Ein steter Kampf, wohin man schaut

Der katalanische Regisseur Calixto Bieito bringt am Theater Basel «Oresteia» überzeugend auf die Bühne.

Es geht um Schuld und Sühne auf der kargen Bühne. Foto: Sandra Then

Es geht um Schuld und Sühne auf der kargen Bühne. Foto: Sandra Then

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Schuld türmt sich gen Himmel, wird wie Ziegelstein um Ziegelstein zu einer hohen, unüberwindbaren Mauer geschichtet und verheert das Herrschergeschlecht auf Mykenes Thron. Der Mythos vom Fluch der Atriden ist wie geschaffen für Calixto Bieito. Sein Renommee hat sich der katalanische Star- und Skandalregisseur mit expliziten Inszenierungen voller Blut und nackter Haut erarbeitet. Doch wer dahinter das Aufmerksamkeit heischende Kalkül eines Provokateurs vermutete, wurde in Basel eines Besseren belehrt.

Schon bald anerkannte die Kritik, dass Bieitos Gewaltorgien sehr präzise auf Texte reagieren und hellhörig den Partituren abgelauscht werden. Seine extremen Interpretationen sind durchaus in den Werken selbst angelegt, die er sich vornimmt.

Noch in Arbeit

Ein Blick auf das schlichte Bühnenbild zur «Oresteia» bestätigt dies: eine leere, aus grob gearbeiteten Holzdielen gezimmerte Bühne, worauf lediglich zwei Podeste für die Basel Sinfonietta platziert sind. Sägemehl bedeckt den Boden und prägt das Raumklima auch olfaktorisch. Hier wird nichts Fertiges oder Abgeschlossenes präsentiert; der Lauf der Geschichte ist noch in Arbeit.

Das passt zur Tragödie von Aischylos, die den Mythos vom Muttermörder Orest verarbeitet, und das passt zur Bühnenmusik von Iannis Xenakis. Der im Exil verstorbene griechische Komponist fand in diesem Urtext des Theaters die Vorlage, um sich mit der Heimat und seiner gebrochenen Beziehung zu ihr auseinanderzusetzen. Dementsprechend gebrochen ist auch die Entstehungsgeschichte der Musik: Es wurde viel umgearbeitet und ergänzt.

Der Musik selbst ist ihre Genese nicht anzumerken. Die Partitur ist die zugänglichste, am wenigsten «moderne» in Xenakis’ Œuvre. Da erklingen orientalisch anmutende Melodien in den Bläsern, und der sonst so geharnischt auftretende Schlagzeugapparat pocht und pulsiert beschwingt. Die für den Komponisten typische Aggressivität strahlt vor allem der omnipräsente Chor aus. Er singt nicht nur, er zischt, stampft und lässt die Gürtel knallen. Indem er die Stimmung prägt, wird er vom Kommentator zum Akteur. Bieito hat hier gut zugehört und lässt die Sänger komplett die Bühne besetzen. Die Schauspieler agieren mehrheitlich dazwischen, müssen sich den ihnen gebührenden Raum erkämpfen.

Emotionales Gewicht

Damit ist das entscheidende Stichwort gefallen. Die einzelnen Elemente des Musiktheaters befinden sich in einem steten Kampf um die Vorherrschaft. Dabei legt die Musik ein enormes emotionales Gewicht in die Waagschale. Am eindrücklichsten in «Kassandra», dem beinahe schon schizophrenen Monolog der dem Tode geweihten Seherin. Wie der Bariton Holger Falk die hochexpressiven, ungemein virtuosen, in höchstem Register zu singenden Passagen meistert, ist sensationell.

Neben ein wenig Blut und Sex setzt Bieito dem vor allem eine an die Grenzen der Verständlichkeit gehende Deklamation der Schauspieler gegenüber. Myriam Schröder als Klytemnestra schreit, geifert, grunzt und mit ihr das gesamte Ensemble. Zuweilen ist man froh über die eingeblendete englische Übersetzung. In diesem antagonistischen Kampf geht jedoch der Text von Aischylos etwas unter. Das mag man bedauern oder nicht. Sicher ist, Bieito hat genau zugehört, vor allem der Musik.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2017, 18:35 Uhr

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