«Sex auf Augenhöhe ist unmöglich»

Lisa Eckhart gilt als Kabarettsensation. Jetzt kommt die Österreicherin mit ihrem neuen Programm in die Schweiz

«Politisch bin ich k.u.k» – «Kaiserlich und königlich?» – «Nein, konservativ und kommunistisch»: Gesamtkunstwerk Lisa Eckhart. Foto: Keystone/Rene Wallentin

«Politisch bin ich k.u.k» – «Kaiserlich und königlich?» – «Nein, konservativ und kommunistisch»: Gesamtkunstwerk Lisa Eckhart. Foto: Keystone/Rene Wallentin

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In Ihrem Programm schildern Sie Ihre Abscheu vor Männern mit schlaffem Händedruck, weil Sie dann schon wüssten, wie es ist, wenn der Mann Sie im Bett würgt. Hat das noch kein Kerl als Einladung verstanden?
Nein, seit ich auftrete, bekomme ich so gut wie keine Avancen mehr. Ausser von den völlig Derangierten. Aber die wären auch so auf mich zugekommen. Und würden selbst dann auf mich zukommen, wenn ich zwei Stunden lang auf der Bühne gesagt hätte: «Bitte, bitte, gehen Sie von mir weg.» Das sind Menschen, die überhaupt keine Interpretationsgabe haben.

Also keine aufdringlichen Typen, die Ihnen hinter der Bühne auflauern?
Nein, es ist sogar so, dass ich die ersten zehn Schritte machen muss, wenn ich etwas will. Und das liegt nicht an #MeToo. Sondern weil ich Distanz gebiete, weil ich mich abgrenze. Ich will ja das Gesamtkunstwerk Lisa Eckhart sein. Es gibt viele männliche Kabarettkollegen, die Ästhetik vernachlässigen, die Form nicht mehr hochhalten und sich stattdessen mit dem Publikum verbrüdern. Das empfinde ich als unwürdig, als Verrat an sich selbst, also am Künstler. Aber auch am Publikum.

Warum Verrat am Publikum?
Wenn ich Zuschauerin bin, will ich doch etwas sehen, was mich übersteigt, also Transzendenz. Ich will kein Identifikationsangebot erhalten. Oder jemanden auf der Bühne sehen, der mir weiszumachen versucht, das kannst du auch. Das ist lachhaft.

Zu Fuss abschieben: Lisa Eckhart erklärt, warum bei ihr Umweltschutz vor Fremdenhass geht. (Quelle: Youtube)

Ihr Humor ist sehr schwarz. Wenn Sie etwa erzählen, Sie seien gegen die Abschiebung von Flüchtlingen, weil jeder Flug von hier nach Aleppo eine Tonne CO2 bedeutet.
Ich empfinde die Formel «schwarzer Humor» immer als einen Pleonasmus, denn meiner Meinung nach kann Humor nur schwarz sein: Ich kann nicht über etwas lachen, was nicht schmerzt. Daher sage ich immer: Lustig wird es erst, wenn Weinen nicht mehr ausreicht.

Humor also als Mittel, wenn wir mit etwas nicht umgehen können, etwa mit der sogenannten Flüchtlingskrise?
Genau, bei gutem Humor gibt es diesen kathartischen Effekt, also eine Art Reinigung durch Lachen. Deshalb wüsste ich auch nicht, was das Gegenteil von schwarzem Humor sein sollte. Aber was ich mitbekommen habe, sind die Schweizer sehr artig im Zuhören. Und auch sehr empfänglich für Dinge, die auf gehobene Art unter die Gürtellinie gehen. Das ist eine Dialektik, die mir sehr wichtig ist. Anders geht es nicht. Ich freu mich schon sehr auf die Schweiz. Ich werde bei meinen Gastspielen natürlich den Vorwurf machen, dass die Schweiz nicht im Krieg war.

