Englisch für Expats auch am Schauspielhaus

Englischer O-Ton im Kino, englische Übertitel im Theater: Die moderne Lingua franca setzt sich in der Zürcher Kulturszene durch.

Die Übersetzung kann auch ein ästhetisches Element sein. Hier in der Inszenierung von Tschechows «Kirschgarten» am Pfauen. Foto: Zoé Aubry

Die Übersetzung kann auch ein ästhetisches Element sein. Hier in der Inszenierung von Tschechows «Kirschgarten» am Pfauen. Foto: Zoé Aubry

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Die sogenannten Expats sind ein ernstzunehmender Faktor in der hiesigen Bevölkerungsstruktur, besonders in den grossen Städten: Sie tragen zum internationalen Flair unserer Städte, Firmen, Krankenhäuser und Universitäten bei, sie bringen hervorragende Qualifikationen und einen hohen Leistungswillen mit. Und: Sie sind gute Kunden, Abnehmer attraktiver Wohnungen, Privatschulplätze und Konsumgüter. Wieso sie nicht auch als Kulturkonsumenten gewinnen?

So hat man in der Zürcher Kino-Szene mittlerweile gemerkt, dass Filme in Originalsprache, insbesondere Englisch – möglichst ohne Untertitel – nicht nur bei den vielen Anglophilen gefragt sind. Sondern dass auch die Expat-Gemeinde mittlerweile ein Kundensegment ausmacht, das durchaus ins Gewicht fällt (dazu lesen Sie hier).

Wo bleibt das Italienische?

Und am Schauspielhaus Zürich verkündeten die neuen Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg zu Beginn, dass jede Vorstellung mit englischen Übertiteln versehen sein werde. Werden auf der Bühne andere Sprachen gesprochen, etwa Arabisch, blendet man englische und deutsche Übertitel ein, so bei Milo Raus «Orest in Mossul».

Tatsächlich trifft der regelmässige Besucher des Hauses nicht nur auf ein sichtlich verjüngtes, sondern auch auf ein herkunftsmässig gemischteres Publikum als früher. Nicht einmal im Ensemble selbst wird die deutsche Sprache von allen beherrscht. Die Entscheidung für den englischen Übertitel könnte also durchaus einen Bedarf abdecken.

Aber gäbe es hinsichtlich Teilhabe nicht noch andere Zielgruppen? Als erstes Opernhaus in Deutschland blendete die Komische Oper Berlin schon in der Saison 2011/12 – zusätzlich zu den englischen und deutschen Texten – das Libretto auf Türkisch ein. Der damalige Intendant Andreas Homoki, heute Intendant des Zürcher Opernhauses, wollte damit dezidiert auf die grosse deutsch-türkische Bevölkerung Berlins zugehen. Laut Zahlen vom Oktober 2019 bilden in der Stadt Zürich die Italiener nach den Deutschen die grösste Ausländergruppe, gefolgt von den Portugiesen und Spaniern. Die Pressesprecherin des Schauspielhauses, Philine Erni, beantwortete unsere Fragen zur Übertitel-Politik.


Die Bühne will ein weltoffener Gastgeber sein

Warum englische Übertitel, aber keine italienischen, albanischen ...? Laut der offiziellen Statistik der Stadt Zürich leben 170 Nationen in der Stadt Zürich – und bei der Arbeit sprechen mittlerweile 37 % auch Englisch. Dieser Stadtrealität möchten wir gerecht werden. Deshalb erschien das Spielzeitheft auf Deutsch/Englisch – und deshalb sollen möglichst alle Produktionen übertitelt werden.

Gehts auch um ein Einbinden der englischsprachigen Ensemble-Mitglieder? Die beschriebene Realität ist auch Realität bei uns am Haus. Auch hier wird in manchen Produktionen Englisch gesprochen. Neben der Rolle eines weltoffenen Gastgebers hängt die Entscheidung fürs Englische auf jeden Fall auch damit zusammen, dass wir jetzt ein internationales Künstlerinnen- und Künstler-Ensemble haben.

Wie viel kosten die Übersetzung und das Einblenden? Die Übersetzung für ein durchschnittlich langes Theaterstück von rund 2½ Stunden kostet inklusive des «Einrichtens» während der Proben und des abendlichen «Fahrens» danach bei rund 20 Vorstellungen rund 16'000 Franken. Im Unterschied zum Kino werden die Übertitel bei jeder Theatervorstellung live im Rhythmus des Stücks «gefahren». Dank des Engagements von zwei Stiftungen konnten wir LED-Panels und Beamer für drei Bühnen sowie für einen Teil der Übersetzungen finanzieren. An unserem Haus wurde die Stelle einer Übersetzerin geschaffen.

«Von Lob bis Ärger ist alles dabei!»Philine Erni, Pressesprecherin des Schauspielhauses Zürich, über die Reaktionen auf die Zweisprachigkeit.

Gibt es schon Rückmeldungen zur Zweisprachigkeit? Ja: Von Lob bis Ärger ist alles dabei! Es gab einzelne Leporello-Abbestellungen aufgrund der Zweisprachigkeit. Aber Freudenbekundungen auch von deutschsprachigen Menschen mit Hörschwierigkeiten, welche die englischen Übertitel sehr hilfreich finden. Und die englischsprachige und die Expat-Community nehmen das Angebot dankbar an; sie freuen sich über einen weiteren Anschluss an die Stadt.

Wieso gabs auch Ärger? Fühlten sich manche durch die Übertitelung beim ästhetischen Genuss gestört? Haha, nein. Der zweisprachige Leporello stiess manchen übel auf – also allgemein die Zweisprachigkeit, nicht spezifisch die Übertitel. Andererseits liess uns beispielsweise eine ETH-Studentin aus China wissen: «Endlich kann ich auch ins Theater gehen und verstehe alles.» Sie kommt nun regelmässig mit Bekannten in den Pfauen und den Schiffbau. «Vorher stand ich an der Tramstation am Heimplatz, studierte die grossen Fotos und Spielpläne und fühlte mich ausgeschlossen», sagt sie. Auch internationale Unternehmen wie die Swiss Re nutzen das neue Angebot für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. So kamen zu «Schneewittchen» von Nicolas Stemann Familien aus aller Welt mit ihren Kindern und hatten einen Riesenspass.

Erstellt: 16.01.2020, 16:22 Uhr

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