«Europa kann sich da nicht einfach hinausstehlen»

Der ägyptische Künstler Wael Shawky erinnert den Westen an den «christlichen Jihad» und seine Verantwortung für die Flüchtlinge.

«Verfolgst du jemanden, gibst du ihm die Rechtfertigung, zurückzuschlagen»: Wael Shawky über Terror in Ägypten und Europa. Foto: PD

«Verfolgst du jemanden, gibst du ihm die Rechtfertigung, zurückzuschlagen»: Wael Shawky über Terror in Ägypten und Europa. Foto: PD

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1095 hielt Papst Urban II. eine Rede, die ein marketingtechnisches Meisterwerk gewesen sein muss: Sie löste den ersten Kreuzzug aus. Den genauen Wortlaut kennt keiner, ihre Argumente jedoch schon: Die Christen würden von bösen Feinden unterdrückt, Gott selbst ermutige zum Kampf, zum gerechten Krieg.

Für den ägyptischen Künstler Wael Shawky wurde dieser christliche «Aufruf zum Jihad» 2010 zum Ausgangspunkt einer langen Reise. Er hat mit seiner sinnlichen Marionetten-Filmtrilogie «Cabaret Crusades» vom Moma bis zur Yokohama-Triennale 2017 alles bespielt. Jetzt kommt der Mann damit ans Theater Spektakel und bringt noch eine neue Fortsetzung mit musiktheatralischen Mitteln mit: «The Song of Roland: The Arabic Version». Ein Highlight der Festivalausgabe 2017!

Im Arabischen Frühling wurde das gestützt, was man gern «westliche Werte» nennt. Wie sehen Sie die ­Situation in Ägypten heute?
Es ist alles zerbrochen wie das zarte Muranoglas, aus dem die Marionetten meines dritten Films gemacht sind; der Mensch und seine Träume sind hochfragil. Die Arabellion ist total gescheitert. Da waren zu viele Interessen von Mächtigen in Gefahr – die sich jetzt mit aller Gewalt zurückgemeldet haben. Es ist viel schlimmer als zuvor, etwa was die Menschenrechte und Frauenrechte angeht. Auch ökonomisch. Vor lauter Angst vor einem zweiten Arabischen Frühling ist die Unterdrückung viel massiver. Meinen Verwandten, die noch dort leben, geht es zwar nicht schlecht, aber politisch ist es ein Desaster.

Herrscht in Ägypten nicht auch grosse Angst vor Terrorattacken?
Wenn du jemanden so verfolgst, wie es der ägyptische Staat getan hat, gibst du ihm quasi die Rechtfertigung, zurückzuschlagen. Das ist auch Europas Problem.

«Wie Grossbritannien seine Kolonien rund um den Erdball ausbeutete – und jetzt Angst hat vor 300'000 Flüchtlingen: lächerlich!»

Wie meinen Sie das?
Europa hat nach dem Zweiten Weltkrieg grossartig vorwärtsgemacht, Zivilgesellschaft und Demokratie gefördert. Die Lernkurve Europas ist fantastisch. Man hat von den eigenen Fehlern eine Menge gelernt – so gut, dass man sie teils ein wenig vergessen hat. Die syrische Diktatur und die grosse Flüchtlingswelle etwa haben die Westmächte zu verantworten. Und wie Grossbritannien seine Kolonien rund um den Erdball ausbeutete – und jetzt Angst hat vor 300'000 Flüchtlingen: lächerlich! Auch für die afrikanischen Flüchtlinge tragen die westlichen Mächte Verantwortung. Sie dürfen sich da nicht einfach hinausstehlen.

Dies thematisieren Sie in Ihrer Kunst immer wieder. Auch im «Song of Roland: The Arabic Version», der auf einem französischen Versepos aus dem Mittelalter fusst?
Das Rolandslied feiert die blutigen Schlachten gegen die Muslime, ist eine Art Jihad-Propaganda. Umgesetzt habe ich es mit Fidjeri-Sängern aus Bahrain und den Emiraten. Ihre Perlenfischermusik ist 800 Jahre alt, minimalistisch und doch hoch komplex. Sie evoziert die ganze Kultur der Perlenfischer, die mit der Entdeckung des Öls in den Golfstaaten unterging. Liessen sich viele Europäer einst aus Not auf die Kreuzzüge ein – und erlitten unterwegs den Hungertod –, gings beim Öl nur um Gier. Bei den Westlern wie den Machthabern der Golfstaaten. Gerade erarbeite ich dazu ein neues Werk.