Beim gehobenen Griff unter die Gürtellinie gehen Sie sehr weit – manchmal auch bewusst zu weit, um die Leute zu schocken?
Es ist nicht meine Absicht, die Menschen vollends zu erschrecken. Ich bin auch kein Freund der Provokation um ihrer selbst willen. Und wenn ich Menschen vor den Kopf stosse, dann war das nie meine Absicht. Ich war immer ein zurückgezogener Mensch, das heisst, ich wusste lange nicht, wo die Grenzen der anderen Menschen sind. Ich musste erst herausfinden, wie es den Menschen überhaupt geht, was ihre Befindlichkeiten und was ihre Tabus sind.

Mittlerweile werden Sie die anderen Menschen kennen. Und die Menschen kennen Sie.
Bei meinem ersten Programm war das natürlich nicht so. Da erschien mir jede Vorstellung wie ein Kampf, die Zuschauer davon zu überzeugen, dass sie damit leben können, was ich bin und ihnen erzähle. Wahrscheinlich ist es bei mir wie bei der ersten Zigarette: Man hustet, sie schmeckt einem nicht, aber am nächsten Tag will man mehr davon. Es gibt aber immer noch viele Neuankömmlinge. Vor zwei Tagen hatte ich einen Auftritt, da dachte ich in der ersten Viertelstunde: Meine Güte, die sehen mich wirklich zum ersten Mal.

Ihre Auftritte sind aber auch sehr spektakulär – und exzentrisch.
Na ja, ich glaube nicht, dass mich etwas sehr Exzentrisches umtreibt. Nur der Wunsch nach Unsterblichkeit, der uns allen gegeben sein sollte. Ich weiss, dass der Tod das Leben erst lebenswert macht. Dennoch erachte ich den Tod als grösste Zumutung – und empfinde Kunst als eine Rebellion, als einen Versuch, gegen diese Zumutung anzukämpfen. Wenn etwas von mir auch nur einen Tag nach meinem Tod weiterbestehen kann, dann habe ich meine Ziele erreicht.

Sie sind doch erst 27.
In meinem Alter war Georg Büchner schon tot. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen schmilzt zunehmend, und die Langlebigkeit von Phänomenen nimmt ab. Da möchte ich gerne auf Nummer sicher gehen. Und ich bin auch lange noch nicht zufrieden. Selbstverständlich gibt es immer wieder Momente des Grössenwahns, aber wenn es um Kunst und Sprache geht, ist das von einem Sadomasochismus geprägt.

«Wahrscheinlich ist es bei mir wie bei der ersten Zigarette: Man hustet, sie schmeckt einem nicht, aber am nächsten Tag
will man mehr davon.»
Lisa Eckhart

Eine sadomasochistische Beziehung zur Sprache?
Ja, denn vermutlich bin ich immer nur ein Freier. Vielleicht einer, den die Sprache sehr gerne hat, möglicherweise sogar einer ihrer Lieblinge. Aber doch nicht mehr als jemand, der sie ab und an besuchen, sie antichambrieren, also sich unterwürfig um ihre Gunst bemühen darf. Das spreche ich auch an in meinem Programm: Ich habe ein sehr antiquiertes Verständnis von Körper und Geist. Ich beharre da auf einem Dualismus. Und ich hadere mit meinem Körper.

Sie hadern ernsthaft mit dem Körper, um den Sie viele beneiden werden?
Ich hadere mit der Menschlichkeit, die dem Körper anhaftet. Denn wie soll man sich in solch geistige Höhe aufschwingen, wie ich das gerne würde, wenn man jeden Tag auf die Toilette gehen muss? Auf dem Weg zum Pantheon holt mich das runter. Und dann muss ich wieder von vorne anfangen.

Ihr Programm wirkt geradezu perfekt: Alles sitzt, jede Geste, jede Pointe.
Ich habe aber Ansprüche darüber hinaus. Mein Wunsch ist es, Kunst zu machen. Ich würde mir jedoch nie anmassen, zu sagen: Ich habe das schon vollbracht. Da bin ich sehr ehrfürchtig, was das anbelangt. Kunst ist für mich ein Endpunkt eines unstillbaren Strebens, dem man sich nur annähern kann. Insofern ist es ein devotes Umkreisen dieses Begriffs, ein hündischer Versuch, sich einem Ideal anzunähern. Und wenn mir das vielleicht mit 80 gelingt, dann bin ich glücklich.

