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Gerard Mortier, der Opern-Turbo, ist tot

Der belgische Intendant hat Bühnengeschichte geschrieben: als Reformer und Verjüngerer, der keinen Konflikt scheute.

Leitete bis letztes Jahr das Teatro Real in Madrid: Gerard Mortier.
Leitete bis letztes Jahr das Teatro Real in Madrid: Gerard Mortier.
Keystone

Als «genialen Kunst-Ermöglicher» hat ihn einst die «Süddeutsche Zeitung» gewürdigt; da hatte der Intendant Gerard Mortier noch nicht einmal die Hälfte der Stationen hinter sich, an denen er Operngeschichte geschrieben hat. Es ging eben alles schnell beim Belgier, der 1943 als Sohn eines Bäckers in Gent geboren wurde: Mit 22 Jahren war er Dr. jur.; mit 24 hatte er auch noch ein Studium der Kommunikationswissenschaften abgeschlossen. Und seinen Einstieg in die Opernwelt schaffte er gleich als rechte Hand von zwei Grossen: Christoph von Dohnanyi und Rolf Liebermann.

1981 übernahm er als Intendant die Brüsseler Monnaie-Oper, die unter seiner Leitung zum «Mekka des neuen Musiktheaters» (FAZ) wurde. Mit Regisseuren wie Luc Bondy, Peter Sellars oder Ruth Berghaus erschreckte er die Traditionalisten und begeisterte ein jüngeres Publikum.

Erfolg und erhebliche Nebengeräusche

Dieses Muster wiederholte überall, wo Gerard Mortier antrat: Ab 1991 revolutionierte er als Nachfolger von Herbert von Karajan die Salzburger Festspiele – mit einem unverkrampften Verhältnis zur Moderne, wirtschaftlichem Erfolg und erheblichen Nebengeräuschen (unter anderem legte er sich mit der «mafiösen» Schallplattenindustrie, seinem Schauspielchef Peter Stein, dem Dirigenten Riccardo Muti und der FPÖ an). Ab 2002 stellte er als erster Intendant der neu gegründeten Ruhrtriennale genre-übergreifende Produktionen ins Zentrum, ab 2004 machte er an der Pariser Oper Schlagzeilen, zusammen mit Regisseuren wie Marthaler, Haneke, Grüber und Castorf.

In den letzten Jahren allerdings wurde der grosse Opernturbo zunehmend ausgebremst: Seinen Posten an der New York City Opera etwa trat Mortier wegen Budgetkürzungen gar nicht erst an. Und in Madrid, wo er ab 2010 das Teatro Real zu einer Institution von europäischem Rang aufwerten sollte, machten ihm neben der Wirtschaftskrise auch die Kulturpolitiker zu schaffen, die weder seinen künstlerischen Kurs noch seine polemischen Attacken gegen den spanischen Opernbetrieb goutierten. Im vergangenen Sommer erfuhr Mortier im Spital, wo er wegen Bauchspeicheldrüsenkrebs behandelt wurde, von seiner Entlassung als Intendant respektive seiner Degradierung zum «Berater», und er reagierte mit gewohnter Schärfe: «Ich bin noch nicht tot, auch wenn das manchen gefallen würde.» Nun ist er 70-jährig in Brüssel gestorben.

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