Ganz nah am Dreck

Jan Bosse inszeniert Arthur Millers Klassiker «Hexenjagd» im Zürcher Schiffbau mit einem tollen Ensemble zu einer pädagogisch gedrehten Walpurgisnacht.

In Jan Bosses Inszenierung der «Hexenjagd» wird viel gekreischt, gebrüllt und gesungen. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

In Jan Bosses Inszenierung der «Hexenjagd» wird viel gekreischt, gebrüllt und gesungen. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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Dreck! Durch aufgeworfenen Boden waten wir zu unserem Platz in der Schiffbau-Halle. Hinter uns ragt die Holzwand eines Kirchleins auf; überhaupt schliessen die dunklen, hölzernen Wände der typischen Neuengland-Architektur des 17. Jahrhunderts das Spielgeviert ein – und uns. Aus der engen, puritanischen Welt gab es einst kein Entrinnen, und so schiebt Bühnenbildner Stéphane Laimé die Zuschauer von allen vier Seiten her dicht heran ans Geschehen im Dreck, als wären sie voyeuristisches Volk rund um einen Unfall. Die Unfallopfer heissen hier Recht und Freiheit und Menschenwürde; und Arthur Miller hat ihnen in «Hexenjagd» ein Denkmal gesetzt.

Als der grosse US-Dramatiker den 1953 uraufgeführten Vierakter schrieb, musste er selber aus ungemütlicher Nähe zusehen, wie Menschenrechte zuschanden kamen. Im Land von Kommunistenjäger McCarthy herrschte Angst, Denunziation war Courant normal; auch Millers ehemals enger Freund Elia Kazan hatte Kollegen ans Messer geliefert. Miller dagegen würde 1956 wie sein «Hexenjagd»-Held Proctor widerstehen und keine Namen nennen, wofür er eine Verurteilung für «Missachtung des Kongresses» kassierte. Der standfeste Bauer Proctor stirbt in «Hexenjagd» am Galgen.

Die Parabel aufs höllische Heisslaufen des Machtapparats, der den Einzelnen aus Gründen der Staatsraison liquidiert und den Bürgern das Hirn vernebelt wie hier die Nebelmaschinen den Raum, ist historisch gut grundiert. 1692 mussten in Salem über 20 Menschen sterben, weil ein paar Backfische behaupteten, diese seien Hexen. Mehrere Hundert wurden verhaftet, die öffentliche Ordnung bröckelte und sollte durch noch mehr Brutalität am Leben erhalten werden.

Frömmeln im Reifrock

Miller durchsetzte das Stück mit altertümelnden Kunstwörtern, um die (scheinbare) Distanz zu seiner Zeit zu unterstreichen. Auch der deutsche Regisseur Jan Bosse spielt in Zürich mit dem Reiz der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Seine frömmelnden Frauen tragen Reifröcke, die Herren Paletots (Kostüme: Kathrin Plath). Und zum Auftakt quetscht Frau Putnam (Isabelle Menke) Paul Gerhardts «Geh aus, mein Herz, und suche Freud» (1653) aus dem von den Puritanern gerade so erlaubten, alten Kirchenklavier. Aber an den Wänden leuchten Graffitiprojektionen auf. Der Liedtitel «Ding-Dong! The Witch Is Dead» aus dem Film «The Wizard of Oz» vermischt sich da mit dem Schriftzug «Frauenpower» zum Urteil «Frauenpower is dead». Auch die nietzscheanische Gleichung «Gott = tot» taucht auf und nimmt einen verzweifelten Satz Proctors vorweg.

Man weiss anfangs kaum, wohin man schauen soll. Hinter sich, zum Chor. Nach vorne, wo im schäbigen Metallbett ein Mädchen in unruhigem Schlaf liegt. Oder rundum auf die Wände, die als schulmässige Wandtafeln funktionieren. Ihre ständig wechselnden Animationen veranschaulichen, aktualisieren und kommentieren die dreistündige «Jagd» – und zaubern einen interpretatorischen Hexentrank, in den irgendwie alles hineingeschnetzelt wird.