Haben Sie Vorbilder?
Nein, keine Vorbilder. Aber was mich am Morgen aufstehen lässt, sind Kunst und Ästhetik. «Die Schönheit rettet die Welt», hat der grosse russische Romancier Dostojewski gesagt. Ein Satz, den Versace dann wiederholt und ich mir zu eigen gemacht habe.

Sie sind ein Fan des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, das ist kein schöner Mann.
Nein, aber ich muss sagen: Wenn jemand sehr intelligent ist, dann wird er mir mit der Zeit schön vorkommen, andersrum geht es nicht.

Es gefällt Ihnen, ein Star zu sein?
Selbstverständlich. Das freut mich. Aber ich bin soziophob. Wenn ich zu einem Dialog fähig wäre, dann würde ich nicht auftreten. Wenn Menschen sagen: «Ah, wie mutig, Sie gehen auf die Bühne», dann ist meine Antwort, nein, das ist nicht mutig, das entsteht aus einer Inkompetenz. Ich bin zwar kein Freund dieser Ideologie, dass Kunst eine Kompensation für irgendein Defizit ist. Aber in meinem Fall stimmt es einfach.

«Kunst ist für mich ein Endpunkt eines unstillbaren Strebens. Insofern ist es ein devotes Umkreisen dieses Begriffs, ein hündischer Versuch, sich einem Ideal anzunähern.»Lisa Eckhart

Das klingt nicht sehr glücklich.
Doch, doch. Ich bin ein sehr heiterer Mensch. Es gibt bei mir nichts Misanthropes oder Zynisches. Und ich arbeite einfach sehr gerne. Manche Menschen können sich gut um einen anderen kümmern. Ich kann nicht 1:1, ich scheue mich sehr vor der Verantwortung für ein einzelnes Individuum und nehme deshalb Abstand davon. Ich bleibe lieber zu Hause und schreibe von da aus für das Volk. Dann trete ich auf die Bühne und kümmere mich lieber um die paar Hundert, die anwesend sind. Ich bin übrigens der Ansicht, wir bräuchten wieder einen Monarchen. Da bin ich ganz beim deutschen Philosophen Hegel.

Einen Monarchen?
Ja, aber einen ohne politische Funktion. Mir gefällt eine Bemerkung von Slavoj Žižek, der einmal meinte, Stalin habe es nicht zu weit getrieben mit dem Personenkult, er sei immer noch zu sehr Staatsbürokrat und zu politisch gewesen. Ich glaube, dass man den Menschen eine solche Figur geben muss, zu der sie aufblicken können. Wenn man ihnen das verweigert, konzentrieren sie sich wieder auf irgendwelche dubiosen Politiker, denen sie verfallen. Ich wäre für einen Beamtenstaat – und daneben könnten wir uns einen impotenten Habsburger halten, der nur lustig winkt, sonst keinen Einfluss hat. Das Volk wäre glücklich. Ich wäre sofort bereit, eine solche Rolle zu übernehmen.


«Wir brauchen wieder einen Monarchen. Ich wäre sofort bereit, eine solche Rolle zu übernehmen»: Kabarettistin Lisa Eckhart (Foto: Keystone)

Ich glaube, den Schweizern wäre selbst ein impotenter Habsburger noch zu viel.
Das glaube ich gerne. Die Schweiz hat ja auch ein ganz anderes politisches System als Österreich oder Deutschland. Manchmal dachte ich auch: Warum können wir das nicht so machen wie in der Schweiz? Bei Ihnen scheint das ja zu funktionieren mit der direkten Demokratie, was ich mir in Österreich oder Deutschland nicht so recht vorstellen kann. Ausser in den Momenten, in denen ich mich in Sozialromantik ergehe und an die Weisheit des einfachen Volkes glaube.

