, das seinen eigenen Zielen gehorchen und sein eigenes Leben führen will, schlägt blind um sich angesichts dieser Vereinnahmung. Es schimpft die Klimabewegung «totalitär» und verteidigt stur seine Freiheitsräume. Es realisiert, dass es selber zu Atlas geworden ist, weil wir entweder dieses Problem gemeinsam stemmen oder unter dem Klimawandel kollabieren. Die eigentliche Frage unserer Zeit lautet deshalb: Wie lässt sich das Gewicht dieser Welt ertragen und zugleich der Sehnsucht Raum geben, ein eigenes Leben zu leben? Auch diese Frage schlummert in Ayn Rands Philosophie. Sie zu beantworten, wäre ganz grosses Theater.

Erstellt: 20.01.2020, 21:22 Uhr

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