Gott, Amputationen und tote Hunde

John Cleese, der englische Komiker, unterhielt das Publikum im ausverkauften Theater 11 über das Leben vor seinem Tod. Er kann ihn nicht erwarten.

Ausschnitte aus der Laufenden Cleese-Tour «Last Time to See Me Before I Die».


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Man kann ihm nichts vorwerfen, das er nicht selber zugibt. Noch bevor John Cleese auf die Bühne kommt, lässt er uns ausrichten, dass er alt und herzkrank sein. Er tue das alles nur des Geldes wegen, teilt er dann mit. Seine dritte Frau habe ihn bei der Scheidung dermassen ausgenommen, dass er zu solchen Auftritten gezwungen sei. Bei früheren Auftritten hat der Komiker seinen Hass an seine ehemalige Frau dermassen höhnisch formuliert, dass keiner mehr lachte.

Hier aber, am Sonntagabend im seit langem ausverkauften Theater 11 mit einem Publikum, dass ihn kennt und liebt, hat er in der Fremde ein Heimspiel. «Now fuck off back to London», spielt er als Aufforderung über die Leinwand ein, als käme diese vom Publikum, aber er weiss, dass jeder im Saal diesen Abend herbeisehnte – und an seinem Ende vollgelacht und ausser Atem wieder heimgeht.

Das gefaltete Klopapier

Ohne dass man es merkt, weil es so mühelos daherkommt, tritt Cleese in drei einander kommentierenden, ergänzenden Rollen auf: Als Komiker. Als Erklärer der Komik. Und als Humanist. Ohne dass die zweite und dritte Rolle die erste ruiniert. So etwas kann nur er, der melancholische Jurist, der das Ziel eines Engländers einmal so definierte, sicher ins Grab zu gelangen, ohne je das Gesicht zu verlieren.

Diese drei Rollen gehen, der Reihe nach, so an diesem Abend. John Cleese als Komiker erweist sich als beiläufiger Anekdotiker, als Meister der Absurdität des Alltags, der gut getimten Pointe, der virtuosen Handhabung von Sprache, Rhythmus und Timing. Schon was er über seinen Alltag in den Hotels erzählt, in denen er jeweils absteigt, lohnt den Abend. Zum Beispiel irritiert ihn, dass das erste Blatt einer Klorolle immer zum Dreieck gefaltet ist. «Warum ist das so», reflektiert er in seinem Cambridge-English, als dissertierte er über Wittgenstein – «damit man es gezielter einführen kann?» Er habe einen Hotel-Experten nach dem Grund gefragt, der habe gesagt: Damit der Gast sicher sein könne, dass das Papier absolut frisch sei. Kunstpause. «Wouldn’t you notice?»

Bloss eine Fleischwunde

«Wir hatten eine Selbstschussanlage montiert für alle Dissertanten, die mit uns über Komik reden wollten», hat der Mit-Pythonianer Michael Palin einmal gesagt. Auch Cleese legt Wert darauf, dass es Monty Python damals nur um den Unsinn des Lebens gegangen sein. Und erzählt dann eine Anekdote, die das Gegenteil beweist. Ein enger Freund von ihnen sei nach Nordengland gereist und habe am Sonntagabend die BBC eingeschaltet, um die aktuelle Folge von «Monty Python’s Flying Circus» zu sehen. Diesmal hätten diese den steifen, langweiligen, humorlosen Stil der BBC-Dokumentarfilme persifliert, es ging um den Hadrianswall. Der Freund lachte und lachte, und er brauchte eine ziemliche Zeit, bis er realisierte: Was er sah, war ein steifer, langweiliger, humorloser Dokumentarfilm der BBC.

John Cleese hat seinen Humor am liebsten grausam. Da ist der schwarze Ritter aus «The Holy Grail», dem König Arthus nacheinander die Arme und Beine abhackt, worauf der Amputierte sagt, das sei «bloss eine Fleischwunde» (Elvis Presley liebte diesen Satz besonders).

«Bloss eine Fleischwunde»: Die Szene aus «The Holy Grail».

Da ist der stotternde Tierliebhaber Ken in «A Fish Called Wanda», der aus Versehen drei Hunde umbringt («Keine Tiere wurden während dieses Filmes verletzt», heisst es im Abspann – «bloss Menschen»). Da ist der zwanghafte Hotelier Basil Fawlty, der den faschistoiden Kleinbürger in fast unerträglicher Konsequenz spielt. Wäre Cleese nicht Komiker geworden, denkt man sich beim Wiedersehen, er wäre vielleicht so geworden. «Grausame, gierige, inkompetente Manager zu spielen», bekannte er einmal, «fällt mir ausgesprochen leicht.»

Das Leben ist tödlich

«Last Time to See Me Before I Die», heisst seine laufende Tournee, also passt, dass sich Cleese mit dem Tod beschäftigt, ein Thema, dass auch bei den Python-Filmen präsent war. Obwohl der 78-Jährige Witze und Pointen explodieren lässt, lässt sich seine Haltung zu Leben vor dem Tod in einer einzigen Vorstellung fassen, die er gegen Ende seines Auftritts formuliert: Stell dir vor, sagt er, Gott habe dir angeboten zu leben auf die Warnung hin, am Leben zu sterben: Wer von euch würde das Angebot ausschlagen?

John Cleeses Rede an der Abdankung von Python-Kollege Graham Chapman. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 09:43 Uhr

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