Ihr erster Film, «The Horror Show File», entstand noch vor dem Arabischen Frühling. Hätten Sie ihn 2011 anders gemacht?
Ich liess mich von «Les croisades vues par les Arabes» des Libanon-stämmigen Autors Amin Maalouf von 1983 inspirieren. Der Essay reflektiert mittelalterliche arabische Texte über die Kreuzzüge. Ich bin ja in Mekka aufgewachsen, die alte arabische Literatur hatte für mich stets eine besondere Magie. Aber mich überraschte, wie der Film, als die Arabellion losbrach, so richtig virulent wurde. Ich hatte mit 200 Jahre alten, italienischen Marionetten gearbeitet, die vom ersten Kreuzzug in klassischem Arabisch berichten: eine arabische Sicht auf die europäischen Ursprünge des Gemetzels in europäischem Outfit. Ich signalisiere damit die grundsätzliche Fragwürdigkeit von Geschichtsschreibung: Jede Perspektive generiert eine andere Wahrheit. Im Arabischen Frühling wuchs das öffentliche Interesse an einem solchen Blick, der die schwierigen Beziehungen perspektiviert. Und mit den Marionetten an sich thematisiere ich die Manipulierbarkeit aller.

Video: Wael Shawky am Museum of Modern Art, 2015

Ihre Filme verfolgen 200 Jahre Kreuzzugsgeschichte.
Und sie operieren mit einer ständigen formalen Evolution. Der zweite Film «The Path to Cairo» von 2012 beschäftigt sich vor allem mit den Wirren in der arabischen Führung und den Spaltungen unter den Muslimen. Diese versuchen, sich zu schützen, lassen sich vom Westen korrumpieren und geraten dabei erst recht unter die Räder. Die Brutalität allseits ist unerträglich. Und der Dreck, aus dem die Menschen sind, ist überall gleich. Daher habe ich die Marionetten für den «Cairo»-Film von traditionellen Keramik- und Tonkünstlern im franzö­sischen Clermont machen lassen, wo Papst Urban II. seinen grossen Auftritt hatte. Hier die christliche Handwerkskunst, die mit Ton arbeitet, der an die Ursprünge des Menschen erinnert; da die Intrige in der islamischen Welt: Das lässt sich eben nicht alles fein säuberlich auseinanderdividieren.

Spielt in den USA, wo Sie derzeit mit Partnerin und einjährigem Sohn leben, die Angst vor «dem Islam» angesichts der Spannungen mit Nordkorea eine kleinere Rolle?
In den USA spricht man derzeit mehr über Nordkorea als etwa in Japan, von wo ich eben zurückkomme. Die Japaner sehen das gelassener. Das Misstrauen zwischen dem Westen und der arabischen Welt dagegen hat seit 9/11 nochmals ganz andere Formen angenommen – und damit meine ich nicht die komplett irre Symbolpolitik Trumps und den «Muslim Ban». Das geht tiefer. George W. Bush zum Beispiel sprach tatsächlich von einem «neuen Kreuzzug». Was den Menschen im Westen oft nicht bewusst ist: Die Kreuzzüge aus dem Mittelalter sind in der arabischen Welt bis heute ein Trauma. Jeder Konflikt mit dem Westen erinnert daran und an die Schande. Darum war es mir so wichtig, genau hinzuschauen, was da eigentlich passiert ist; gerade jetzt, wo wir in gefährlich rückwärts gewandten Zeiten leben.

Marionetten im Weihrauch: Szene aus «The Path to Cairo». Foto: Courtesy the Artist & Sfeir-Semler Gallery HH / Beirut

Erstellt: 16.08.2017, 15:20 Uhr

Theaterspektakel

«The Song of Roland: The Arabic Version»

Dienstag, 22. August
Mittwoch, 23. August
19–20 Uhr

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