«In Israel lauert überall Rassismus»

Der Performer Hillel Kogan nimmt in «We Love Arabs» den Alltagsrassismus in Israel aufs Korn. Das Misstrauen sei dort nicht weniger ausgeprägt als anderswo.

«Ich kenne gar keinen anderen arabischen Tänzer»: Performer Hillel Kogan (vorne) mit Adi Boutrous. Foto: Gadi Dagon

«Ich kenne gar keinen anderen arabischen Tänzer»: Performer Hillel Kogan (vorne) mit Adi Boutrous. Foto: Gadi Dagon

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Nur Hillel Kogan hat ein Mikro während des hoch ironischen Duetts «We Love Arabs». Der arabische Tänzer Adi Boutrous spricht wenig, folgt vor allem Kogans Anweisungen. Am Ende jedoch gehen sie Hand in Hand, der Jude und der Araber. Sie teilen Brot und Hummus miteinander, während Mozart säuselt und die Zuschauer vom Frieden träumen: Das 2013 in Tel Aviv uraufgeführte Stück des israelischen Tänzers Hillel Kogan konfrontiert uns mit politisch korrekten Fantasien in Israel und anderswo – und mit unserem inneren Schweinehund.

Warum «We Love Arabs»?
Dass der Konflikt zwischen Juden und Arabern für einen israelischen Künstler ein brennendes Thema ist, versteht sich von selbst. Als dann ein Festival von mir einen Beitrag zum Alltagsleben wünschte, entwickelte ich «We Love Arabs» als eine Studie darüber, wie der Rassismus unseren Alltag durchdringt. Wie tief er auch in mir drinsteckt.

Sie sehen bei sich Rassismus?
Das fängt schon damit an, dass ich keine arabischen Tänzer kenne ausser Adi Boutrous. Ich arbeite in einem Tanz­zentrum, das fünf Minuten von Jaffa entfernt liegt – jenem Teil Tel Avivs, wo viele Araber wohnen –, aber es gibt buchstäblich keine Interaktion. Überhaupt: Die Araber machen 20 Prozent der israelischen Bevölkerung aus, haben einen ­israelischen Pass, israelische Bürgerrechte – aber quasi null Repräsentation in den verschiedensten Bereichen. Gerade in der Kulturszene existiert eine gläserne Wand. Da gibt es die arabische Kultur und ihre «Folklore» – und es gibt die jüdische. Das ist wie anderswo die Arbeitswelt ohne Frauen. Araber und Juden können nicht zusammenkommen. Gemischte Liebesbeziehungen sind sehr selten und werden äusserst skeptisch beäugt. Dass Boutrous mit einer Jüdin zusammen ist, stösst auf viel Irritation, sogar in der liberalen Tel Aviver Tanzszene; auch in der Familie der Frau.

Was behindert den Brückenschlag?
Die Historie und die heutige politische Situation machen es nicht einfach, klar. Aber dass so viel Verzweiflung, Misstrauen und Angst herrschen auf beiden Seiten, müsste nicht sein. Viele arabische Israelis fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, und das nicht zu Unrecht. Budgetmässig kommen sie oft zu kurz. Die Nationalhymne mit ihren Versen über die «jüdische Seele» und «Zion» repräsentiert sie nicht; die Flagge genauso wenig. Sie werden nicht zur Teilhabe an der Mainstream-Gesellschaft eingeladen. Israel als Staat hat eine zionistische Ideologie: Zuerst kommen die Juden, dann alle anderen. Wenn ein Staat seine Bürger so hierarchisiert, können die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nur mit Mühe friedlich koexistieren oder gar kollaborieren. Von den Palästinensern in der Westbank und im Gazastreifen spreche ich dabei noch gar nicht. Ich mache gerade Urlaub in Berlin und muss sagen: Deutschland wirkt auf mich keineswegs rassistischer als Israel.