Warum glauben Sie, dass direkte Demokratie in Deutschland oder Österreich nicht funktionieren würde?
Weil das einige Menschen auch gar nicht wollen. Nicht, dass ich das begrüssenswert finde, aber ich habe zunehmend den Eindruck, dass es heute viele Menschen als ihre grösste Freiheit empfinden, sich ihrer eigenen Freiheit zu berauben. Wir sehen das überall, wenn die Leute am Handy hängen. Oder auf Kreuzfahrtreisen, wo es die Menschen lieben, sich im Urlaub von Animateuren knechten zu lassen. Ich glaube grundsätzlich, dass die Menschen nie eine Möglichkeit auslassen, um sich selbst in Ketten zu legen. Und wahnsinnig gerne in Unfreiheit leben.

Ihre Auftritte sind sehr stilisiert. Auch jetzt, während wir sprechen, sind Sie perfekt gestylt. Das wirkt sehr streng.
Dieses Strenge bin ich, also nichts, was ich aufsetze. Es ist sogar so, dass mich das Publikum zu hundert Prozent hat, wie Sie mich im Einzelgespräch nicht erleben werden. Die Bühne ist der Ort, wo ich ganz mich selbst sein kann. Insofern werden die Menschen keinen privateren Eindruck von mir erhalten, wenn sie mich irgendwo zufällig treffen. Selbstverständlich gibt es immer wieder Leute, die mich irgendwo erwischen – und dann heisst es: «Ah, die ist ja doch ganz lieb und angenehm.»

Sind Sie das denn nicht?
Doch, aber die Menschen können sich nicht vorstellen, welche Anstrengung das für mich bedeutet, diese Freundlichkeit an den Tag zu legen. Ich mime dann den umgänglichen Menschen und kooperiere. Aber das tue ich mir doch nicht die ganze Zeit an. Ich kann mich doch nicht immer auspowern. Wie ich in meinem Programm ja auch sage, lege ich grossen Wert auf Zucht und Ordnung, weil ich darin sehr viel Freiheit sehe. Oder gar eine Rebellion.

Zucht und Ordnung als Rebellion?
Ja, ich bin kein Freund des Permissiven und der Laissez-faire-Erziehung. Wenn man alle Beschränkungen, Verbote und Gebote wegnimmt, dann sind die Menschen weiter streng gegen sich selbst, dann verlagern sie die Verbote in sich selbst. Ich sehe, was dies mit den Menschen macht: Wie sie sich mit ihrer Selbstoptimierung quälen. Das würde nicht passieren, wenn man sie von aussen drillen würde. Denn dann hätten sie eine Bastion der Freiheit in sich selbst aufgebaut, um zu verteidigen, was ihnen wertvoll ist.


«Die Herstellung von einem Paar Jeans braucht 7000 Liter Wasser. Und nicht zu vergessen ein Kind, das den ganzen Tag giftige Dämpfe einatmen muss. Und das ist schlimm! Denn diese Kinder könnten viel schneller nähen, wären sie nicht dauernd zugedröhnt», sagt Lisa Eckhart (Quelle: Youtube)

Aber Sie sind doch gerade gegen das, was politische Korrektheit genannt wird.
Absolut. Ich empfinde das als sehr problematisch, weil ich kein Freund von jeglichen Regulierungen bin, was das Moralische und Sittliche anbelangt, wenn es nicht aus einem selbst kommt. Wir haben auch eine komische Moral in dem Sinne entwickelt, dass heutzutage das Hässliche das Schöne ist. Das fängt bei den Bioäpfeln an: Der schrumpligste gilt als der beste. Das wird dann auf Menschen übertragen: Wer intellektuell ist, darf nicht zu schön sein. Ein altes Klischee. Aber ich bin da voll und ganz beim Ideal der griechischen Antike: Das Schöne ist das Gute.

Aber es ist doch gut, gewisse Dinge zu regeln – und zu sagen, was nicht in Ordnung ist!
Mir scheint das alles sehr angelernt, dieser Autoritarismus: Du musst so und so sprechen – das lernen die Menschen heute. Und wenn es jemand nicht macht, wird er sanktioniert. Aber ich sehe da keine Erkenntnis: Wenn jemand die richtigen Sprachformeln benutzt, dann kann ich daraus nicht schliessen, dass diese Menschen andere respektieren.

