Ein langes Fest ist zu Ende

Sandro Lunin verabschiedet sich als künstlerischer Leiter des Theater Spektakels – mit guter, aber nicht glänzender Bilanz.

Hat das «Theater der Welt» auf die Landiwiese gebracht: Sandro Lunin. (Foto: Christian Altorfer, Zürich)

Hat das «Theater der Welt» auf die Landiwiese gebracht: Sandro Lunin. (Foto: Christian Altorfer, Zürich)

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Der schlaksige Mann mit dem Lockenschopf und das zwergwüchsige Wesen mit dem glatten Haar schwofen im schummrigen Zelt. Die Discokugel flimmert, und das Publikum kreiselt zur Zwergentür; Bücken ist angesagt. Es ist der letzte Walzer für Sandro Lunin: Der künstlerische Leiter des Theater Spektakels, der zehn Jahre die Strippen zog, wird geführt und geschrumpft wie wir alle im Projekt «Mother» des Japaners Kuro Tanino. «Mir wurde richtig schwindlig», lacht Lunin danach: Er ist einer, der mittanzt, ohne Allüren. Der bereit ist für die vielseitigsten Versuche, Gegenwart in Kunst zu fräsen, Welt ins Theater zu bringen. Umgekehrt holt er das «Theater der Welt» aus fünf Kontinenten nicht nur auf die Landiwiese, weil Ethno schick ist – auch wenns bisweilen so aussieht.

Dass die Versuche auch mal in die Binsen gehen wie, bei allem Goodwill fürs psychoanalytische Symboltheater mit Darstellern in Kindergrösse, die Arbeit Taninos: Dies riskiert der Zürcher Theatermann aus Prinzip. Die Essenz des 1980 gegründeten Festivals sei erhalten geblieben, dazu zähle auch das Bekenntnis zum Experiment, findet Lunin. Das Theater Spektakel hat immer wieder Künstlern eine Chance gegeben, die sich dann später international durchsetzten.

Ungebrochenes Interesse

Als Mitglied der Programmkommission hatte Lunin Zürichs «5. Jahreszeit» bereits von 1993 bis 1998 mitgestaltet. Jetzt schaut er auf seine Dekade zurück, in der junge, urbane Künstler aus Afrika, Lateinamerika, dem Fernen oder dem Nahen Osten ebenso ihren Platz im Programm hatten wie grosse europäische Namen, etwa Milo Rau, Alain Platel oder Kornel Mundruczo. Letzterer setzte der nun zu Ende gegangenen 38. Festivalausgabe mit «Imitation of Life» das Glanzlicht auf: Mundruczo zeigte, wie politisches Theater funktionieren kann, das weiss, dass direkte Weltveränderung ein Wunschtraum ist, dass sentimentale Empörung Kitsch und dass Agitprop-­Attitüden diskreditiert sind. Wie multimediales Theater funktionieren kann, das weiss, dass der Livecam-Gebrauch kein ästhetischer Selbstzweck ist und «Realität» in Anführungszeichen noch keine theatrale Revolution.

Nicht allen Künstlern gelang es, den gesellschaftspolitischen Anspruch überzeugend zu dramatisieren. Oft haperte es an der ästhetischen Konsequenz; der Qualität. Begeistert war die Jury aber vom Warschauer Gehörlosenstück «Eine Geste» des Nowy Teatr: Es erhielt den mit 30 000 Franken dotierten ZKB-­Förderpreis. Der Anerkennungspreis (5000 Franken) ging ans kurze Solo der malischen Tänzerin Fatoumata Baga­yoko über Genitalbeschneidung. Und das Publikum ehrte den mexikanischen Cross-Dressing-Performer Lukas Avendaño für «No soy persona. Soy mariposa» (10 000 Franken).

Die 26 000 zahlenden Zuschauer ­belegen das ungebrochene Interesse ebenso wie die Auslastung der Vorstellungen mit 86 Prozent (Vorjahr: identisch), die über den budgetierten 75 Prozent liegt. Die 130 000 Wiesen-Besucher bedeuten eine Steigerung von 10 000 gegenüber Vorjahr; wegen der Wetter­extreme kamen die Gastrobetriebe wohl dennoch nicht auf ihre Rechnung. Dass bei 50 Produktionen aus knapp 40 Ländern nicht jede vom Hocker reisst, überrascht nicht. Überhaupt ist eine gewisse Überraschungsfreiheit wohl jener Makel, den eine kontinuierliche, stabile Leitung, die ihre Künstler pflegt, zwangsläufig entwickelt. Zehn Jahre sind eine guter Zeitraum, um Entdeckungen treu zu fördern – und ein guter Moment fürs Abklatschen. Alles Walzer!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2017, 19:11 Uhr

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