Wirklich?
Als Tourist, der bei seiner Schwester wohnt, sehe ich ja die dunklen Seiten Deutschlands nicht. Ich fühle mich hier willkommen, und das Bewusstsein für die Verbrechen in der Geschichte ist präsent. Von Israel hingegen weiss ich, dass der Rassismus überall lauert und sich nicht nur gegen die Araber richtet. Das Land wurde von Zionisten aus Deutschland, Österreich, Ungarn und Russland gegründet, hat eine «weisse» Kultur. Juden aus dem Jemen, dem Irak oder aus Marokko werden diskriminiert, ebenso schwarze Juden. Ein grosses Thema sind auch die Flüchtlinge, besonders die aus Äthiopien, Eritrea, dem Sudan. Sie werden häufig als kriminell abgestempelt. In Tel Aviv mit seinen 400 000 Einwohnern gibts 50 000 Flüchtlinge: Das löst Ängste aus. Man fürchtet – so die apokalyptische Vorstellung – den Verlust der jüdischen Mehrheit. Die heutige Kulturministerin Miri Regev nannte die Flüchtlinge einmal den «Krebs unserer Gesellschaft». In meinem Alltag in Israel ist der Rassismus versteckt, aber immer da. Versuchen Sie mal, eine Demo für Flüchtlinge zu organisieren! Das ist fast unmöglich.

Was kann ein Stück wie «We Love Arabs» erreichen?
Niemand glaubt mehr an eine Agitprop-Kunst, die die Welt verändert. Und bei denen, die zur Soiree kommen, renne ich offene Türen ein. Erst mal schaue ich in «We Love Arabs» also, was israelische Identität für mich bedeutet: etwa die Freiheit zu Protest und Selbstkritik. Und ich untersuche, wie ich mich in einer Machtposition verhalte. Denn darin bin ich – als Jude gegenüber dem Araber, als Choreograf gegenüber dem Tänzer. Dadurch, dass ich mich und meine Rolle ordentlich durch den Kakao ziehe, mache ich auch für den Zuschauer den Weg frei zur Selbstkritik. Erst kommt die Komödie, dann, durch sie, der kritische Blick.

Ist politische Kunst passé?
Auf gar keinen Fall! Man darf sich aber nichts vormachen: Oft reproduziert sie bloss Klischees, egal welcher Art, gerade im Tanz. Mein Stück handelt daher von einem Choreografen, der ein symbolisch-politisches Stück über Araber und Juden machen will – und dafür alle Differenzierungen plattwalzt. Für uns und den typischen Westeuropäer bedeutet Araber Muslim; und Muslim bedeutet Angst und Terror. Künstlerisch gesehen, brauche ich als Gegenfigur zum Juden den Muslim: Das ist wie eine mythische Opposition. Dass der arabische Tänzer hier ein Christ ist, passt da nicht. Also leugnet der Choreograf dies einfach, bemalt den Tänzer mit einem islamischen Halbmond – und ich stelle diese Leugnung humoristisch aus.

Und der Choreograf sind Sie.
Genau: geboren in Israel als Kind einer jüdischen Familie, die aus Moldau stammt – und nicht religiös ist. Auch ich bin nicht im Geringsten religiös; Jüdischsein ist für mich eine nationale Identität. Aber was für eine Identität hat dann der arabische Israeli? – Es gibt noch andere Manierismen der politischen Kunst, die ich hier hinterfrage. Etwa, wieso zwei Männer auf der Bühne bewegungsmässig stets homoerotische Assoziationen abrufen müssen. Das Stück ist auch eine Selbstreflexion und eine Karikatur des Künstlerstrebens, Inhalte in Form, Farbe und Bewegung zu übersetzen.

Ihre Karikatur arbeitet mit Sprache.
«We Love Arabs» ist fast eine «lecture performance». Dass es für mich trotzdem ein Tanzstück ist, liegt daran, dass es nach dem Rassismus in einer Bewegung, einer Raumkonstellation fragt.

