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Ihre Gretchenfrage geht aufs Ganze

Ursina Lardi hat an der Eröffnung des 4. Schweizer Theatertreffens in Lugano den Schweizer Grand Prix Theater erhalten.

Wirft sich stets mit Leidenschaft in ihre Szenen: Ursina Lardi 2010.
Wirft sich stets mit Leidenschaft in ihre Szenen: Ursina Lardi 2010.
Keystone

Lenin wird eine hochgewachsene, elegante Engadinerin sein: Im Herbst steht Ursina Lardi in Milo Raus «1917» als Revolutionsführer auf ihrer Bühne, sprich der Berliner Schaubühne. Noch weiss sie nicht, wie das aussehen wird. Aber wir wissen jetzt schon: Es wird stimmen.

Schwerelos radikal

Denn egal, ob russischer Revolutionär bei Milo Rau, ob russischer Teenager im Rollstuhl in Thorsten Lensings hinreissendem Abend «Karamasow» oder ob schweizerisches, irgendwie bauernschlaues Provinzhuscheli in Raus grandiosem Theateressay «Mitleid», das sich der Welt- und Selbstrettung verschrieben hat: Die 1970 in Samedan geborene, in Poschiavo aufgewachsene Schauspielerin wirft sich mit Leidenschaft in ihre Szenen. Und sie nimmt uns dabei mit.

Mit den Worten von Bundesrat Alain Berset: «Es ist, als durchziehe das Leitmotiv der Vielfalt bis heute das Berufsleben der diesjährigen Preisträgerin des Schweizer Grand Prix Theater/Hans-Reinhart-Ring: Sie hat Königin Elizabeth gespielt – und eine obdachlose Alkoholikerin. Sie brillierte als Katharina von Siena – und als Dornröschen.» Ebenso mühelos wechsle sie zwischen den Medien Theater, Film und Fernsehen.

Laudator Berset pries bei der Übergabe des mit 100'000 Franken dotierten Preises, mit dem das 4. Schweizer Theatertreffen in Lugano eröffnete, die «höchst wandlungsfähige Schauspielerin, die Leichtigkeit mit Leidenschaft verbindet. Mehr noch: Schwerelosigkeit mit Radikalität». Die Frau mit der blaublütigen Anmutung – welche bestens zu ihrer Rolle als Baronin in Michael Hanekes Film «Das weisse Band» (2009) passte –, die Frau, die auch heissblütige Kratzbürstigkeiten anstandslos kann, wie sie beispielsweise unlängst im schweizerischen Coming-Out-Film «Unter der Haut» (2015) bewies, fürchtet sich nicht vor dem «Psychologischen», wie sie sagt. «Ich betrete die Situation, gehe in sie hinein», beschreibt sie ihre Arbeit; und ihre Lust.

Viel zu oft sehe man auf der Bühne Leute, die spielen, dass sie spielen. «Dass Theater Fake ist, braucht man keinem vorzuführen, das wissen doch alle. Spiel’ halt einfach; spiel’ wirklich und gegenwärtig», fordert Ursina Lardi. Auch das oft verpönte Wort «glaubwürdig» fällt, wenn sie von ihrem Beruf spricht. Das einzig Authentische auf einer Bühne sei sowieso das Spiel. «Ideen können Schärfe haben, Tiefe bekommen sie durchs Spiel.»

Wirklich spielen

So geht Ursina Lardis Credo – ja, das ist die Verantwortung, die sie fühlt, wenn sie auf Kosten von Bürgern und Besuchern Theater macht. Und ihre persönliche Gretchenfrage nach jeder Vorstellung lautet: «War ich heute Abend ganz da? Bin ich weit genug gegangen?» Die Actrice bewertet die Figur nicht, die sie gibt, und sie geheimnisst auch nichts in sie hinein. «Ich denke gar nicht so sehr an die Figur, sondern agiere in der Situation», beschreibt sie ihre Technik. «Ich spreche den Text und nehme ernst, was ich sage. Das ist schon sehr viel. Dann schaue ich, was passiert.» Der Unterschied zwischen Film und Theater sei zwar gross, liege aber nicht in der Technik, sondern darin, dass das Theater den Schauspieler nicht an sein Aussehen fessle; dass man auf der Bühne einfach alles spielen könne.

Dass die Schauspielerin mit diesem Ansatz bei ihren Zuschauern einen Nerv trifft, ist keine Frage. Ein Intendant hatte die angehende Primarschullehrerin einst beim Laienspiel gesehen und ihr ein Schauspielstudium anempfohlen. In Berlin, an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, folgte sie der Empfehlung – und sofort gabs Engagements am Berliner Gorki-Theater, in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und ab 2004 auch an der Berliner Schaubühne, wo Lardi seit knapp fünf Jahren Ensemblemitglied ist. Und die Schaubühne, konstatiert sie, die sei stets voll. «Die Leute stehen Schlange für die Karten und harren auf Campingstühlen aus.»

Der Ruf nach Subventionskürzungen und weniger Theater: für Ursina Lardi ist er verfehlt. «Theater ist ja nicht totzukriegen. Es setzt, wie alle Künste, dort an, wo man mit der Wissenschaft nicht weiterkommt». Deshalb findet sie «es natürlich gut, dass da Geld fliesst, möglichst viel Geld, na sicher.» Selbst dann, wenn es sich um eine geistig lebenserhaltende Massnahme für lediglich eine Minderheit handeln sollte, dürfe gerade die Schweiz in der Unterstützung nicht nachlassen. Minderheitenschutz werde hier doch grossgeschrieben. Darum schätzt die Künstlerin auch die Signalwirkung des Schweizer Grand Prix Theater – ganz abgesehen von der persönlichen Freude über die Anerkennung und, wie sie unumwunden einräumt, über das Preisgeld.

Theaterkrisenkritik

Berset will den Preis für Ursina Lardi denn auch verstanden wissen als «eine Ermutigung für alle jene, die davon überzeugt sind, dass unsere Vielfalt nicht einfach verwaltet werden darf, sondern immer neu entdeckt – und ja: auch erarbeitet – werden muss.» Die Schauspielerin selber nimmt jedenfalls auch ihre eigene Zunft in die Pflicht: «Wir, die Theater machen, müssen natürlich an das Theater glauben. Wir müssen es lieben, trotz aller Fragen, das ist klar.» Sie vermutet, dass die vielbeschrieene Theaterkrise dort spürbar wird, wo Theaterleute sich lustlos und furchtsam vor dem Spiel in Debatten flüchten – so dass sich das Publikum ebenfalls nicht hingeben kann.

Allerdings nimmt die überzeugte Schauspielerin ihre Gewissheiten gleich selbst wieder zurück. «Das ist meine Sicht. Ich bin eine, die tut und nicht theoretisiert. Predigen liegt mir nicht.» Ursina Lardi – die seinerzeit in die Schauspielerei «hineingerutscht» sei wie in ihre Wahlheimat Berlin, wo sie mit Teenagersohn und Mann ein Leben führt, das durchaus als gutschweizerisch bodenständig durchgehen könnte –, sie gibt sich hin.

4. Schweizer Theatertreffen, bis 28. Mai. Die acht ausgewählten Produktionen aus den verschiedenen Sprachregionen sind auf diversen Tessiner Bühnen zu sehen; 2018 logiert das Theatertreffen in Zürich. http://rencontre-theatre-suisse.ch/de

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