Und was wäre die Alternative?
Es müsste so sein wie in den Mathematik-Schularbeiten, wo ein Ergebnis nicht als richtig anerkannt wird, wenn der Rechenweg nicht dokumentiert ist. Wenn die Menschen gendern, dann sehe ich den ‹Rechenweg› nicht. Es kann sein, dass sie völlig homophob und misogyn sind, aber die Sprache ‹richtig› verwenden – das bringt nichts. Aber wenn ich sehe, dass jemand spontan und flexibel sprechen kann, Humor versteht und ich da ein bisschen reinfahren kann, dann ist das viel wichtiger als etwas konsequent-kategorisch, also stumpfsinnig durchzuziehen.

Sie sagen in Ihrem Programm, Abschiebungen hätten eine «unbezahlbare Komik», weil ein Flüchtling in wenigen Stunden mit dem Flugzeug wieder zurückgeschafft wird, nachdem er wochenlang zu Fuss unterwegs war.
Vielleicht bin ich da etwas naiv, denn es gibt ja tatsächlich Leute, die sehr menschenverachtend sind und darüber Scherze machen können. Aber in meiner idealistischen Vorstellung ist Humor ein Zeichen von Reife. Wenn ich jetzt einen spielerischen Rassismus an den Tag lege, hoffe ich schon, dass die Menschen sehen, dass ich es tun kann, weil ich Rassismus lächerlich finde.

Sicher? Es könnte ja sein, dass Rechte Ihr Programm schauen und sich sagen, endlich darf ich öffentlich hämisch über Flüchtlinge lachen.
Den Eindruck habe ich nicht. Ich kenne zwar persönlich keine rechtsextremen Menschen, aber wenn ich mir die Rechten so anschaue, dann können die wohl kaum über das lachen, was ich erzähle. Die haben so grosse Angst, dass der Flüchtling kommt. Und wenn sie bei mir im Programm sitzen, werden sie nicht den Eindruck gewinnen, dass ich sie in ihrer Angst vor der Islamisierung des Abendlandes ernst nehme. Ich thematisiere auch das Larmoyante, das es links wie rechts gibt. Aber bei den Rechten ist diese Weinerlichkeit ja wirklich bodenlos. Da gibt es keine Überheblichkeit mehr im Sinne von: «Wir, das deutsche, das arische Volk», sondern nur noch Angst und einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Ausländern.

«Ich möchte mit meinem Programm das Expansive aus den Menschen rauskitzeln, weil ich das für humaner halte. Da bin ich ganz bei Nietzsche: Ich glaube an den Herrenmenschen.»Lisa Eckhart

In Ihrem Programm wird der Mensch als etwas Expansives beschrieben, eigentlich will er dauernd Polen erobern. Aber wenn er es erobert hat, weiss er nicht, was er damit anfangen soll, haben Sie einmal gesagt.
Das ist ja das Problem des Begehrens: Es treibt einen die ganze Zeit um. Aber das Schlimmste, was einem passieren könnte, wäre die Erfüllung dieses Begehrens. So ist es auch bei mir und der Kunst. Aber es stimmt: Ich möchte mit meinem Programm das Expansive aus den Menschen rauskitzeln, weil ich das für humaner halte als das Ressentiment. Da bin ich ganz bei Nietzsche: Ich glaube an den Herrenmenschen.

Also bitte!
Verstehen Sie mich nicht falsch: Herrenmensch hat nichts mit Rasse oder Geschlecht zu tun. Aber mit Willen und Stärke. Die Mikroaggressionen werden immer winziger, von denen Menschen heute behaupten, dass sie davon traumatisiert und lebensunfähig gemacht wurden. Das Sich-Gefallen in der Schwäche macht sehr verbittert: Menschen mit 50 berufen sich noch immer auf ihre schlimme Kindheit, weil sie nicht genügend Schokolade erhalten haben. Das hat doch keinen Sinn. Da sage ich: «Bitte kämpft ein bisschen gegen das Leben an. Es ist furchtbar, ich weiss, aber es ist etwas Wichtiges, mit Kränkungen umgehen zu lernen.» Das heisst nicht, dass man keine Schwäche zeigen darf. Ich propagiere keine Gefühllosigkeit. Aber es gilt, Wunden bewusst vernarben zu lassen. Wir lernen dauernd, wie man jemanden nicht kränkt. Genauso wichtig scheint mir der Versuch, darüber zu stehen und nicht mehr verletzt zu sein.

