«Eine echte Linke gibt es nicht mehr»

Die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk probt am Pfauen Ibsens «Wildente». Es erinnert sie manchmal an Geert Wilders.

«Unser Parteienspektrum bewegt sich quasi nur noch zwischen Mitte und rechts», sagt Alize Zandwijk. Foto: Dominique Meienberg

«Unser Parteienspektrum bewegt sich quasi nur noch zwischen Mitte und rechts», sagt Alize Zandwijk. Foto: Dominique Meienberg

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«Der Populist Geert Wilders und seine Freiheitspartei könnten die Wahlen vom 15. März tatsächlich gewinnen!», schnaubt Alize Zandwijk und schaut, als vermöge sie selber kaum zu glauben, wie sehr sich in den letzten Jahren das Lebensgefühl in ihrer Heimat verändert hat, die einst als eines der liberalsten Länder der Welt galt.

Die 1961 geborene Theatermacherin mit den Kettchen, den Fingerringen und Armreifen, mit dem Freundschaftsbändchen und dem ungezähmten blonden Schopf wirkt denn auch wie aus einer anderen Zeit. Sie und ihre Zwillingsschwester – heute eine Schriftstellerin und Malerin – hatten mit Kultur eigentlich wenig am Hut gehabt, der Vater war Zimmermann, die Mutter Hausfrau. Aber in der Freizeit hatte die junge Alize ein bisschen Theater gespielt, damals, als der Staat für solche Initiativen noch mehr Geld ausgab als heute; und so bewarb sie sich mit 18 Jahren versuchshalber an der lokalen Theaterakademie fürs Regiestudium: «Ich bin ins Regiefach schlicht und naiv hineingerutscht – und wusste sofort: Das ist es!»

Gegen die Angst

Dieses Gefühl ist geblieben. Und man spürt es, wenn man mit der Frau spricht, die zehn Jahre lang als künstlerische Direktorin des Rotterdamer Ro-Theaters amtete, bevor sie im letzten Sommer den Posten als leitende Schauspiel-Regisseurin des Theaters Bremen antrat. Alize Zandwijk glüht. Und sie wirkt auf jeden Fall unbeschwerter als das angstzerfurchte angefangene Jahr 2017.

Auch in den Niederlanden würden sich alle ständig vor Terroranschlägen fürchten, obwohl zum Beispiel Auto­unfälle dort jährlich deutlich mehr Menschenleben kosteten. «Unser Parteienspektrum bewegt sich quasi nur noch zwischen Mitte und rechts. Eine echte Linke gibts gar nicht mehr», konstatiert die Regisseurin, die jetzt zum ersten Mal am Schauspielhaus Zürich inszeniert: eine Zusammenarbeit, die noch auf die ehemalige Zürcher Dramaturgin Andrea Schwieter zurückgeht. In den Niederlanden wie überall sonst öffne sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Doch die Frustrationen der Massen führten nicht zu linken Lösungsvorschlägen, sondern würden in Ausländerfeindlichkeit, Angst und Aggression hineinkanalisiert. Dabei sei zum Beispiel die Klimaerwärmung gerade für die Niederlande eine viel grössere Bedrohung. Aber wer kaufe sich schon ein Hybridauto?

Die Rache der toten Tiere

«Wir wollen offensichtlich blind bleiben und in unserem kleinen Käfig hocken, in dieser Kartonwelt, in die keiner hineindarf.» Diesen Befund stellt Alize Zandwijk für ihre Landsleute, für Europa und nicht zuletzt auch für die ­Figuren von Henrik Ibsens Drama «Die Wildente» (1884), das sie nun am Pfauen in Szene setzt: Die Gestalten pufferten ihre Welt mit tröstlichen Lebenslügen und trauten sich nicht, sich dem «Dreck» der Welt zu stellen. Bei Ibsen sei dieser Dreck auch das verborgene Leiden an den Vätern und der Schuld, die immer weitervererbt werde. Da flüchte man lieber in den Todestrieb und das Dasein als «menschliche Auster». Bei Zandwijk klingt es so, als sei Gregers’ fataler Wunsch, endlich mit all den Lügen aufzuräumen und mit hartem Besen ein grosses Reinemachen zu veranstalten, im Grunde so verkehrt nicht. Selbst die ausgestopften Tiere brechen bei Zandwijk von den Wänden her ins erstickte Leben ein. Die Natur nimmt Rache.

Man müsse die Dinge beim Namen nennen, ist die Regisseurin überzeugt, die mit ihrem Mann, einem Schauspieler, in Antwerpen lebt und die belgische Bedrohungslage hautnah miterlebt hat: Der Rassismus eines Geert Wilders und die Gefährdung der Menschenrechte durch einen Donald Trump dürften nicht verwedelt werden, fordert sie. Sich vor der Diskussion mit Populisten wie etwa Marc Jongen zu drücken, sei kreuzfalsch.

Doch ihre «Wildente»-Inszenierung sei trotzdem vorderhand nicht politisch gedacht, ganz anders als jüngst ihr ­«Guter Mensch von Sezuan» in Bremen. «Für mich ist ‹Die Wildente› in erster Linie ein Beziehungsstück», hält die Künstlerin fest, die man auch für ihr bildstarkes Schauspielertheater kennt. Dass die «Wildente» in jeder Saison auf zahllosen Bühnen gespielt wird, schreckt sie nicht, von anderen Interpretationen lässt sie sich nicht irritieren. «Für mich schildert das Drama die Unfähigkeit zur Kommunikation, die Einsamkeit inmitten der Gesellschaft, die Sehnsucht nach dem Tod; also die Tendenz des Menschen, sich davonzuschleichen, anstatt Schwieriges anzugehen.»

Kulinarische Performance

Etwas wie dieses Alleinsein im Zusammensein mit einem so beeindruckenden Ensemble wie dem des Zürcher Schauspielhauses erarbeiten zu dürfen, sei überhaupt die grosse Freude, die ihr der Beruf beschere. «Mit so einer Gruppe in einem intensiven Prozess die Welt eines Autors zu öffnen und Dinge zu entdecken: Das ist in den besten Momenten ein Gefühl wie Fliegen.»

Das heisst aber nicht, dass Alize Zandwijk nur Stadttheater kann. Im Gegenteil: Sie, die in der Offszene anfing, zeigt am Luzerner Theater demnächst ein klassisches Performanceprojekt mit ­«Luzerner Müttern aus aller Welt», inszeniert von ihr, der Mutter eines 20-jährigen Jurastudenten. Die dreizehn Frauen mit Wurzeln in Algerien und Bosnien, im Iran und in Kolumbien, in der Schweiz und in Sri Lanka, Uganda und der Ukraine werden in «Mütter» zum gemeinsamen Essen laden. Und womöglich zum gemeinsamen Flug über alle Angstberge hinweg.

Premiere «Die Wildente»: Pfauen Zürich, 9. März; Premiere «Mütter»: Luzerner Theater, 23. März.

Erstellt: 07.03.2017, 18:03 Uhr

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