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Ein Autor bedient sich am Buffet

Christoph Marthaler plagiierte Christa Rigozzi, eine Klage hätte gute Chancen. Da stellen sich ein paar schwierige Fragen.

Bekam den «Nobelpreis des Theaters»: Bühnenkünstler Christoph Marthaler. Foto: Sven Simon (Imago)
Bekam den «Nobelpreis des Theaters»: Bühnenkünstler Christoph Marthaler. Foto: Sven Simon (Imago)

Christoph Marthaler ist der berühmteste Schweizer Theatermacher. Vor ein paar Monaten bekam er den Ibsen-Preis, den «Nobelpreis des Theaters». Letztes Jahr lief sein Stück «Mir nämeds uf öis» im Zürcher Schauspielhaus, es war Marthalers umjubeltes Comeback in diesem Haus. Das Stück handelt von einem Ablasshandel, eine Firma erleichtert Reiche um ihre Sünden und auch um etwas Geld. Marthaler lässt eine Mitarbeiterin der Firma Folgendes sagen:

«Wenn ich ankomme, trinke ich erst Wasser mit Kohlensäure. Zum Anregen und um sicherzustellen, dass der Wasserhaushalt stimmt. Dann nehme ich ein Glas Weisswein, mit dem ich die Runde mache und anstossen gehe. Bei zwei Gläsern Weisswein liegt die Grenze. Ich persönlich hasse bereits den kleinsten Kontrollverlust, möchte nicht einmal minimal betrunken sein an einem Apéro.»

Christa Rigozzi gab im Oktober 2017 in Tamedia-Zeitungen ein Interview. Es ging um Apéros. Rigozzi – Geschäftsfrau und Medienwissenschaftlerin, Moderatorin und Ex-Miss Schweiz – erklärte, wie sie sich an solchen jeweils verhalte. Sie sagte:

«Wenn ich ankomme, trinke ich erst Wasser mit Kohlensäure. Zum Anregen und um sicherzustellen, dass der Wasserhaushalt stimmt. Dann nehme ich ein Glas Weisswein, mit dem ich die Runde mache und anstossen gehe. Bei zwei Gläsern Weisswein liegt die Grenze. Ich persönlich hasse bereits den kleinsten Kontrollverlust, möchte nicht einmal minimal betrunken sein an einem Apéro. »

Diese und eine weitere Textstelle sind identisch. Das merkt jedoch nur, wer beide Texte kennt, Theaterstück und Zeitungsartikel. Fast alle Zuschauer dürften von einer raffinierten Textschöpfung Marthalers ausgegangen sein, mit der der Künstler die Dekadenz seiner Figur veranschaulichte. Denn Marthaler weist Rigozzi oder das Interview mit ihr nirgends als Quelle aus, weder im Stück noch im Programmheft.

Klage wäre wohl erfolgreich

Christoph Marthaler gibt den Fehler zu. Er lässt über seinen Dramaturgen Malte Ubenauf ausrichten: «Das hätte nicht passieren dürfen und tut uns aufrichtig leid.» Den Textquellenhinweis habe man leider vergessen. Würde Christa Rigozzi Marthaler wegen Urheberrechtsverletzung einklagen, stünden ihre Chancen hervorragend.

Das Gleiche gilt für den Knigge-Experten Christoph Stokar, der auf derselben Zeitungsseite über sein Apéro-Verhalten redet. Auch ihn zitiert der Theatermacher ohne Quellenangabe. Marthaler müsste wohl zahlen, mindestens einige Hundert Franken. Das ist allerdings nur die juristische Sicht. Künstlerisch ist die Angelegenheit komplizierter, viel komplizierter.

Das zeigt derzeit auch die verworrene Debatte ums neue Online-Urheberrecht, über welches das EU-Parlament heute abstimmt. Populäre Digitalkünstler, die sich per Copy/paste bei anderen bedienen, sehen ihre Arbeit und die Kunstformen des Internets bedroht. Jene andererseits, deren Werke ungefragt zu Memes verwurstet werden, hoffen darauf, dass künstlerisches Eigentum im Web künftig besser geschützt wird.

Christa Rigozzi wurde von Christoph Marthaler zitiert, aber ohne Referenz. Foto: Sabina Bobst
Christa Rigozzi wurde von Christoph Marthaler zitiert, aber ohne Referenz. Foto: Sabina Bobst

Wann ists noch Zitat und wann etwas ganz Neues? Wo beginnt der blosse Klau? Das sind grosse, zentrale Fragen der Kunst.

Auftritt Foucault

Rückblende. Vor genau fünfzig Jahren hält Michel Foucault in Paris einen Vortrag. Dessen Fragestellung und Titel lauten: «Was ist ein Autor?» Gleich zu Beginn des Referats dreht Foucault seinem Publikum einen ersten Knoten ins Hirn. Er zitiert Theatermacher Samuel Beckett, den Meister des Surrealismus: «Was liegt daran, wer spricht, hat jemand gesagt, was liegt daran, wer spricht?»

Michel Foucault, französischer Star-Soziologe mit Bestrafungs-Expertise, nimmt eine revolutionäre Perspektive auf Texte und deren Urheber ein. Die Idee vom Autor sei eine moderne Erfindung, damit jedem Text auch ein Verfasser zugeordnet werden könne. Auf diese Weise könne jemand verantwortlich gemacht werden für die Gedanken, die in einem Text geäussert würden. Sollten diese Gedanken von der Herrschaftsmeinung abweichen, könne die Herrschaft sie entsprechend bestrafen, nämlich am Autor ein Exempel statuieren. Autorinnen und Autoren sind bei Foucault vor allem bedauernswerte Sündenböcke, von «Diskursbegründern» wie Karl Marx oder Sigmund Freud einmal abgesehen.