Kränkt es Sie noch, dass Sie von allen Schauspielschulen abgelehnt wurden, an denen Sie sich bewarben?
Oh Gott, nein. Was wäre das für ein Albtraum: Ich müsste jetzt fremde Texte auswendig lernen und von einem Regisseur Anweisungen entgegennehmen, wie ich mich auf der Bühne zu bewegen habe. Es wäre auch nicht das Richtige für mich gewesen, auf keinen Fall. Jene, die mich ablehnten, hatten völlig recht. Das war für mich eine wichtige Erfahrung. Ich möchte das Scheitern jetzt nicht zu stark verherrlichen, weil es dann wieder in so einer Ästhetik ausartet, also dass Menschen es suchen wie der Junkie einen Schuss Heroin. Aber das Scheitern meiner Bewerbungen an den Schauspielschulen hat mich auf den richtigen Weg geschoben.


«Wissen Sie, was das schlimmste Kinderbuch ist? ‹Der Regenbogenfisch›.» Eckharts Paradenummer, die oft missverstanden wird (Quelle: Youtube)

Ist es für Sie nicht sehr einfach, aus privilegierter Position zu sagen, es gehe darum, über allem zu stehen – während andere leiden?
Auf jeden Fall. Mein Frausein hat mir eher Türen geöffnet als verschlossen. Teils auf unangenehme Weise, also dass ich den Eindruck habe, dass ich irgendwohin eingeladen werde – nicht dank, sondern trotz meiner Fähigkeiten. Frauen haben mit ihren Reizen zudem auch ein unfassbar manipulatives Talent. Wenn dann noch eine Rhetorik und ein gewisser Charme dazukommt, dann ist die Frau kaum mehr vom Thron zu stossen.

Wirklich?
Ja, ich höre Männer auch zu und geniesse es, wenn in ihnen dieses Gefühl wächst, dass das jetzt alles sehr wichtig ist, was sie da sagen. Wenn junge Frauen darüber sprechen, wie unterprivilegiert sie sind, dann ist das meist Unfug. Denn das sind oft nicht Frauen, die aus einer Kaste stammen, die finanziell benachteiligt ist. Es ist mir aber sehr wichtig festzuhalten, dass ich nicht einem neoliberalen Ansatz anhänge. Also dieser Ideologie, dass alle alles werden, haben oder erreichen können. Das ist Unsinn. Zum einen, weil es nicht erstrebenswert ist. Zum anderen aber auch, weil wir ein Wirtschaftssystem haben, in dem verhindert wird, dass die Menschen alles ausschöpfen, was sie können. Es gibt in meinem Programm eine Nummer, in der es um ein Kinderbuch über einen Regenbogenfisch geht.

Ein Regenbogenfisch reisst sich seine Schuppen aus, um sie anderen Fischen zu geben, damit auch die ein wenig glitzern können. Bei Ihnen ist diese Geschichte ein Pamphlet gegen die Gleichmacherei.
Ja, das fängt heute ja schon im Kleinen an: Selbst im Kindergarten sind die Pokale fürs Teilnehmen an einem Wettbewerb gleich gross wie der des Gewinners. Da wird ein Egalitarismus betrieben, der nichts mehr aufweist, was als Herausforderung gesehen wird, sich geistig oder künstlerisch zu profilieren. Meine Nummer zum Regenbogenfisch ist durchs Internet geschwommen und hat viele unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, was ich schön finde. Aber manche haben ihn als antikommunistisches Manifest gelobt. Das wollte ich nicht, denn was das Materielle betrifft, soll jeder gleich viele Schuppen haben. Auf der Bühne lasse ich das immer offen, aber wenn ich es beschreiben müsste, würde ich sagen, politisch bin ich k.u.k.