Da wälzt sich Pfarrerstochter Betty (Sofia Borsani) halb ohnmächtig im Bett, derweil ihre Cousine Abigail ihren Geliebten Proctor zurückzugewinnen versucht: Wie Markus Scheumann den nicht ganz treuen Ehemann, nicht ganz gläubigen Christen gibt in seiner Schwäche und Stärke, seinem Hochmut und seiner Hochherzigkeit, gehört zu den Glanzleistungen der Aufführung. Die junge Frau ihrerseits, die den schwankenden Mann umschlingt, ist bei Dagna Litzenberger Vinet eine Gefangene ihres niedrigen Status und kämpft mit Zunge und Zähnen um den Aufstieg in jedem Sinn – während spritzende Phalli, nackte Tanzende und schwarze Gnome über die Wände springen.

So sieht das aus, wenn Bosse Miller imaginiert, der die Hexenhysterie von Salem imaginiert. Und so klingts auch: Es wird viel gekreischt, gebrüllt und gesungen. Für Martin Luthers «Ein’ feste Burg ist unser Gott» wird extra ein Liedblatt zum Mitsingen gereicht; «Burn the Witch» von Queens of the Stone Age kriegen die zu Rockröhren in schwarzen Dessous mutierten Geisterseherinnen mit ihren E-Gitarren allein hin, und ein Mädchenchor reisst sich dazu orgiastisch-epileptisch die Kleider vom Leib. Kurz: Es wird ganz toll dick aufgetragen.

Zum Glück bedeutet dick nicht unbedingt doof. Sogar Pastor Parris, der feige Fiesling, ist bei Nils Kahnwald eine sehenswerte Karikatur. Den seiner eigenen Autorität hörigen Richter, der einen Bewohner um den andern zum Tod verurteilt, gibt Jean-Pierre Cornu als schnaubendes Ungetüm; die aufrechte Hebamme von Nikola Weisse ist hinreissend. Und wenn die Backfische Abigail, Betty, Mercy (Tatjana Sebben) und Susanne (Miriam Morgenstern) ihre Visionen haben, während Ecstasypillen und Mördervögel über die Wände segeln, ist das buchstäblich ein Schaustück. Und eine pädagogisch gedrehte Walpurgisnacht. Mehr nicht.

Klar, dass die Kippfiguren dennoch faszinieren: so Jirka Zetts Pastor Hale, der am Ende erkennt, dass alle Beschuldigungen auf Lügen fussten. Er kommt daher wie ein Hippie-Priester mit Wallehaar und Lennon-Brille und will mit Pragmatismus retten, was seine Ideologie ins Verderben ritt. Vergebens. Und Lisa-Katrina Mayer überzeugt als Mary, die allzu menschliche Versagerin, die sich bemüht, die Angeklagten reinzuwaschen, bevor sie erschrocken wieder zur Zeugin der Anklage wird. Am schillerndsten gerät Carolin Conrads schwangere, angeklagte Frau Proctors. Im Jeanskleid schreitet sie ungebeugt in eine ungewisse Zukunft und hält an ihrer eigenen Ideologie der Redlichkeit fest – für die ihr Mann in den Tod geht.

Jan Bosse streicht ihr das halb tröstliche Schlusswort und legt stattdessen dem Gewinner der Enteignungen, Bürger Putnam (Hans Kremer), ein grausames in den Mund. Er hakt die Schuld an den Hinrichtungen ab und verkündet: «Wir sind hier, um die Zeit wieder einzurenken! In der Geschichte geschieht nichts zufällig.» In Bosses Inszenierung auch nicht: In Zeiten des IS-Terrors darf die Moral Majority als Machtmonster nicht vergessen gehen. Der Regisseur haut selber so drauf, dass wir noch im Dreck Sterne sehen (wenn schon nicht Putnams «politischen Messias»). Immerhin: Das ist schön.

Erstellt: 10.01.2016, 18:16 Uhr

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