Erlaubt ist, was gelingt

Aischylos, Shakespeare, Goethe: Werden die Alten zu oft gespielt und die Jungen zu wenig? Das ist die falsche Frage.

Immer wieder Ibsen: Szene aus «Der Volksfeind» am Schauspielhaus (2015).<br />Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Immer wieder Ibsen: Szene aus «Der Volksfeind» am Schauspielhaus (2015).
Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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William Shakespeare und kein Ende: Dass sein Werk das Beiwort «unsterblich» verdient, zeigt schon ein Blick auf die Spielpläne im deutschsprachigen Raum. Der Shakespeare-Taumel verdeutlicht noch einmal, was die Theaterprogramme der letzten Jahre längst klargemacht haben: dass nämlich alle Klagen über eine textvergessene Projekt-Hausse am Theater an der Realität vorbeizielen; und mit ihnen auch die Behauptung, zwischen freier Szene und festen Häusern gebe es keine ästhetischen Unterschiede mehr.

Anders gesagt: Der Autor – also die Idee von einem schreibenden Schöpfer – ist nicht tot. Im Gegenteil! Gespielt wird er allerdings weniger von der experimentellen Avantgardeformation. Und zwar selbst dann nicht, wenn das Stück frisch ab Trotte kommt. Nein, der Raum fürs Texttheater von Sophokles bis Elfriede Jelinek ist das grosse Haus. Alternative Aufführungsorte wie die Gessnerallee oder die Rote Fabrik sind eine mehr oder weniger stückfreie und damit eine im engeren Sinn autorenfreie Zone; sie funktionieren als Plattform für verwegene, auch grossartige Tanz-Film-Dok-Spaziergangs-Performances.

Im Gegensatz dazu boten Theater Neumarkt wie Schauspielhaus Zürich in dieser Saison den obligaten Ibsen, zum Beispiel. Stefan Puchers «Volksfeind»-Inszenierung am Pfauen hat es sogar an die jährliche Bestenschau geschafft, ans Berliner Theatertreffen 2016, das dieses Wochenende seinen Auftakt hatte.

Alte Deutsche, uralte Griechen

Auch nach Brecht, Schiller oder Goethe musste man in den vergangenen Spielzeiten nicht lang suchen. Dazu kommen die unkaputtbaren alten Griechen (Aischylos, Sophokles, Euripides). Überall programmiert werden zudem Stücke von Molière, von Büchner, Tschechow oder – leider – Labiche; auch Horváth findet man allerorten. Und es werden auch die neuen und neusten Stücke am Stadt- und Staatstheater gespielt. So kommt zurzeit kaum ein Haus an den fantastischen Texten von Wolfram Lotz vorbei. Das Autorentheater hat sich vom Ruch des Biederen befreien können – auch wenn es eine Schaulust bedient, die irgendwie verdächtig scheint.

Jedenfalls haben die freien Spielorte und aufregenden Gruppen den Autor als solchen tendenziell abgeschoben. Die Generation von Theaterleuten, die Flüchtlingscamps besucht und darüber einen Abend entwickelt oder eine alte Frau auf ihrem langen Weg ins Sterbezimmer von Exit filmt, distanziert sich bei ihrer Art von Gesellschaftserkundung eher vom vorgefertigten Sprachmaterial.

Spiel ist Spiel ist Spiel – auch dann, wenn echte Kacke auf der Bühne dampft.

Warum ist das so? Wird das Texttheater heute abgelehnt, weil die Aura des Texts verloren ging angesichts der Copy-paste-Schwemme? Und weil man trotzdem (oder gerade deshalb) Echtheit, Authentizität auf die Bühne beamen möchte? Sie dort leben möchte?

Der Zuschauer seinerseits will immer wieder Romeo und Julia auf der Bühne sterben sehen, weils so schön ist. Damit aber gerät der reproduzierbare Text unter Generalverdacht: Er liefere bloss noch Konsumkunst zur billigen Seelenmassage. Da hält dann mancher Künstler dagegen. Entweder mit spontanen Publikumsbeschimpfungen der heftigeren Art wie die Amerikanerin Ann Liv Young. Oder gar mit tätlichen Angriffen wie just in der Winkelwiese. Und bisweilen geht vergessen, dass stets gilt: Spiel ist Spiel ist Spiel – auch dann, wenn echte Kacke auf der Bühne dampft.

Den Zuschauer packen

Deshalb wäre es falsch, die eine Form gegen die andere auszuspielen. Autorentheater ist nicht per se langweilig oder korrupt. Und ein nicht aus einer Hand getextetes Projekt aus Musikschnipseln und Videoclips, aus Dokumentarfragmenten und Fachzitaten ist nicht einfach eine Bastelei. Entscheidend ist, was eine Aufführung mit dem Zuschauer macht, wo und wie sie ihn packt – sei es, dass der gespielte, hinterfragte, auf die Bühne musizierte Text uns in den Bann schlägt oder etwa eine Aktencollage uns heiss und kalt erwischt.

Das wahrhaft Wunderbare ist doch, dass dieses In-den-Bann-Schlagen, dieses Erwischen immer mal wieder gelingt: direkt, analog, im Theater. Davon bitte. Gern. Mehr. Überall.

Erstellt: 08.05.2016, 21:10 Uhr

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