Er stemmt das Unmögliche

Der Film- und Bühnenstar Devid Striesow, der sich Ende Januar als «Tatort»-Kommissar verabschiedet, tritt am Freitag in «Unendlicher Spass» im Zürcher Schiffbau auf.

«Ich geniesse es gerade sehr, dass ich so geballt Theater spiele»: Devid Striesow. Foto: Getty Images

«Ich geniesse es gerade sehr, dass ich so geballt Theater spiele»: Devid Striesow. Foto: Getty Images

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Ein «bissel Schnee» hätte er schon gern, sagt Devid Striesow, der 1973 auf der Ostseeinsel Rügen geboren wurde und in der meerwindumwehten DDR-Bezirksstadt Rostock aufwuchs – mit dem Plan, Goldschmied zu werden. «Oh, ja, ich fahre hammermässig gern Ski und wahrscheinlich richtig schlecht, aber ich komme immer unten an.» Doch wenn er heute in die Schweiz reist, um mit der gefeierten, verschworenen Truppe rund um den freien Regisseur Thorsten Lensing im David-Foster-Wallace-Abend «Unendlicher Spass» aufzutreten, wird es ihm nicht reichen für einen Plausch im Schnee.

Denn er hetzt zwischen zwei Theatern hin und her: der Mann, der in über 100 Filmen mitgespielt hat und dessen ältester Sohn bereits selbst vor der Kamera steht (die Mutter ist Striesows ehemalige Schauspiel-Kommilitonin Maria Simon). Striesows weitere drei Kinder – von zwei anderen Partnerinnen – kamen zwischen 2010 und 2016 auf die Welt. Heute früh ist also Probe am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Abend dann Gastspiel am Schauspielhaus Zürich. Rückflug, Probe in Hamburg, Flug nach Zürich. Karin Beier inszeniert auf der Hanse-Bühne Edward Albees Quartett «Wer hat Angst vor Virginia Woolf»: Das bedeutet für Striesow zwei Stunden hochkonzentrierte Präsenz. Lensings Umsetzung des 1500-seitigen Wallace-Romans wiederum ist ein satter Vierstünder.

Von null auf hundert

Das Problem sei nicht das Stücke-Hopping, sondern die schiere Kraftanstrengung, sagt der Schauspieler mit den klaren blauen Augen, der für seine unerschöpflichen Energiereserven bekannt ist und die Fähigkeit, spielerisch innert Sekunden von null auf hundert zu beschleunigen. Und dafür, dass er sich die kleinen Bäckchen auf Wunsch rasch zu dicken Backen futtern kann wie unlängst für seine Rolle als Martin Luther; oder in sieben Wochen über 20 Kilos weghungern kann wie für «Drei» von Tom Tykwer. Striesow ist stets auf Overdrive, stemmt das Unmögliche und hat seine chamäleoneske Wandlungsfähigkeit auch schon auf seine ADHS-Symptomatik zurückgeführt.

Ein bisschen scheint man davon zu spüren, als er jetzt so unter Hochdruck vom Endprobenstress erzählt, als brenne seine Zunge. «Auftanken is nicht, nur Durchpowern; da ballerts nur nach vorn. Man muss die Arschbacken zusammenkneifen und loslaufen, sonst bleibt man ganz weit hinten. Das ist, wie wenn ein Schnellzug anfährt.» Früher, als sein Hund noch lebte, bot das tägliche Gassigehen eine Pause. Und die Yoga-Übungen, die Striesow neben dem Krafttraining durchzieht, hat er auch seinem «Tatort»-Kommissar Jens Stellbrink – der sich Ende Januar mit «Der Pakt» verabschiedet – verordnet.

Pünktlich sein und Text lernen

Doch derzeit ist für sportlich-spirituelle Stunden kein Platz im Terminkalender: In der Endprobenphase «gibts keine Entspannungstechniken, und die Schwäne rufen einem die Texte zu». Daher liest er ausschliesslich Albee, «bis ich grün werde im Gesicht». Er halte sich an Anthony Hopkins’ Diktum für gute Schauspielerei: pünktlich sein und Text lernen. Nur wenn man voll investiere, könne es richtig gut werden und erfüllend.