Die Kulturministerin Miri Regev versucht, kritische Theatermacher zu zensieren. Als der christliche Araber Norman Issa nicht bei Siedlern auftreten wollte, drohte sie ihm prompt mit der Streichung von Geldern für sein Theater. Schrumpft die Freiheit der Kultur in Israel?
Oh ja! Aber nicht wegen Miri Regev. Ich finde es zwar schlimm, dass sie auf die Subventionspolitik Einfluss zu nehmen versucht; Subventionszuteilung ist nicht ihr Job. Ich persönlich habe aber mit dem Kulturministerium bis jetzt gut zusammengearbeitet. Beängstigend ist: Es geht Regev gar nicht um Issa, sondern um den Wähler. Und dass sie tatsächlich die Sympathie eines grossen Teils der Wähler mit solchen Aktionen gewinnt, ist das eigentlich Schreckliche. Die Leute auf der Strasse sind rassistischer geworden, nationalistischer. Der Geist der Strasse bedroht die Freiheit.

Wieso sind die Leute rassistischer geworden?
Die Fronten haben sich verhärtet. Es ist ja nicht so, als gebe es keine Gewalt, keinen Krieg, keine Hamas. Aber die jüdische Gesellschaft ist blind gegenüber der Tatsache, dass wir nun die Besetzer sind. Das wird nicht formuliert. Die Vergangenheit heisst Holocaust, und die jüdische Story der Gegenwart heisst nicht «Besetzung», sondern «Verteidigung» gegenüber «muslimischer Gefahr». Sie heisst nicht «Enteignung der anderen», sondern «Rückkehr zum Land der Väter». Medien wie Politiker bespielen diese Story für ihre Zwecke. Sie zeichnen einen monsterhaften Feind.

Welche Konsequenzen hat da der neue Iran-Deal der USA?
Er bestätigt alle Ängste nach dem Motto: Wir können niemandem trauen, müssen uns verteidigen, sind isolierte Opfer, deren Sicherheit weniger zählt als die wirtschaftlichen Interessen des Westens.

Was sollte Westeuropa tun?
Das ist eine schwierige Frage. Einerseits sollte man signalisieren, dass Israel nicht allein ist, andererseits deutlich Grenzen setzen. Jeder weiss, dass wir eine Zweistaatenlösung brauchen, auch die Konservativen; auch Netanyahu. Das Konzept ist klar, die Konditionen sind das Problem.

Inwiefern?
Alles ist umstritten: Wo werden die Hauptstädte sein? Können vertriebene Palästinenser zurückkehren – und wenn ja, zu welchen Bedingungen? Hat der palästinensische Staat eine Armee? Wer kontrolliert sie? Ich denke, die arabische Welt hat verstanden, dass Israel ein Faktum ist und bleiben wird. Das ist gut so. Trotzdem ist die politische und kulturelle Entität Israel auf der Landkarte des Nahen Ostens noch ein Fremdkörper: ein von aussen aufgezwungenes Ding, das die Araber permanent an koloniale Zeiten erinnert, an den alten patriarchalen Orientalismus der westlichen Welt. Wir werden – irgendwann – Frieden haben, davon bin ich fest überzeugt. Aber ich werde das wohl nicht mehr erleben.

Erstellt: 03.08.2015, 04:55 Uhr

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Hillel Kogan

Choreograf des Jahres

Hillel Kogan, geboren 1974, studierte am Merce Cunningham Studio, New York. Er tanzte bei der Westschweizer Compagnie Nomades und beim Gulbenkian Ballet. Die israelische Tanzkritik ehrte ihn für «We Love Arabs» als «herausragenden Choreografen» des Jahres 2013. Das Stück gastiert nun am Zürcher Theater Spektakel, das 2015 den Fokus «Körper und Macht» hat. (ked)

Auf der Landiwiese (Zelt Süd): 7. 8. und 8. 8.

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