«Ein Schandfleck in eurem Lebenslauf!»

Vor der Alvis-Hermanis-Premiere am Schauspielhaus im Januar hat ein Sprayer seinem Ärger darüber Luft gemacht.

Dieses Graffito wurde in der Nacht auf Montag an den Bauzaun beim Erweiterungsbau des Kunsthauses gesprüht.

Dieses Graffito wurde in der Nacht auf Montag an den Bauzaun beim Erweiterungsbau des Kunsthauses gesprüht. Bild: Schauspielhaus Zürich (PD)

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Am 25. Januar 2018 wird am Pfauen «Hundeherz» nach dem Roman von Michail Bulgakow gezeigt – Regisseur und Bühnenbildner ist der 1965 in Riga geborene Theatermann Alvis Hermanis. Das freut offenbar nicht alle: In der Nacht auf Montag wurde sowohl auf die Wand des Schiffbaus als auch auf den Bauzaun beim (gleichfalls umstrittenen) Erweiterungsbau des Kunsthauses ein Hermanis-kritisches Graffito gesprüht. Jenes am Schiffbau hat das Schauspielhaus prompt entfernt. Das am Bauzaun jedoch, der turnusgemäss erst in 14 Tagen wieder überstrichen werden soll und den jeder Pfauenbesucher sieht, ist noch zu lesen: «Liebe Mitarbeitende des Schauspielhauses, Alvis Hermanis ist ein Schandfleck in eurem Lebenslauf! Freundliche Grüsse Hendrik Höfgen». Mit dem Einverständnis des Kunsthauses hat das Schauspielhaus auf ebendieser Plattform eine Replik zurückgesprüht: «Unser Kommentar dazu auf www.schauspielhaus.ch».

Dort, auf der Website, heisst es: «Das Schauspielhaus Zürich teilt die politischen Ansichten von Alvis Hermanis nicht und hat ihm dies nach Veröffentlichung der umstrittenen Äusserungen (2015) mitgeteilt. Wir sind aber auch der Meinung, dass disparate Positionen nicht zum Bruch von langjährigen künstlerischen Partnerschaften führen dürfen. Redeverbote, die den Ausschluss von Personen aus einem öffentlichen Raum wie dem Theater zur Folge haben, halten wir für falsch.» Und man verweist auf die Veranstaltung «Meet Your Enemy», einen Diskussionsmarathon am 20. und 21. Januar im Schiffbau. Hier können sich die Stadtbewohner an einen Tisch mit Menschen setzen, die das Heu nicht auf derselben Bühne haben, und in schönster englischer Debattierclub-Tradition gegen sie an argumentieren. «Wir ziehen diese Form der Debatte vor», schreibt das Schauspielhaus.

Um welche Heubühnen gehts bei Hermanis? Spätestens der Name Hendrik Höfgen macht klar: Da warnt einer vor der vermeintlichen politischen Scheuklappenpolitik am Schauspielhaus. Höfgen ist in Klaus Manns Roman «Mephisto» – 2016 am Pfauen inszeniert – die nur wenig verhüllte Figur des Schauspielers Gustaf Gründgens; ein opportunistischer Clown der braunen Macht. Und der Lette Hermanis war im Dezember 2015 ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, als er, unter dem Eindruck des Terrors in Paris, eine am Thalia-Theater in Hamburg geplante Produktion aus fremdenfeindlichen Gründen absagte. Er sprach davon, dass er auf keinen Fall Teil der Willkommenskultur am Thalia sein wolle – die den Terror begünstige. Man solle endlich die Verbindung zwischen Einwanderungspolitik und Terrorismus zugeben. Er halte seine Ansichten nicht für radikaler als die der Mehrheit in Europa. «Wir unterstützen den Enthusiasmus, die EU-Grenzen für unkontrollierte Einwanderung zu öffnen, nicht. Besonders in Osteuropa verstehen wir diese Euphorie nicht», unterstrich er.

Wenig überraschend – und durchaus zu Recht – hagelte es damals Kritik an Hermanis. Und es wurde auch diskutiert, ob hiesige Bühnen ihn überhaupt noch willkommen heissen sollten. Hermanis inszenierte aber weiterhin an wichtigen Häusern wie 2016 am Grossen Festspielhaus in Salzburg und an der Mailänder Scala oder heuer an der Wiener Staatsoper. Auch das Schauspielhaus Zürich führte die Zusammenarbeit mit ihm fort und zeigte im Februar 2017 am Pfauen Alvis Hermanis’ «Madame de Sade». Die Arbeit wurde vom Feuilleton sehr ungnädig aufgenommen: Hermanis' Kunst war auch qualitativ ein Problem.

Warum erst jetzt der Protest? Mit «Hundeherz» ist Hermanis’ zweite Arbeit am Schauspielhaus seit dem grossen Streit in Vorbereitung. Dass die Graffiti-Aktion eine verdeckte raffinierte Werbeaktion für die Inszenierung oder den Diskussionsmarathon sei, wie manche vermuten, bestreitet die Pressestelle der Bühne vehement.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 15:52 Uhr

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