«Ich geniesse es gerade sehr, dass ich so geballt Theater spiele, das gibt mir eine grosse Zufriedenheit», sagt der unkomplizierte, strassenköterblonde Typ mit dem feinen Mund, der riesige Textkonvolute samt Zwischentönen scheinbar mühelos herauszaubern kann. Theater sei ja die Wurzel dieses Berufs, der fordere, «die ganze Zeit kreativ zu sein und darüber nachzudenken, was man tut», erklärt der Schauspieler, den das breite Publikum etwa vom oscarprämierten Film «Die Fälscher» kennt, als Held im Hape-Kerkeling-Film «Ich bin dann mal weg» oder als verzweifelt-zynischen Unternehmensberater in «Zeit der Kannibalen». Überhaupt: «Wenn wir schon diesen Mörderaufwand betreiben und aus allen Himmelsrichtungen zusammenfliegen, um zusammen den ‹Spass› zu spielen, können und wollen wir uns das nicht leisten, das Ding dann als Routine herunterzurattern.»

Starker Jahrgang

Routine ist ein Reizwort für Devid Striesow, dem die atheistischen Eltern das widerspenstige «e» in den biblischen Namen bugsierten. Nach dem Mauerfall und einem abgebrochenen Musikstudium erfand Striesow sich neu, ging an die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und war in diesem extrem starken Abschlussjahrgang, 1999, mit Nina Hoss und Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt, Mark Waschke und Maria Simon. 2004 holte sich Striesow am Berliner Theatertreffen den Kerr-Darstellerpreis für Nachwuchs, später unter anderem den Deutschen Schauspielerpreis (2015), einen Bambi (2016) und den Bayerischen Fernsehpreis (2017).

Eine Masche hat er entschieden nicht. Just als die Leute anfangen, seinen gegen den Strich gebürsteten «Tatort»-Kommissar zu lieben, wirft er hin. Und angesichts lauter Drehs stürzt er sich aufs Theater. Im April startet im Kino die Neuverfilmung des Kinderbuchklassikers «Alfons Zitterbacke» mit Striesow als Vater. Im März zeigt das ZDF die zweite Folge des Krimiformats «Schwartz & Schwartz», Striesow gibt einen der Brüder, und auf Sky beginnt die Endzeit-Serie «Acht Tage». «Die ist ­hammertoll und toppt, glaube ich, alles, was im Genre so auf dem Markt ist», schwärmt Devid Striesow.

Zwischendurch macht er sich frei für die intensive Auseinandersetzung mit Literatur, auf den Brettern und auf CD: Allein letztes Jahr las er drei, vier Hörbücher ein. «Da lässt man mit der Stimme Figuren im Ohr entstehen, das ist noch mal ganz was anderes.» Bei Film, Bühne und Hörbuch sei er für jede Schandtat bereit – sofern sie Inhalt habe. Selbst wenn der Film eine «Schizonummer» sei, wo man sich selbst beim Auftritt zuguckt.

«Im Theater bleibt die Spontaneität, die Interaktion mit dem Publikum. Man kann nicht schummeln, kurz ‹Stopp; noch einmal!› rufen oder weglaufen. Das mag ich.» Die Gruppe um Regisseur Thorsten Lensing ist dabei an kein Haus gebunden, hat keine Dramaturgie, keine Zwänge. «Wir sind freie Vögel.» Auch daran entzündet sich die Energie, schärft sich die Sensibilität, die uns hierzulande zuletzt während Lensings «Karamasow» zum Heulen brachte. Wie heute waren damals Sebastian Blomberg, André Jung und Ursina Lardi mit von der Partie.

Ungeschütztes Ich

Schon in Lensings «Onkel Wanja» von 2008 riss Striesow mit. Und liess sich mitreissen vom vier Jahre älteren Regisseur. Mittun an der Stückentwicklung aber wäre nicht seins. Auch, was die Gruppe als Nächstes macht, entscheidet Lensing. Hauptsache, spielen, findet Striesow, Hauptsache, sich aussetzen wie etwa Nicholas Ofczarek und Michael Maertens in Dieter Dorns «Endspiel»-Inszenierung an der Burg.

«Wenn jemand immer noch dazu bereit ist, sein ganzes Ich in jedem Moment ungeschützt auf die Bühne zu schleudern und dem Publikum vorzulegen, ist das grossartig. Daran kann ich überhaupt nichts finden, was nicht zeitgemäss oder aus der Zeit gehoben wäre. Es gilt: Theaterspielen geht, wie Theaterspielen geht.» Nur mit äusserstem Einsatz. Darum muss er jetzt dringend weitermachen, und sogar durchs Telefon fühlt man, wie sein Puls hammermässig schlägt.

«Unendlicher Spass», Schiffbau-Box, 11./12./13. Januar.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.01.2019, 18:13 Uhr

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