«Ein wenig muss man für den Job im Kampfmodus sein»

Heute noch eine letzte Premiere, dann geht Peter Kastenmüller, Co-Leiter des Neumarkt-Theaters. Er blickt zurück auf sechs Jahre in Zürich, wo er sich nach Verrissen auch mal einsam fühlte.

«Ich muss heim, mich um den Nazi-Mist kümmern»: Intendant Peter Kastenmüller. Foto: Dominique Meienberg

«Ich muss heim, mich um den Nazi-Mist kümmern»: Intendant Peter Kastenmüller. Foto: Dominique Meienberg

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Sie waren erst eine Saison hier, als wegen gesunkener Zuschauerzahlen die Abschaffung des Neumarkts gefordert wurde. Ein Schock?
Ralf Fiedler und ich waren schon sehr überrascht über die Form und Vehemenz der Debatte, die damals über uns hereinbrach. Rückblickend muss man sagen: Super, dass diese Fundamentalkritik am Anfang kam, da konnte man reagieren. Und auch agieren. Prinzipiell ist für mich die Abschaffung des Neumarkt-Theaters unvorstellbar.

Wieso?
Weil Zürich da über eine Win-win-Situation verfügt: Man hat ein superflexibles Haus und neben dem Schauspielhaus ein zweites fixes Ensemble; das alles abgestützt durch eine Volksabstimmung. Das schafft maximale künstlerische Freiheit, was für die Stadt nur ein Gewinn ist. Und weil das Neumarkt kein grosser Dampfer ist, kann es schnell reagieren, etwa kurzfristig «Die Hauptstadt» von Robert Menasse ansetzen – was für mich ein absolutes Highlight war. Das Haus ist ein Spitzenort für ein Theater, das politische, aktuelle Themen aufgreifen will. Für mich wars ein perfekter Schlitten. Alles war möglich: Stadtprojekte, dokumentarisches Theater, ausufernde Narration. Was kann man mehr wollen?

Aber mit politischem Theater gibts auch Ärger. So bei der «Entköppelung» von Philipp Ruch, die gar eine Subventionskürzung zur Folge hatte.
Dunkle Stunden gehören zur Theaterleitung dazu; auch wenn es ein grandioser Job ist, der mein Leben geprägt hat. Aber die Causa Ruch war wirklich nicht die schlimmste. War doch ordentlich was los, oder?

Was war denn schlimmer?
Eher Phasen, wo man sich ausgelaugt fühlt oder künstlerisch etwas nicht gelingt. Es ist auch hart, hier mit schlechten Kritiken umzugehen: Da kann man in Zürich sehr einsam sein. Oft wird man zum Reagieren auf Negatives aufgefordert; meine Strategie ist da: sich ins Agieren bringen. Aber für Jammerpodien über kulturpolitische Endlosschlaufen bin ich nicht zu haben. Auch wenn ich – wenn unsere Technik zum hundertsten Mal Requisiten die Treppen rauf- und runterbeförderte – schon mal gesagt habe: «Sprengt den Kasten in die Luft!»

«In Zürich besteht die Gefahr, dass man zu lange hierbleibt. Bisweilen muss man das Paradies verlassen.»

Ex-Schauspielhaus-Chef Matthias Hartmann geisselte das harte Pflaster Zürichs. Er sagte, es sei keine theateraffine Stadt.
Ach, ich kanns nicht mehr hören. Als ich an den Münchner Kammerspielen arbeitete, war das auch kein Zuckerschlecken. Und Wien ist die Hölle, selbst wenn der Theaterbesuch da noch zum Standardprogramm des Bildungsbürgers gehört. Es fällt einem keiner um den Hals wie einem verloren geglaubten Bruder, sondern man muss sich beweisen, mit der künstlerischen Arbeit ins Gespräch bringen. Kunst behaupten heisst auch, bestimmte Widerstände aufzulösen. Damit fängts eigentlich erst an. Ein wenig muss man für den Job auch im Kampfmodus sein, sonst wird es zu gemütlich.

Zu gemütlich?
Das ist gerade in Zürich eine Gefahr. Manche sind zu lang hier: Bisweilen muss man das Paradies verlassen. Als Theatermensch muss man die Welt ins tägliche Leben hineinlassen.

