Männer, diese «verdammten Dings»

Sibylle Berg führt am Theater Neumarkt erstmals Regie – und verliert dabei die Orientierung in ihrem eigenen Stück.

Einfach sein – auch wenn es so schwierig ist: Caroline Peters und Marcus Kiepe in «How to Sell a Murder House». Foto: Niklaus Stauss

Einfach sein – auch wenn es so schwierig ist: Caroline Peters und Marcus Kiepe in «How to Sell a Murder House». Foto: Niklaus Stauss

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Dieser Abend ist einer für die Fans – und dies gleich in doppelter Hinsicht. Denn für einmal hat Sibylle Berg, einer der meistgekreischten Namen in den sozialen Netzwerken, nicht nur den Text zu einem Theaterabend geschrieben, sondern gleich auch die Regie übernommen. Als Vorgang ist dies durchaus bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie marginal das Autorentheater geworden ist. Die wirklich interessanten Bühnenwerke entstehen heute als Projekte, während die Stadttheater mit den alten Stücken von Shakespeare, Schiller und Co. ihre Säle füllen – und damit die heutigen Theaterautoren ausknocken.

Sibylle Bergs Regie könnte man also als offensive Verteidigung des Autorentheaters verstehen. Ganz sicher ist es aber ein Novum im Œuvre der 53-Jährigen (beziehungsweise eine Steigerung gegenüber Stuttgart, wo die Neoschweizerin vor zwei Jahren die Co-Regie bei einem ihrer Stücke übernommen hatte). Berg-Fans dürfen also aus dem Häuschen sein, wenn sie sich im Neumarkt «How to Sell a Murder House» angucken. Nicht zuletzt, weil die regieführende ­Autorin sich auch in ihrer Doppelrolle thematisch treu geblieben ist, wie ein weiblicher Berg-Fan am Premierenabend meinte. Denn auch in «How to Sell a Murder House» geht es um die «verdammten Dings, sag schon», ja genau: um Männer. Naturgemäss als ominöse Gattung, um die es gemeinhin schlecht bestellt ist, wenn man der Ratgeber-, Kolumnen- und sonstigen Heftchenliteratur glauben will.

Aller Regieanfang ist schwer

In der Zukunft, in welcher Bergs Stück spielt, sind die verdammten Dings noch viel prekärer dran als in unserer Gegenwart. Mehrere Millionen Männer würden aufgrund «belastender beruflicher Belastung» Suizid begehen. Und nicht weniger würden krepieren – «aus emotionalen, gleichsam sexuellen Gründen. Sie erdrosseln sich in Schränken bei auto­erotischen Spielen, sie verenden an gebrochenem Herzen. Oder werden Opfer häuslicher Gewalt. Das ist sehr bedauerlich», erklärt in Bergs Stück ein vierköpfiger Chor aus Waldrappen, einer seltenen Vogelgattung, die ihrerseits vom Aussterben bedroht ist. So kommentarbedürftig ist dieses Stück, das seinen nihilistischen Anteil mit der Putzigkeit von Tieren und mit der einen oder anderen Überdrehung aus dem Handwerkskasten der Komik auffängt, dann doch.

Auf der Bühne wird Bergs Männer-chose in insgesamt vier Kapiteln angerichtet; als Zugabe kommen noch ein Vor- und ein Nachspiel hinzu, in denen es tatsächlich um den Verkauf des im ­Titel erwähnten «Murder House» geht. Aber im grossen Ganzen spielt der Hausverkauf dann doch keine tragende Rolle in diesem «getanzten Immobilienport­folio», wie Berg ihr Stück neckisch nennt. Und auch Caroline Peters und Marcus Kiepe als Bergs Frau und Mann sind nicht viel mehr als Aufsagefiguren, die das Kolumnenmaterial des Stücks ans Publikum abzugeben haben. Währenddessen schiebt die Autorin ihre am Computer entworfenen Textträger im gestaffelten Grundraum von Janina Audick wie in einer Puppenstube hin und her, vom Birkenwald am Bühnenhorizont über die Podesterie in der Mitte bis hin zur erdigen Vorderbühne. Immerhin dürfen sie dabei mit den von Tabea ­Martin choreografierten Ticks gegen jedwede Psychologie anzappeln, während die atmosphärischen Zürich-Videos von Kathrin Krottenthaler ein Gefühl von Geborgenheit zu geben vermögen.

Die Tatsache, dass aller Regieanfang offensichtlich schwer ist, lenkt aber nur wenig von der abendfüllenden Frage ab, ob Sibylle Berg ihr Stück nur dafür geschrieben hat, um wirklich alle Klischees über die Dings aufzufahren («Du pinkelst im Stehen»), damit wir Männer uns als blödes Phantasma erleben können. Nein, Bergs jüngstes Werk will dann offensichtlich doch etwas mehr sein. Im Grunde genommen ist es sogar ein positives Stück, zumindest dann, wenn die Frauenfigur ihrem männlichen Widerpart mal verbal über den Kopf streicheln darf: «Du muss nicht mehr nach einer Inselbegabung suchen oder nach jüdischen Grossvätern», heisst es da. «Du musst auch nicht mehr, um eine interessante Bisexualität aufzuweisen, Männer küssen, deren Bärte sich in deiner Fensterglasbrille verfangen. Du kannst einfach sein.»

Rausch des Kolumnenhaften

Einfach sein! Das ist offensichtlich das Mantra dieses Abends, dem Berg aber alle Kraft nimmt. Wobei dies wesentlich mit dem Text zu tun hat, der trotz thematischer Triftigkeit eines dieser Panoramastücke ist, die in wilden Kameraschwenks über die Gegenwartslandschaft irren. Da ist vom Sport als Symptom des blödsinnigen Leistungsfaschismus die Rede, was ja durchaus noch zu Bergs Mantra-Motiv passt.

Neben all dem gibt es dann aber doch allzu vieles, was einfach nicht im Thema des Abends aufgehen will. So etwa, wenn die Bühne vor uns als Ort behauptet wird, «wo die sexuellen Beziehungen der Bewohner mindestens ein Tier beinhalten»; ein wenig später wird der Tod als das Weiterleben im Internet beschrieben – «nur ohne Netz und ohne Weiterleben». Und da die Uraufführung von Bergs «Murder House» auf helvetischem Boden über die Bühne geht, ist naturgemäss auch von eidgenössischer Politik die Rede: «Das Ausfüllen der Abstimmungszettel hat mir so ein Gefühl gegeben», sagt er. «Fast wie...» – «Macht?», fragt sie. – «Ja, genau», meint er. – «Das war die Idee», weiss sie.

Angesichts von Bergs wildem Galopp durch die Gegenwartslandschaft geht die Kohärenz ziemlich bald stiften; die Komik kommt kaum über einen träfen Einzeiler hinaus, dann wird das Thema gewechselt. Und so verzwergt Berg sich selbst und das, was sie zu sagen hätte, allzu rasch im Rausch des Kolumnen­haften, in dem sie offensichtlich jede Orientierung verloren hat, die sie uns doch geben will. Es war halt ein Abend für die Fans. Und nicht einer für all jene, die es noch hätten werden können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2015, 17:32 Uhr

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