Kaiserlich und königlich?
Nein, konservativ und kommunistisch. Das wird mich jetzt in der Schweiz wahrscheinlich Zuschauer kosten, aber das ist es mir wert: Ich bin davon überzeugt, dass sehr viel getan werden muss, um Menschen die Möglichkeit zu geben, so menschenwürdig zu leben, dass sie Stärke entwickeln können. Wobei die wahrscheinlich eh Stärke haben, die kämpfen müssen. Schwäche entsteht wohl erst, wenn man eine gewisse Dekadenz erreicht hat, wenn man sie sich leisten kann. Ich bin der Ansicht, dass Identitätsprobleme keine Priorität haben sollten, solange nicht jeder materiell-existenziell versorgt ist. Ich habe kein Verständnis dafür, mit welchen Kleinigkeiten herumhantiert wird, wenn ernsthafte Probleme wuchern, die geschlechtslos sind.

«Wenn junge Frauen darüber sprechen, wie unterprivilegiert sie sind, dann ist das
meist Unfug.»
Lisa Eckhart

Würden Sie sich selbst als frei beschreiben?
Ja, schon. Aber als freier Mensch, der das Bewusstsein hat, sich unterwerfen zu können. Das ist etwas, was ich sehr geniesse. Ich unterwerfe mich nicht der Technik, aber Menschen. Das hat jetzt nicht unbedingt etwas Sexuelles an sich, es ist eher rhetorischer Natur. Ich bin zum Beispiel ein grosser Freund des Briefeschreibens. Das mache ich wahnsinnig gerne, um da ein Pathos an den Tag legen und mich höfisch ergeben zu können. Aber auch das Sexuelle ist nicht auf Augenhöhe möglich.

Wirklich?
Jeder muss sich abwechselnd vor dem anderen in den Staub werfen – und diesen mit Lust fressen. Für mich gibt es Respekt nicht auf Augenhöhe. Deshalb beharre ich auch so auf dem Siezen: Wenn ich jemanden mit «Sie» anspreche, dann gehe ich in dem Moment vor dieser Person in die Knie. Aber man kann nur in die Knie gehen, wenn man gestanden hat, und ich weiss, dass ich stehe, deshalb kann ich mich vor jemandem mit Freuden verbeugen. Weil ich weiss, wie ich wieder nach oben komme.

Stimmt es wirklich, dass Sie nach vier Programmen Ihre Kabarettkarriere beenden wollen?
Ja.

Aber dann werden Sie doch erst Anfang dreissig sein.
Ja, aber dann ist Schluss. Dann werde ich nur noch Bücher schreiben. Bereits im August erscheint mein erster Roman: «Omama», keine lustige Kurzgeschichtensammlung, wie man vielleicht erwarten könnte, sondern ein Roman über Grosmutter – meine oder eine andere, das überlasse ich der Germanistik.

So viel wie jetzt werden Sie mit Büchern wohl nicht verdienen.
Davon gehe ich auch aus. Wenn meine Familie und Verwandtschaft sagt, sie wünschen sich nur etwas Kleines, nichts Grosses zu Weihnachten, dann sage ich: Vor allem jetzt müsst ihr euch etwas Grosses von mir wünschen. Denn in sechs Jahren bin ich nurmehr Schriftstellerin. Dann bastle ich euch wieder etwas.

Sie werden sich also schon in ein paar Jahren voll und ganz von der Bühne zurückziehen.
Ja, manchen ist es gegeben, dauernd unterwegs zu sein. Aber ich bin furchtbar gerne zu Hause, denn ich bin ein irrsinnig klaustrophiler, phlegmatischer Mensch, der das Zimmer am liebsten nicht verlassen möchte. Wenn ich mich aufs Bücherschreiben zurückziehe, werde ich den Kontakt zu den Menschen aber nicht ganz verlieren. Denn ich mag sie ja wirklich. Ich werde dann manchmal auf den Balkon gehen und winken. Das wäre ja zu abgehoben, wenn ich das nicht machen würde.

Lisa Eckhart gastiert mit ihrem Programm «Die Vorteile des Lasters» am 3.12. im Theater National in Bern, am 4.12. ist sie damit im Casinotheater Winterthur zu sehen.



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Erstellt: 30.11.2019, 21:23 Uhr

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