Im Schiffbau knallte ein blutjunges Unterhosentheater rein

Mit einem wilden Horváth und einer Moma-Choreografie ging die Eröffnung des Zürcher Schauspielhauses zu Ende. Das Publikum jubelte.

Kasimir versucht vergeblich, seine «Karoline» zu halten – in der frischen Horváth-Inszenierung von Leonie Böhm. Foto: Reto Schmid

Kasimir versucht vergeblich, seine «Karoline» zu halten – in der frischen Horváth-Inszenierung von Leonie Böhm. Foto: Reto Schmid

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Es sieht fast aus wie von Ferdinand Hodler gemalt: das Riesengemälde mit den vier nackten jungen Männern, die da, zur Gruppe arrangiert, einander an den Händen fassen und doch ausdruckslos nach vorn schauen. Das Tuch zwischen ihnen ist zerschnitten; in Streifen hängt das gewaltige Bild von der Decke. Genau, wer an unsere prinzipielle Geworfenheit, an unsere Entblösstheit und Einsamkeit denkt bei Zahava Rodrigos Bühnenbild zu Ödön von Horváths «Kasimir und Karoline», der denkt richtig. Denn diese Inszenierung arbeitet auch im Wortsinn plakativ. Und springt den Besucher an.

Was sie nicht mehr brauchte aus dem Stück von 1932, haute die junge Regisseurin Leonie Böhm nämlich umstandslos heraus; und was sie daran interessierte, übertrug sie ebenso umstandslos in ein heutiges Beziehungstohuwabohu – damals, als sie noch an der Theaterakademie in Hamburg studierte; gern auch mit Publikumsinteraktion. Und selbst nach vier Jahren strahlt diese Inszenierung einen derart inspirierten jugendlichen Übermut aus, dass klar war: Fürs neue Zürcher Schauspielhaus konnte die frischgebackene Hausregisseurin Böhm als Einstandsgeschenk nichts Besseres aussuchen.

Hinreissendes Buben-Kleeblatt

Die Intendanz wünscht sich Elan und Zeitgenossenschaft – und das bekommt sie. Leonie Böhm, Jahrgang 1982, hat Horváths heftige Pointen aus der Szenenfolge herausskelettiert, sodass der Schmerz über die Verhältnisse freiliegt wie während der 70 Vorstellungsminuten die Unterwäsche von Kasimir (Lukas Vögler).

Dessen Stelle als Chauffeur ist bekanntlich wegrationalisiert worden, und er lässt von Anfang an finanziell, emotional und physisch die Hosen runter: Super-Unterhosentheater! «Da fliegen droben zwanzig Wirtschaftskapitäne, und herunten verhungern derweil einige Millionen», stellt er trocken fest. Oder: «Die Liebe höret nimmer auf, solang du nämlich nicht arbeitslos wirst.» In seinem Fall heisst die Liebe eigentlich Karolinus (Cedric von Borries). Als seine bessergestellten Rivalen tauchen Vincent Basse in Goldhose und der indiemässige Theater-Musiker Johannes Rieder auf. Ein hinreissendes, hochkomisches und todtrauriges Buben-Kleeblatt!

Rülpsen und rammeln

Man rollt herum, rülpst, rammelt, rotiert zwischendurch auch verbal herum, als sei man in einem René-Pollesch-Abend. Und verfehlt am Ende alles, was zählt. «Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich. Aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln; und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen», sagt «Karoline». Und wir sind total froh, dass wir bei dieser Aufführung dabeigewesen sind.

Leonie Böhms Ästhetik ist anschlussfähig an ein Theater, das zwar entschieden erzählen will und dazu auch scheinbar olle Kamellen und alte Klassiker auftischt, aber mitreflektiert, was darüber schon Kritisches abgehandelt wurde. Und das dafür nonchalant Körperwirklichkeiten ausspielt. Tuchakrobatik und Knutschakrobatik: Beides darf da den Text burlesk bebildern, Zuschauer bezirzen.

Drei Tänzer auf der Suche nach der Muse. Foto: Reto Schmid

Zum Finale des Schauspielhaus-Eröffnungsmarathons wurde in der Schiffbauhalle dann noch einmal eine völlig andere ästhetische Position eingenommen. Trajal Harrells «In the Mood for Frankie», eine Auftragsarbeit des Moma aus dem Jahr 2016, ist eine hermetisch-repetitive Choreografie für drei Tänzer auf der Suche nach der Muse.

Auf zwei Marmorplattformen treten Harrell, Thibault Lac und Ensemblemitglied Ondrej Vidlar auf wie in einem Voguing-Wettstreit – mit Kostümen etwa von Jean Paul Gaultier, Comme des Garçons und Ann Demeulemeester. Die auf den Catwalk zielenden Bewegungsmuster werden präzise zergliedert, mit Butoh-Referenzen angereichert und zu einem fluiden Soundtrack durchgeschwungen. Muss man «in the mood» für sein.

«Kasimir und Karoline» bis mindestens 21. Oktober; «In the Mood for Frankie», letzte Vorstellung 20. Oktober.

Erstellt: 16.09.2019, 12:06 Uhr

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