Eine Ikone, derer niemand überdrüssig wurde

Er war der perfekte Leichtmacher und beherrschte einfache Tricks mit stupender Perfektion. Nun ist Clown Dimitri im Alter von 80 Jahren gestorben. Eine Würdigung.

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Er konnte es noch immer, auch mit achtzig – am Ende seiner Tage: uns Zuschauer leichterhand für sich einnehmen. Letztmals in einem Programm, das vor etwas mehr als einem Jahr zur Uraufführung kam, danach noch oft auf Tour zu sehen war. Und in dem Clown Dimitri einen ganzen Abend lang auf der Bühne einem Vögelchen hinterherjagte, das weit über seinem Kopf angebracht war. Selbstverständlich war diese Jagd vergeblich, wie so vieles im Leben, und weil das Stofftierchen mit einer Teleskopstange am Rücken des Clowns befestigt war.

Nun ist Clown Dimitri im Alter von 80 Jahren gestorben. Das ist doch eigentlich unfassbar, war Dimitri doch gerade noch hier vor uns auf der Bühne – und weil der Clown mit seinem breiten Lachen wohl einer der wenigen Schweizer Ikonen war, derer niemand überdrüssig wurde. Was mehr als nur bemerkenswert ist, hatte die Karriere des Clowns doch vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert ihren Anfang genommen: mit einer Ausbildung in Paris beim Pantomimen Étienne Decroux und dem ebenso weltberühmten Weissclown Marcel Marceau, der den Schweizer dann gleich für zwei Stücke in seine Truppe aufnahm.

Die Eltern lange bearbeitet

Er habe schon früh für sich entschieden, dass er Clown werden wolle, hat Dimitri in einem seiner zahlreichen Interviews zu seinem 80. Geburtstag erzählt. Eigentlich seit damals, als er als kleiner Bub im Circus Knie einen Clown sah und begeistert war. Wie so viele Kinder. Aber Dimitri habe seine Eltern – der Vater war Architekt und Bildhauer, die Mutter Kunsthandwerkerin – dann so lange «gemüdet», bis eine Clown-Ausbildung möglich war. Aber es habe schon viele Anläufe und Umwege gebraucht, samt vielen einsamen Trainingsstunden, bis er dann endlich der beliebte Clown war, als den wir ihn alle kannten.

Richtig Schwung erhielt die Karriere von Clown Dimitri Ende der 1950er-Jahre, als er sein erstes Soloprogramm herausbrachte; ihren Höhepunkt erreichte sie, als er in den 1970er-Jahren in insgesamt drei Saisons mit dem Circus Knie unterwegs war, womit sich sein Kindertraum wohl endgültig erfüllt hatte. Zeitgleich gründete Dimitri in seiner Wahlheimat Ascona die Scuola Dimitri, eine Ausbildungsstätte für Schauspieler und Artisten, aus der zahlreiche bedeutende Bühnenkünstler hervorgingen – und die heute als kantonale Fachhochschule anerkannt ist, was Dimitri mit Stolz erfüllte.

Jegliches Trendbewusstsein war ihm fremd

Die Weissclowns sind heute aus den Zirkusmanegen verschwunden. Sie scheinen ausser Mode gekommen. Nicht aber Dimitri, der auch in seinen letzten Jahren noch die Theater und Festsäle füllte. Zuletzt mit dem Programm «Dimitrigenerations», das er zusammen mit seinem Enkel Samuel, seinen Töchtern Nina und Masha sowie der untersetzten Clownin Silvana Gargiulo bestritt, die als langjährige Familienfreundin von den Dimitris fürs Bühnenprogramm adoptiert wurde.

Im Generationen-Programm, das im März 2015 auf der Bühne des Luzerner KKL zur Uraufführung kam, zeigte sich dann nochmals Dimitris grosse Qualität: seine Leichtigkeit, die sich wohl nicht unwesentlich aus der Verweigerung gegenüber der putzigen Poesie und der protzenden Perfektion speiste, von der so viele Artisten- und Clown-Programme beseelt sind. Und selbstverständlich war ihm auch jegliches Trendbewusstsein fremd.

Ball auf der Minigitarre jongliert

Dimitri war Dimitri. Und als solcher konnte er uns mit noch so einfachen Tricks für sich einnehmen, die er bis zuletzt mit stupender Perfektion beherrschte. So etwa, wenn er im Familienprogramm einen Pingpongball in höchste Höhen und wieder zurück in seine Mundhöhle ploppen liess. Oder wenn er denselben Ball auf den Saiten einer Minigitarre jonglierte, deren Kopfplatte er mit seinen Zähnen hielt – und sich so die angestimmten Akkorde zu einer Melodie zusammenfügten.

Dimitri, der 1935 in Winterthur geboren wurde, wird uns wohl auch deshalb so fehlen, weil er ein perfekter Leichtmacher war, der auch bei seinen allerletzten Auftritten mit federnden Schritten über die Bühne tippelte – und so die Grossartigkeit des Hierseins zelebrierte. Und der am Ende seines letzten Familienprogramms dann doch noch das Vögelchen zu fassen kriegte, dem er einen Abend lang hinterhergejagt war. Uns hatte er da schon längst in der Tasche. Für immer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2016, 11:14 Uhr

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