«Greta» hat den Swag

Suna Gürler, verantwortlich für die Jugendarbeit am Schauspielhaus Zürich, hat ein voll im Jetzt verankertes Stück Teenagerwelt zur Uraufführung gebracht. Famos!

Sie turnen auf den Schulpulten und streiken fürs Klima: Betty (Lara Fuchs) und Claudio (Roman Kiwic) in «Greta». Foto: Gina Folly

Sie turnen auf den Schulpulten und streiken fürs Klima: Betty (Lara Fuchs) und Claudio (Roman Kiwic) in «Greta». Foto: Gina Folly

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Er fetzt, der Text, aber sowas von! Lucien Haug, 1992 in Basel geboren, Ex-Deutschlehrer, Autor, Performer und Theaterpädagoge, schaut den Teenagern aufs Maul – die sind ja auch bloss um die zehn Jahre jünger als er. Und er schaut in sie hinein: auf ihr Ringen mit sich selbst, mit der Familie, den Erwartungen der Peers.

Zusammen mit Suna Gürler, die zudem für die Regie zeichnet – und für die Kinder- und Jugendarbeit am Schauspielhaus Zürich verantwortlich ist –, hat Haug mit «Greta» ein «Klassenzimmerstück» direkt am Puls seiner Zielgruppe geschrieben (ab 14 Jahren). «‹Greta› hat den Swag!», würden auch die drei Protagonisten über diesen Abend jubeln.

Hautnah

Dies nicht nur, weil die Sprache des Stücks, das jetzt in einem kargen Klassenzimmer der Kantonsschule Rämibühl uraufgeführt wurde, mit jenen Anglizismen durchsetzt ist, die einem heute bei jedem Gespräch mit einem Teen um die Ohren fliegen. Das reicht vom besagten ersehnten «Swag», die coole Austrahlung, über die allgegenwärtige Bekräftigungsformel «literally» und das vernichtende Urteil «Fail! Double fail! Epic fail!» bis hin zum Elternberuhigungsmantra «Chill, Mann».

Nein, die knapp stündige Aufführung verhandelt, mit Blick auf die ferne Pioniergestalt Greta, die hautnahen Konflikte und Widersprüche, Ängste und Wünsche, die hierzulande beim Kampf fürs Klima hochkommen und sich in unserem Alltag breitmachen. So, wie sich die beachtlichen drei jungen Theatertiere Julia Berger, Lara Fuchs und Roman Kiwic im Klassenzimmer ausbreiten. Mal turnen sie auf den Schulpulten herum und skandieren «On est plus chaud que le climat», dann wieder setzen sie Schockpausen.

Wenn einen der Papi im Jeep herumchauffiert

Ein Klimastreik ist also angesagt, aber Lehrling Claudio (Kiwic) zögert: Dass Greta auch kommt, sei der Chefin «glaubs egal. Und uf ei Person meh oder weniger chunnts jetzt au nöd druf a uf dere Demo.» Gymnasiastin Alina (Berger) hält dagegen: «Doch! Und es isch en Streik, kei Demo.» Claudio rückt Kappe und Nerd-Brille zurecht und spuckt aus dem Mundwinkel ein unbeeindrucktes «Whatever».

Da wettert die hochbegabte höhere Tochter mit den Kampfstiefeln und den wilden Locken gegen das «Syschtem» an, aus dem man aussteigen müsse. Bis selbst Freundin Betty genug von der hochtrabenden Vorstellung hat, schliesslich lässt sich die junge Dame vom Papi im Jeep zur Chorprobe chauffieren: «Jazz, nöd Jodle!», verteidigt sich Alina. Überhaupt hätte sie ihren Vater bald so weit, den Jeep gegen etwas Umweltverträglicheres einzutauschen. Und Claudio verrät, dass er für die Möchtegern-Radikalaktivistin einen heiklen Job übernommen hat – samt dessen Konsequenzen.

In der ersten Arbeit des neuen jungen Schauspielhauses Zürich palavern sich die Figuren mit temperamentvollem Körpereinsatz durch die Themen.

Kurz, in der ersten Arbeit des neuen jungen Schauspielhauses Zürich palavern sich die Figuren mit Tempo und einem temperamentvollen Körper- und Plakateinsatz durch sämtliche virulenten Themen: Flugscham und SUV-Besitz, Instagram-Sucht («ein Selfie mit Greta!»), Weltuntergangspanik und Perfektionismus-Wahnsinn, Weicheier-Flexitariertum und der Nutzen von Klimastreiks. Sie stellen fest, dass Benzinpreiserhöhungen vor allem die kleinen Leute in die Bredouille bringen, dass an den Klimastreiks mehrheitlich die Vielflieger mitmarschieren, dass freiwillige Selbstbeschränkung nichts bringt, weil es kaum einer tut, Verbotsorgien aber den Hautgout einer Diktatur haben, und dass ziviler Ungehorsam die Bevölkerung zwar wachrüttelt, aber eben durchaus kontraproduktiv sein kann.

Trotz manchem Klischee und der Tatsache, dass all diese Diskussionen von den Jungen mittlerweile so routiniert heruntergebetet werden können wie noch in früheren Generationen das «Vaterunser», muss auch die Kritikerin – selbst Mutter von Jugendlichen, die von den Klimastreiks bis zu Extinction Rebellion überall mitgetan haben – sagen: «Greta» tüpfts.

Bis 14.1., diverse Spielorte, www.schauspielhaus.ch

Erstellt: 06.11.2019, 15:47 Uhr

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