Welche Welt wird das für Sie ab Sommer sein?
Meine Lebensgefährtin, die Schau­spielerin Hilke Altefrohne, lebt schon seit einem Jahr mit den beiden Kindern, die heute sechs und zwölf Jahre alt sind, in Berlin – weil für den Grösseren dort das Gymnasium anfing; der hiesige Waldkindergarten unserer Tochter fehlt uns sehr. Es zeichnete sich ab, dass wir Berlin wieder zu unserem Lebensmittelpunkt machen, wo seit Jahrzehnten unser soziales Umfeld ist. Allerdings habe ich bereits auch eine Inszenierung am Residenztheater in München abgemacht. Ich sag mal: Ich muss heim, mich um den Nazi-Mist kümmern.

Hat sich hier viel verändert in den sechs Jahren?
Ich empfinde die Welt 2019 als eine andere als 2013. Auch in der Schweiz. Allein schon die Medien: Das ist eine total andere Realität geworden. Den Druck auf sie spürt man enorm als Kulturinstitution, die auf Berichterstattung hofft. Oft gehts um Pseudo-Skandalisierungen. Auch in der Szene erleben wir gerade eine Reorganisierung, die Jungen rücken nach: Gut so! Das Frauen-Trio, das ans Neumarkt kommt, ist eine tolle Wahl.

Stichwort Reorganisation: Zwei Prozent des Budgets des Theaters Neumarkt sollen zur freien Szene umverteilt werden.
Ich finde eine grosszügige Konzeptförderung für die Freien elementar: Die dort herrschenden beschränkten Möglichkeiten haben eine Auswirkung auf die Qualität. Die brauchen andere Rahmenbedingungen, Planungssicherheit. Das Neumarkt als solches bleibt ja unangetastet, das ist entscheidend. Und Koproduktionen mit freien Gruppen werden leichter gemacht: Das ist alles positiv zu werten, mehr noch: ist eine zukunftsweisende Überlebensstrategie.

Was brauchte das Neumarkt, idealerweise?
Hmm. Bissl mehr Luft nach oben im Theatersaal, eine höhere Decke, wäre schon genial.

Was nehmen Sie vom Neumarkt mit?
Für mich persönlich wars eine Art Neuentdeckung des Ensembles. In dem kleinen Raum hier erhält der Schauspieler viel mehr Gewicht! Wir haben alle Stücke für unser Personal zurechtgeschrieben. Die Spielerinnen und Spieler haben durch ihre Kunst die relevanten Inhalte transportiert. Ich habe erfahren, was Kollektivität und Ensemble-Verlässlichkeit bedeuten können. Das kristallisierte sich allmählich heraus und band auch das Publikum, viel besser als die disparateren Formate.

Was legen Sie den Zürchern ans Herz?
Was mir auffiel, ist, dass hier häufig viel hin- und herdiskutiert wird, auch politisch, bis sich alles völlig verhakt. Oder, wie es bei uns heisst: bis die Butter fest wird. Da bin ich persönlich viel zu ungeduldig. «Immer schön flüssig bleiben», offenbleiben, würde ich sagen. Oder, nach dem Motto unserer Abschiedsrundgänge, das wir bei der Autorin Chris Kraus geklaut haben: «Stay Unsafe!»

Premiere «Entschuldigung» von Lisa Danulat, Peter Kastenmüllers letzte Arbeit am Neumarkt: Freitag 31.05., 20 Uhr. Abschiedstouren «Stay Unsafe» 1. Juni: «Die Katze haut ab, Miau!» (ab 5 J.); «Neues Neumarkt: Jury, letzte Runde»; «Neumarkt Parade»; «Entschuldigung». 15. Juni: «Häusliche Gewalt»; «Wer hat meinen Vater umgebracht»; «Wer hat Angst vor Virginia Woolf»; «Crisi di nervi Bonusgig».22. Juni: «Im Park mit Vernon», Performance und Party.

Erstellt: 30.05.2019, 21:22 Uhr

Kastenmüllers Bilanz

Der gebürtige Münchner, der sich mit inszenatorischen Stadtprojekten einen Namen gemacht hatte, übernahm die Leitung des Neumarkt-Theaters mit Ralf Fiedler im Herbst 2013. In der ersten Saison brachen die Zuschauerzahlen fast um die Hälfte ein. Seither haben sie sich erholt und liegen regelmässig über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Auch die Aufregung um Philipp Ruchs Performanceprojekt einer Köppel-Verfluchung überstand Kastenmüllers Haus. Begeistert beklatscht wurde die Hinwendung der Bühne zu politisch gedrehter Komödie wie in «Café Populaire», «Biedermann und die Brandstifter», «The Great Tragedy of Female Power», aber auch Kastenmüllers Händchen für angesagte Romanräusche wie «I Love Dick», «Vernon Subutex» oder «Die Hauptstadt». Zudem gelang der Aufbau eines stabilen Ensembles, das eine treue Fangemeinde gewann. (ked)

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