Marthaler gibt den Fehler zu. Aufrichtig leid tue es ihm, sagt sein Dramaturg.

Für Foucault wäre ein Marthaler daher ein blosser Statthalter, durch den Diskurse kenntlich werden, ebenso eine Rigozzi, wenn sie sich in der Zeitung äussert. Zum Ende seines Vortrags entwirft Foucault die Utopie eines autorlosen Diskurses: Texte sollten sich entfalten «in der Anonymität eines Gemurmels». Die Frage, wer einen Text ursprünglich geschrieben hat, die Frage nach Originalität – sie war für Foucault veraltet. Keine Strafen mehr und keine Ibsen-Preise, und schon gar keine Urheberrechte.

Foucault vertritt in der Literaturgeschichte eine Extremposition. Auf der anderen Seite steht die Vorstellung vom Autorgenie, das ganze Welten aus sich selber schöpft. Ein extremes Beispiel dafür zeigt der Zürcher Germanist Philipp Theisohn in seinem Buch «Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte». Theisohn erzählt die Geschichte von Paul Albrecht, einem deutschen Professor des 19. Jahrhunderts.

Professor Albrecht war besessen von der Idee, Gotthold Ephraim Lessing der Unoriginalität zu überführen. Der Professor unterschied scharf zwischen «Eigenhirnigem» und «Fremdhirnigem». Was an Lessing gefalle, dem Autor des Theaterklassikers «Nathan der Weise», sei alles «fremdhirniges Erzeugnis». Albrecht sah Lessing bei Molière klauen und bei Luther, glaubte, einen besonders raffinierten Kleptomanen zu entlarven. Wenn eine seiner Überführungen etwas gar spekulativ ausfallen mochte, war das für ihn lediglich ein weiterer Beweis für die Durchtriebenheit des Geistesdiebs, dem er sich philologisch eng auf den Fersen wähnte.

1894 nahm Albrechts Plagiatsjagd dann allerdings ein jähes Ende, als sich der Professor vom obersten Stock seiner Villa in den Tod stürzte. Das war nach seinem sechsten Anti-Lessing-Band. Eigentlich hatte Albrecht zehn Stück davon geplant gehabt.

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Wen wunderts? Wer vom reinen, gänzlich unabhängig schaffenden Genie ausgeht, der muss vor Enttäuschungen und chaotischer Verwicklungen früher oder später verrückt werden. Irgendwoher müssen sie eben doch stammen, und von irgendwas müssen sie sich absetzen können, die Ideen, Stoffe und Formen, die sich Autorinnen und Autoren ausdenken – und sowieso die Wörter, ohne die es nicht geht und die in den seltensten Fällen «eigenhirnig» sein können.

Hätte sich Paul Albrecht mit Christoph Marthaler beschäftigt, hätte er wohl ein ähnlich übles Ende genommen. Eventuell hätten ihn die üblichen Collagen und Samples des zeitgenössischen Theaters sogar noch ein wenig früher in den Wahnsinn getrieben.

Auch dem einflussreichsten deutschsprachigen Theatermacher des 20. Jahrhunderts widmet Theisohn ein Kapitel. Bert Brecht sagte wie Marthaler, als er des Abkupferns überführt wurde, er habe die Erwähnung «leider vergessen» – und lieferte die Erklärung gleich nach: Das habe mit seiner persönlichen «grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums» zu tun. Wie Michel Foucault sinnierte Brecht von einer Copyright-freien Kunst. Er hielt säuber­liches Zuordnen von Zitaten und das Eigentumsrecht an sich für spätkapitalistische Marotten, die es alsbald zu entsorgen galt.

Anruf bei Rigozzi

Und Christoph Marthaler? Seine Stücke seien stets eine Mischung aus Selbstgeschriebenem und Zitaten, erklärt Dramaturg Malte Ubenauf. Wobei nur unterscheiden kann, wer die Programmhefte liest – und das Christa-Rigozzi-Zitat ja eben nicht einmal dort zu finden ist. Wer bei Marthaler genau was zuliefert oder schreibt, ist unklar. Mal stammt eine Textstelle von Marthaler selber, mal vom Dramaturgen, mal von einem Schauspieler, mal wieder von jemand ganz anderem wie Rigozzi.

Auf «labyrinthischen Wegen» sei das Rigozzi-Zitat ins Stück gekommen, erklärt Ubenauf. Wer vom Team es kopiert habe, sei leider nicht mehr rekonstruierbar. «Ich meine, es war Marthaler selber, der mit dem ‹Tages-Anzeiger› und der Rigozzi-Seite auf die Probebühne gekommen ist. Sicher bin ich mir aber nicht.» Auch wenn bei Marthaler vieles im Kollektiv entsteht, ist sein juristisches Verständnis der Autorschaft konservativ. Christoph Marthaler habe keinerlei Absicht, Urheberquellen unkenntlich zu machen und das Urherberrecht zu revolutionieren, versichert auch Dramaturg Ubenauf.

Womit wir zurück wären bei den Paragrafen der Juristerei. Anruf bei Christa Rigozzi. Ob sie Marthaler nun verklage? Der Manager geht ans Telefon, lässt ausrichten: Klar, hier liege definitiv eine Urheberrechtsverletzung vor. Verklagen werde man Mar­thaler aber nicht. Dass Rigozzi in einem Mar­thaler-Stück zitiert werde, sei doch vor allem eins: ziemlich amüsant.

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